Interview

Wie sieht die Zukunft der Weiterbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie aus?

Interview mit Frau Dr.med. Lydia Maderthaner, Assistenzärztin an den Universitären Psychiatrischen Diensten (UPD) in Bern und Redaktionsmitglied des SANP

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2019.03015
Publication Date: 17.04.2019
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2019;170:w03015

Lydia Maderthaner, Karl Studer

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Karl Studer: Du lässt Dich an einer Universitätsklinik zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ausbilden. Was ist Deine Motivation dazu und warum hast Du Dich nicht für ein anderes medizinisches Fach entschieden?

Lydia Maderthaner: Für eine Universitätsklinik habe ich mich entschieden aufgrund meines Interesses an wissenschaftlicher Orientierung in der klinischen Praxis und der Möglichkeit, selbst einmal zu forschen.

Aus vielen Gründen ist mein Fach nun die Psychiatrie. Nach ersten Assistenzarztstellen in Innerer Medizin und Neurologie habe ich nicht gedacht, mich jemals für ein Fach entscheiden zu können, da mich immer schon viele Aspekte der Medizin interessierten. Ursprünglich hatte ich mit dem Psychologiestudium begonnen, interessierte mich also immer schon für diesen Teil des Menschen. Psychiatrie vereint mein Interesse an der Medizin und der Psychologie. Ausserdem verbindet sie auf wissenschaftlicher Basis die Naturwissenschaft mit der Geisteswissenschaft. Man kann in die Forschung wie auch in die Praxis. Eine inspirierende Persönlichkeit des Faches teilte in einer zufällig gemeinsamen U-Bahnfahrt in Berlin seine Ansicht zu Psychiatrie mit mir, und treffender kann man das Fach für mich nicht beschreiben: Die Neurologie hat die besseren Methoden, die Psychiatrie die besseren Fragen.

KS: Was ist Deine mittel-und langfristige Planung? Strebst Du eine akademische Forscherkarriere an, oder lässt Du Dich später als Fachärztin in einer Praxis nieder?

LM: Die Arbeit mit Patienten empfinde ich als sehr erfüllend und wertvoll. Dennoch ist wissenschaftliche Arbeit für mich seit jeher von grosser Bedeutung, sodass ich mir eine Zukunft in der Psychiatrie nicht ohne Forschungstätigkeit vorstellen kann.

KS: Was hat dieser Entscheid für Konsequenzen für Deine jetzige Tätigkeit und wie wird Dein Entscheid von Deinen Vorgesetzten unterstützt?

LM: An eine Universitätsklinik habe ich natürlich jede Möglichkeit, mich in allen möglichen Bereichen der Forschung zu betätigen. Extra zu erwähnen ist, dass das auch zu sehr guten Konditionen möglich ist, z.B. in Kombination mit Klinik und einem fairen Gehalt.

In der Grundausbildung zum Facharzt und im Klinikalltag einer Universitätsklinik muss man natürlich alle möglichen Bereiche der Psychiatrie beherrschen lernen. Es ist jedoch möglich, Wünsche zu äussern, je nach dem welche Stationen oder Ambulanzen eher den eigenen Interessen oder Zielen entsprechen. Man ist bezüglich der Prioritäten, die das Leben vorgibt, auch flexibel mit Prozentstellen. So kenne ich Kollegen im Dritten Bildungsweg, mit Familie oder mit Zweitberuf als Künstler in Berlin. – Darum geht mir auch der Gesprächsstoff mit meinen Arbeitskollegen nicht aus.

KS: Du kennst sicher die Weiterbildungsordnung der SGPP. Entspricht sie Deinen Bedürfnissen für Deine Facharztweiterbildung? Möchtest Du etwas ändern?

