Book review

Judith Le Soldat: Band 1: Grund zur Homosexualität und Band 2: Land ohne Wiederkehr

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2018.00608
Publication Date: 12.12.2018
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2018;169(08):263

Ralf Binswanger, Zürich

Judith Le Soldat:

Band 1: Grund zur Homosexualität

Band 2: Land ohne Wiederkehr

Stuttgart-Bad Cannstatt:

frommann-holzboog Verlag, 2015 und 2018.

Monika Gsell (Hrsg). Werkausgabe: Judith Le Soldat.

Bd. 1: 336 Seiten, 37 Abb., Preis: € 29,90.

ISBN: 978-3-7728-2681-8.

Bd. 2: 413 Seiten, 20 Abb., Preis: € 29,90.

ISBN: 978-3-7728-2682-5.

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Die beiden Bücher beruhen auf zwei Manuskripten der ungarischstämmigen Zürcher Psychoanalytikerin Judith Le Soldat (1947–2008), die wegen ihres allzu frühen ­Todes ­leider unvollendet geblieben sind. Sie wurden als Teil einer fünfbändigen Werkausgabe – f­inanziert durch die Judith Le Soldat-Stiftung – von Monika Gsell posthum sorgfältig herausgegeben und kommentiert.

Der Titel des zweiten Bandes, «Land ohne ­Wiederkehr», ist eine Metapher für die Innenansicht einer spezifischen Persönlichkeitsstruktur, welche die Autorin bei einigen ihrer homosexuellen Analysanden gefunden hat. Sie entsteht im Alter von 6–7 Jahren durch ­einen «Spin», eine plötzliche Umverteilung ­libidinöser und aggressiver Triebe, welche mit der unbewussten Phantasie eines besonders heldenhaften Geniestreichs verbunden ist. Die Autorin spricht von einem «Grenzübergang», bei dem der Betroffene aus dem Bereich möglicher neurotischer Entwicklung hinaus- und an ein «anderes Ufer» katapultiert wird. Resultat ist das Selbstgefühl einer hohen Potenz sowohl im sexuellen als auch im nicht-sexuellen Bereich, was häufig durch objektive Leistungsfähigkeit bestätigt wird – auf Kosten einer relativen Einsamkeit und der Befürchtung, nie mehr einen ebenbürtigen Menschen zu finden. Aus dieser inneren Situation gibt es keine «Wiederkehr». Dieses Geschehen betrifft, nach Abschluss der ödi­palen Phase, eine Minderheit männlicher ­Homosexueller, für die Le Soldat die Bezeichnung «schwul» reserviert. Sie nennt deren ­Erleben, mit einer zweiten Metapher, «schwules Imperium», das von der homosexuellen Szene gestützt wird. Die Autorin versteht das nicht als etwas Pathologisches, sondern eher als gesunde Kompensation von Gefährdungen, welchen alle Menschen in ihrer Kindheit mehr oder minder ausgesetzt sind.

Das ist, extrem zusammengefasst, der inhaltliche Kern beider hier zu besprechenden ­Bücher. Im ersten Band wird dies wissenschaftlich dargestellt, in Form von Vorlesungen, welche die Autorin im Wintersemester 2006/2007 am Kompetenzzentrum Gender Studies der Universität Zürich gehalten hatte – und leider nicht ganz zu Ende führen konnte. Der Titel «Grund zur Homosexua­lität» suggeriert eine psychogenetische Theorie der Entwicklung zur Homosexualität. Bei ­genauerer Lektüre wird aber klar, dass es nach Le Soldat diesseits des «Grenzübergangs» mehr oder weniger zufällig ist, ob Männer und Frauen hetero- oder homosexuell werden (2015, S. 200f). Es handelt sich also um eine psychogenetische Theorie für bestimmte Persönlichkeitsstrukturen und Lebensformen «schwuler» Männer jenseits des «Grenzübergangs».

Weil das nicht zu verstehen ist, ohne Le ­Soldats ­Neuformulierung des Ödipuskomplexes zu kennen, findet sich im ersten Band auch das 1994 bei Fischer erschienene Buch «Eine Theorie menschlichen Unglücks» in vier Kapiteln zusammengefasst. Worin ­besteht dieses menschliche Unglück? In der Tatsache, dass unser zweigeschlechtliches Seelenleben mit einem eingeschlechtlichen Körper fertig ­werden muss – was bekanntlich schon Plato beschäftigt hat. Das gelingt den meisten ­Menschen nur unvollkommen und führt im unbewussten Seelenleben des ödipalen Kindes zu «Raub, Mord und Verrat» – wie der dritte Band als Neuausgabe des Buches von 1994 heissen wird.

Judith Le Soldat verfügte über eine um­fassende humanistische Bildung und auch ­solide ­naturwissenschaftliche Kenntnisse. Sie vertritt – ganz unmodern – eine klassische Freud’sche Trieb- und Konflikttheorie, die sie in eine gleichsam physikalische Form fasst und sogar noch radikalisiert. Parallel dazu ­illustriert sie die den Triebschicksalen entsprechende psychologische Innenansicht mit Mythen aus verschiedenen Stadien der Menschheitsgeschichte. Das ist anspruchsvoll, aber gut geschrieben und immer wieder unterhaltend, z.B. wenn sie fast die ganze zweite Vorlesung dem «extravaganten Kopfstoss» von Zinédine Zidane gegen Materazzi im Final der Fussballweltmeisterschaft 2006 widmet.

Der zweite Band hat einen zusätzlichen Unterhaltungswert: Le Soldat bringt den wis­sen­schaftlichen Inhalt des ersten in eine litera­rische Form. In einer Art hinreissenden «Road-Movies», der auf Umwegen über Rom und den Balkan bis nach Odessa führt, lässt sie uns anhand ihrer äusseren und inneren Erlebnisse an der Genese ihrer Theorie teil­haben. Selbstreflexiv ist zusätzlich ange­deutet, dass es auch heterosexuelle Frauen und Männer gibt, die den «Grenzübergang» machen. Das «Ufer» wird zur «Borderline», wobei es, folgt man dieser Theorie, fliessende Übergänge von eher gesunden zu eher ge­störten Borderlinern gibt, in Analogie dazu, wie es Freud für Neurotiker auffasste. Diese theoretische Weiterentwicklung konnte die Autorin leider nur noch mündlich vermitteln.

Le Soldats Bücher werden für die einen schwer nachvollziehbar sein, für andere könnten sie zu Kultbüchern werden.

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