Book review

Hans Kunz: Die anthropologische Betrachtungsweise in der Psychologie und Psychopathologie.

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2019.00619
Publication Date: 17.06.2019
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2019;170:w00619

Küchenhoff Joachim

Buchreihe: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 8. Jörg Singer (Hrsg.).

Basel: Schwabe, 2017.

VIII, 551 Seiten.

Preis: Fr. 88,00/Euro 88,00.

ISBN: 978-3-7965-3553-6.

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Abbildung 1
Buchcover

Hans Kunz (1924–1982) gehört zur Geschichte der Universität Basel im 20. Jahrhundert; hier habilitierte er sich 1946, hier wurde er 1951 ausserordentlicher Professor für Psychologie und 1966 Ordinarius für philosophische Anthropologie und theoretische Psychologie. Vielen wird sein Name auch aus dem Impressum der Zeitschrift «Psyche» vertraut sein, die er 1947 gemeinsam mit Alexander Mitscherlich und Felix Schottlaender gründete.

Eines seiner grossen wissenschaftlichen Anliegen war es, «die anthropologische Betrachtungsweise in der Psychologie und Psychopathologie» (so der Titel des vorliegenden achten Bandes der Werkausgabe seiner Schriften) zu begründen und fortzuentwickeln. Die wichtigsten Beiträge, die in diesem Band versammelt sind, beziehen sich auf die Psychopathologie allgemein (der Aufsatztitel ist identisch mit dem Buchtitel), auf die menschlichen Rollen und charakterlichen Masken («Zur Psychologie und Psychopathologie der mitmenschlichen Rollen») und auf die Frage nach der Begründung von Normen am Beispiel der Perversion («Zur Frage nach dem Wesen der Norm»). In allen diesen und den weiteren Arbeiten dieses Bandes ist es dem Autor wichtig zu zeigen, dass die anthropologische Perspektive, welche Seinsweisen und Seinsmöglichkeiten des Menschen überhaupt und des psychisch Kranken insbesondere beschreibt, unabdingbar in Psychiatrie und Psychologie ist. Krankheiten werden dabei als Formen des In-der-Welt-Seins interpretiert. Andersherum gedacht erlaubt gerade die psychopathologische Abweichung von der Norm diese erst zu erkennen, erlaubt die besondere Seinsform in der Krankheit die allgemeinen Daseinsformen in den Blick zu bekommen.

Kunz begründet wissenschaftstheoretisch die Position der Daseinsanalytik: Sie ist keine philosophische Spekulation, wie ihr oft vorgeworfen wurde, sie ist aber ebenso wenig psychologische Beobachtung. Vielmehr verbindet sie die anthropologische Existenzbesinnung mit dem gegenständlichen empirischen Befund, «derart, dass die empirisch gegebenen Sachverhalte gleichsam ‹durchstossen›, in der Richtung der apriorischen Bedingungen ihrer Möglichkeit ‹transparent› werden» (S. 47).

Wer das gewichtige Buch als Leser/in heute zur Hand nimmt, stellt sich auf ein besonderes Leseabenteuer ein. Zunächst hält er oder sie ein sorgfältig hergestelltes und vorbildlich editiertes und kommentiertes Buch in den Händen, das ein bibliophiler Genuss ist. Dann tauchen Leser und Leserin ein in eine Denkwelt, die rar geworden ist in Psychologie und Psychiatrie, in der die Nähe der Psychologie zur Philosophie sich nicht nur in der gemeinsamen Fakultät niederschlug, sondern in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung fruchtbar werden konnte. Die oben nur angedeutete Perspektive einer ontologischen Durchdringung der empirisch zugänglichen Phänomene wird im Fortgang der Lektüre immer klarer und prägnanter, und es wird deutlich, was verloren geht, wenn sie – wie das heute in der Regel der Fall ist – unbeachtet bleibt.

Der Schreibstil des Autors verlangt Konzentration und Zeit, denn es gilt, mit den vorsichtig voranschreitenden Erwägungen und Abwägungen mitzugehen. Aber er lädt auf diese Weise zum Mitdenken, auch zu Widerspruch, ein. Nicht zuletzt gewährt die Lektüre eine wissenschaftsgeschichtliche Wiederbegegnung mit wichtigen philosophisch-psychopathologischen Denkrichtungen des 20. Jahrhundert, insbesondere auch deshalb, weil ein Drittel des Buches Rezensionen und wissenschaftliche Notizen enthält, die zeigen, wie der Autor an den Diskursen seiner Zeit aktiv beteiligt war.

Dem Schwabe-Verlag, der Hans-Kunz-Gesellschaft und dem Herausgeber Jörg Singer ist zu danken für ein ungewöhnliches, für ein wichtiges Buch.

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