LM: Ich bin noch nicht weit genug, um hier eine fundierte Kritik anbringen zu können. Es sind sehr viel mehr theoretische und auch praktische Prüfungen und Lernphasen zu absolvieren als in anderen Fächern, aber für dieses «Borderline»-Fach zwischen Geistes- und Naturwissenschaften ist das aus meiner Sicht auch sinnvoll, um die Qualität der Ausbildung zu gewährleisten.

KS: Die Schweiz hat die alte und bewährte Tradition des Doppeltitels «Psychiatrie und Psychotherapie». Wie sieht Deine psychotherapeutische Weiterbildung in einer Institution mit neurowissenschaftlichem Schwerpunkt wie den UPD aus?

LM: Die UPD sind ja neben der Forschungsinstitution auch eine ganz normale Lehrklinik, die alle Bereiche der Psychiatrie und des Facharztes abdecken muss und dies auch tut. Für die Psychotherapieausbildung haben wir fast alles im Haus, was für die Grundausbildung nötig ist. Natürlich können wir uns auch für externe Weiterbildungen entscheiden. Ich besuche ein spezielles Weiterbildungsprogramm, das ab dem ersten Tag in der Facharztausbildung neben der klinischen Tätigkeit angeboten wird. Dort haben wir jeden Donnerstag unsere Weiterbildung, abwechselnd in Psychiatrie und in Psychotherapie. Diese können wir uns dann für den Facharzt anrechnen lassen. Zudem gibt es diverse Supervisionsgruppen, in denen man sich je nach Belieben mehr oder weniger in die Psychotherapie vertiefen kann. Des weiteren kann man sich Rotationen auf Stationen mit Psychotherapieschwerpunkt wünschen.

KS: Welche psychotherapeutische Richtung bevorzugst Du und warum? Inwiefern erwartest Du dabei Unterstützung?

LM: Meine Wahl fällt zum aktuellen Zeitpunkt auf die kognitive Verhaltenstherapie, da sie sich von den drei für den Facharzt anerkannten Schulen am meisten an wissenschaftliche Normen hält, evidenzbasiert arbeitet und lösungsorientiert vorgeht. Ich mag klare Konzepte und weiss gerne, wie ich meine Resultate messe. Darum habe ich wohl auch Medizin studiert. Unterstützung wünsche ich mir in dreierlei Hinsicht: Dass ich meine psychotherapeutische Schule und den Ausbildungsort selber wählen darf, dass es einen Ansprechpartner für meine psychotherapeutische Ausbildung geben wird und dass ich mein theoretisch Gelerntes in der klinischen Tätigkeit üben kann.

KS: Du planst eine akademische Karriere in der Forschung. Was fasziniert Dich dabei und wie stellst Du Dir Deine Karriere vor?

LM:Die Forschung hat für mich mehrere Anziehungspunkte: Einerseits ist es die entdeckerische Komponente, die mich schon als Kind fasziniert hat. Jedes Kind malt sich aus, wie es ist, Neuland zu entdecken. Daneben hat es einen besonderen Reiz, sich in ein Thema zu vertiefen, in einer bestimmten Thematik diejenige zu sein, die weiss, was es dazu zu wissen gibt, und diesen Status dann aufrecht zu erhalten. Andererseits glaube ich auch einen idealistischen Aspekt zu sehen: Neue Erkenntnisse sind spannend aber es steckt auch immer viel Arbeit dahinter. Für die Weiterentwicklung und die Aufrechterhaltung der Qualität ist neuer Erkenntnisgewinn unabdingbar. Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten.

Ich schätze ein harmonisches Arbeitsumfeld sehr und dennoch kann ich auch einer kompetitiven Umgebung einiges abgewinnen, wenn mich der Ehrgeiz packt.

Eine Vorstellung zu meinem Karriereverlauf scheint mir kaum möglich. Es haben sich in meiner bisherigen Laufbahn stets unerwartet Türen geöffnet, sodass ich neben den konkreten Erwartungen gerne einen Teil Neugier und ungezwungene Spontaneität beibehalten möchte.

