Book review

Lukas Ott: Man geht hinein, um wieder herauszukommen

Geschichte der Psychiatrie des Kantons Basel-Land

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2019.00611
Publication Date: 11.08.2019
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2019;170:w00611

Studer Karl

Basel: Schwabe Verlag; 2017.

203 Seiten.

Preis: Fr. 31,00.

ISBN 978-3-7965-3798-1.

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Abbildung 1
Buchcover

Es ist ein besonderes Erlebnis, die Geschichte einer Institution zu lesen, die man über Jahrzehnte aus der Distanz begleitet hat.

Im vorliegenden Buch der Geschichte der Psychiatrie des Kantons Basel-Land ist diese Überraschung gelungen, die der Soziologe und derzeitige Leiter der baselstädtischen Stadtentwicklung, Lukas Ott, im Auftrag der Psychiatrischen Dienste des Kantons Basel-Land verfasst hat.

Der Autor hat diese Schrift anhand einer grossen Menge an Archivalien und eigener Erlebnisse und Begegnungen verfasst. Er erzählt und dokumentiert die Geschichte vom mittelalterlichen Siechen- und Armenhaus über die damalige Abteilung am Kantonsspital bis zur Emanzipierung als eigene Heil- und Pflegeanstalt sowie von der Psychiatrischen Klinik bis schliesslich zur Verselbstständigung 2012. Diese Publikation kann auch als Kulturgeschichte gelesen werden von verschiedenen Bauphasen und eines Teils des Gesundheitswesens. Dazu gehört auch die Geschichte der politischen Entscheidungsfindung, der verschiedenen Berufe (wie Ärzte und Pflegepersonal) sowie der Verwaltung in den vergangenen 200 Jahren.

Der erste und grösste Teil ist ein umfassender historischer Abriss der Vorgeschichte.

Der zweite Teil befasst sich mit der Entwicklung einer zeitgemässen Psychiatrie in Liestal, ähnlich den Vorbildern in Frankreich und Italien, wie auch der Romandie. Als eigentliche Pionierleistung im deutschsprachigen Bereich, mit starker politischer Rückendeckung (Regierungsrat Manz) wurde 1980 ein Psychiatriekonzept erstellt, das alle Elemente einer modernen Psychiatrie enthielt: Trennung von Patienten und Menschen mit Behinderung, Strukturierung in einen stationären und ambulanten Bereich sowie Abtrennung eines kinder- und jugendpsychiatrischen Teils mit jeweils eigener ärztlicher Leitung (Cahn/Christ/Isler). Später kamen Spezialisierungen in die verschiedenen Fachbereiche dazu, wie es heute in fast allen Kantonen üblich ist.

Das Buch ist auch als Geschichte von Reformversuchen, der laufenden Auseinandersetzung zwischen ärztlichem und Verwaltungsbereich und der Diskussionen zu lesen, Diskussionen über das Heilbare und Unheilbare, über Stigmatisierung, Eugenik und die Entwicklung einer beziehungsorientierten psychotherapeutischen Psychiatrie.

Im dritten Teil kommt dann vor allem die Verwaltung und der CEO (H.-P. Ulmann) zu Wort: Themen wie Privatisierung, neue Spitalfinanzierung, Eigenkapitalquote, gemeinwirtschaftliche Leistungen, Tarife und das Sparen stehen im Vordergrund und scheinen zunehmend an Bedeutung zu gewinnen.

Als alter Klinikleiter hätte ich mir am Schluss noch ein Kapitel zum fachlichen Ausblick gewünscht mit den Themen «Patientenorientierung» und «fachliche Perspektiven». Denn hierin dürften ja die nächsten Herausforderungen bestehen.

Ein weiterer Wermutstropfen bei diesem sehr lesenswerten und klar gegliederten Buch (vor jedem Kapitel steht eine Zusammenfassung) sind der Titel und die Fotos der Umschlagsseiten, die eher an Schlüsselgewalt als an Beziehungsarbeit in Lebenskrisen erinnern.

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