Book Review

Simon Volkart: Im Knast. Ein Bericht

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2019.00565
Publication Date: 23.04.2019
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2019;170:w00565

Thomas von Salis

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Vorwort von Mario Gmür

Zürich: Limmat Verlag; 2017.

173 Seiten.

Preis: Fr. 34,00.

ISBN: 978-3-85791-844-5.

Auch als eBook erhältlich.

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Abbildung 1

Buchcover

Auf dem hinteren Deckblatt ist ein Textfragment aus dem Buch abgedruckt:

«Du musst erst einmal schauen, dass du hier überlebst».

«Der übertreibt aber», dachte ich, «hier war doch kein Kriegsgebiet».

Und doch – das kluge Buch über die Erlebnisse eines jungen Mannes, der sich gegen den ­Angriff seines Gläubigers nicht anders als mit dessen Messer wehren konnte, zeigt, wie sehr die Welt im Gefängnis «drinnen» eine andere ist als diejenige «draussen». Die Menschen, denen der Gefangene ausgeliefert ist, mögen noch so gleich sein wie die «draussen», die ­Institution lässt sie zu Strafenden werden, oft zu Sadisten. Der Autor macht durchaus Unterschiede – zwischen einzelnen «Betreuern», zwischen verschiedenen Gefängnisabtei­lungen, Umgangsstilen, Graduierungen der Menschlichkeit oder Unmenschlichkeit. Auch die Mitgefangenen werden differenziert dargestellt, mit viel Sympathie, aber auch Kritik. Und doch steht der Leser unter dem Eindruck der unsinnigen Gewalt, die zuweilen Menschenleben auslöscht, obwohl das Gefängnis ja eigentlich ein sicherer Ort sein sollte.

Mario Gmür schreibt im Vorwort: «Der Autor nimmt eine besonnene Rolle ein, die des scharfäugigen Analytikers des Alltags im Knast, der sozialen Strukturen und dynamischen Abläufe …»

Die begutachtenden und therapierenden Psychiater und Psychologen kommen nicht gut weg. Die durchaus glaubwürdige Schilderung lässt uns einmal mehr wünschen, dass auch innerhalb der Institution eine analytische Distanz, ein Respekt vor dem unbekannten Anderen, eine selbstverständliche menschliche Neugierde und vor allem auch Anstand und Gerechtigkeit Einzug halten möchten. Statt dessen herrscht eine kriegerische, von Misstrauen und Verachtung geprägte Atmosphäre. Die «Wahrheitsfindung» wartet gewissermassen vor den Toren der Institution, und innerhalb derselben hellen nur relativ wenige Lichtblicke die Düsternis auf. Der Insasse kommt nicht dazu, wie es eigentlich beabsichtigt wäre, eine hilfreiche, sogar heilende Psychotherapie zu machen. Er wird überhaupt nicht wirklich angehört. So, wie der Autor das schreibt, kann man es nachvollziehen und sich empören – und kopfschüttelnd sich fragen, ob denn nicht doch für den gesunden Menschenverstand und ein wenig Mitmenschlichkeit auch in den Gefängnissen mehr Raum geschaffen werden könnte. Aber es scheint, dass die Schranken das «Drinnen» vom «Draussen» derart abschotten, dass auch noch so gelehrten juristischen und psychologischen Experten der Strafjustiz «etwas Fratzenhaftes» (S. 8, Vorwort) anhaftet.

Die Gefangenen unter sich sind manchmal solidarisch und verständnisvoll, aber unvermutet bricht zuweilen auch unter ihnen die Gewalt aus. Das rätselhafte Ende des Buches deutet nur noch an, wie der Autor Opfer einer «Attacke» wurde.

Das tüchtige Lektorat hat das Verdienst, die Aufzeichnungen des Autors zu einem sehr gut lesbaren Text gemacht zu haben; nur ganz vereinzelt finden sich brüchige Stellen, wie zum Beispiel auf S. 157: «Die Zeit, sie durchdringt Strafe, Hierarchien, Gemäuer, Gefangene, Gemüter und jedes noch so kleine Atom wie ein Gemisch aus Neutrinos und zähflüssigem Teer». Aber wie auch immer es in Sprache gefasst worden ist, die Leser bekommen in dem spannenden Buch einen sicher realitätsnahen Einblick in das Innere einer totalen Institution.

Ein unvermuteter Sonnenstrahl fiel ins Gefängnis, als eine Entenmutter mit ihren Kleinen unter einem Busch im Hof hervorwatschelte. «Mit verzückten Gesichtern betrachteten wir die tapsigen Kleinen und konnten sich (uns?) an ihnen gar nicht sattsehen. Von den Begeisterungsrufen angelockt, gesellte sich Cardone, ein Auftragskiller aus Sizilien, zu uns, und ich staunte, wie seine immerharten Gesichtszüge plötzlich etwas Versöhnliches bekamen. Zusammengezählt hatten wir (offiziell) über ein halbes Dutzend Morde auf dem Gewissen, aber keiner hätte es übers Herz gebracht, einem dieser Entlein ein Leid anzutun.»

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