Book Review

Christian Müller: Erlebte Psychiatrie 1946-1986

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2017.00485
Publication Date: 17.05.2017
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(04):124

Maya Borkowsky

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Christian Müller

Erlebte Psychiatrie 1946–1986

Hrsg. von Bernhard Küchenhoff.

Basel: Schwabe; 2016.

Gebunden, 269 Seiten, 1 Abb.

Preis: Fr. 48,00 / Euro 48 [D].

ISBN 978-3-7965-3490-4.

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In der posthum erschienenen Autobiographie von Christian Müller (1921–2013) sind verschiedene Lebenslinien und -themen ver­woben. Die Vielfalt eines langen ärztlichen ­Lebens, mit durchgehenden Schwerpunkten und «Exkursen», wird anschaulich geschildert, Konflikthaftes pointiert formuliert.

Das psychiatrische Spital war für Christian Müller ein seit der Kindheit vertrautes Milieu, da er in der grossen bernischen Heil- und ­Pflegeanstalt Münsingen aufwuchs, wo sein Vater ärztlicher Direktor war und mitsamt ­Familie lebte. Als Anstaltsleiter beeinflusste er die ­allgemeine Atmosphäre, die Betreuung und Behandlung der Insassen. So wurde Christian Müller tief geprägt für seine spätere lang­jährige Leitungstätigkeit am Psychiatrischen Spital Cery in Lausanne. Das Miterleben der Leiden der Patienten schärfte seinen Blick. Man spürt sein tief verankertes Mit­gefühl und das Bedürfnis, tatkräftig zu ­handeln zum Wohle der seelisch kranken Menschen, unhaltbare Zustände zu benennen und – wo möglich – zu ändern.

Er sah sich vor allem als Pragmatiker, zeigt ­Leben und Sorgen des ärztlichen Di­rektors mit den Patienten, mit Behörden, bei ­institutionellen Konflikten, beim Ausbau psycho­therapeutischer, pharmakologischer, sozialpädagogischer, familientherapeutischer Verfahren sowie von Filmarbeit , Ergo- und Musiktherapie, und schliesslich bei der Ausbildung des psychiatrischen Pflegepersonals. Mit grosser Energie setzte er sich sodann ein für die ­gemeindenahe Versorgung mittels Sektori­sierung.

Als Therapeut und Forscher beschäftigte ihn jahrzehntelang die Psychotherapie schizophrener Patienten und der Langzeitverlauf der Psychosen (Enquête de Lausanne). Zeit­lebens war er am Schreiben, wissenschaft­­­lich anschaulich, deutsch und französisch, zu zahlreichen Themen, insbesondere zu Gerontopsychiatrie und Psychiatriegeschichte.

Einige subtil gestaltete Skizzen lassen uns teilhaben am Erleben des Seelenarztes. Sie ­illustrieren den in den Zürcher Lehrjahren ­erfahrenen Grundsatz «Der Psychiater muss bei den Patienten bleiben» (Manfred Bleuler).

(Dank für die sorgfältige, schweizerische Eigenheiten respektierende Herausgabe, geht an Bernhard Küchenhoff et al.)

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