KS: Welcher Forschungszweig begeistert Dich besonders: Klinische, psychotherapeutische oder neuropsychiatrische Forschung und warum?

LM: Als Grundlage für eine gute Arbeit scheinen mir Fragestellung und Arbeitsklima wichtig. Aus der Beantwortung der Fragestellung sollte mir ein relevanter klinischer Nutzen ersichtlich sein. Das Arbeitsklima wünschte ich mir locker und anregend innerhalb eines interdisziplinären Forschungsteams. Meiner Vorstellung nach sollte die Forschungsmethode dann nach der jeweiligen Fragestellung gewählt werden.

KS: Welche Unterstützung erwartest Du generell von Deinen Vorgesetzten?

LM: Allem voran habe ich in den letzten Jahren gelernt, wie wichtig eine motivierte und begeisterte Vorgesetzte bzw. ein motivierter und begeisterter Vorgesetzter ist. Wenn nicht sie oder er es ist, wie sollte ich da Vertrauen fassen, dass dieses Fach eine gute Entscheidung darstellt? Daher erwarte ich von meiner/meinem Vorgesetzten in erster Linie, dass sie/er sich selbst weiterbildet, neugierig bleibt und sich genug Zeit für ihre/seine Faszination für das Fach nimmt, sodass sie/er diese dann auch weitergeben kann. Dann folgen die gängigen Wünsche an Vorgesetzte und Ausbildner: verfügbar zu sein, transparent, offen für Fragen, geduldig, mit klaren Ansprüchen, die fordernd aber erfüllbar sind.

KS:Es heisst allgemein, dass während der Weiterbildung lediglich ein Drittel der Dienstzeit für Arbeit mit den Patienten zur Verfügung steht. Der Rest dürften theoretische Weiterbildung, Rapporte und administrative Tätigkeit sein. Wie könnte diese Verteilung zugunsten der Patienten verschoben werden?

LM: Ausbauen medizinischer Sekretariate, die bürokratische Tätigkeiten übernehmen oder zumindest vorbereiten. Ein gutes Patientenadministrationsprogramm verhindert ebenfalls stundenlange unnötige Arbeitszeit. Ein umstrittenes aber in diesem Rahmen zu diskutierendes Thema ist, bestimmte Aufgaben an andere Berufsstände zu delegieren, wie Pflegepersonal oder Psychologen.

KS: Was denkst Du, warum das Interesse der Schweizer Kollegen für Psychiatrie als Facharztgebiet so gering ist?

LM: Das ist eine gute Frage, da es für unsere Generation genügend Gründe gibt, sich für dieses Fach zu entscheiden. Alleine schon für die berühmte «Work-Life-Balance» ist dieses Fach wie geschaffen. Auch für die Forschung bietet Psychiatrie viel, weil es noch einge ganze Menge zu entdecken gilt. Jedoch schrecken die lange Ausbildungszeit von 6 Jahren, der strikte Ausbildungskalender, Notwendigkeit von guten Landessprachkenntnissen und auch der über das letzte Jahrhundert in Mitleidenschaft gezogene Ruf der Psychiatrie viele Kollegen ab. Nicht zuletzt mache ich auch den internen Schulenstreit zwischen Sozialpsychiatrie und Biologischer Psychiatrie sowie den Psychotherapie-Schulenstreit für die wenig repräsentative Aussenwirkung verantwortlich.

KS: Wie könnte das Bild der Psychiatrie und damit auch das Bild der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Fach verbessert werden? Wie könnte eine Entstigmatisierung gelingen?

LM: Ich bin überzeugt, dass eine Entstigmatisierung erst stattfinden kann, wenn wir selber von Stigmata frei sind und als ein geschlossenes Fach zusammenstehen. Solange wir Kollegen mit anderer Herangehensweisen abwerten, werten wir auch unser eigenes Fach ab. So können wir, denke ich, kaum für andere verkaufen, was das Fach so einzigartig macht: die disziplinenübergreifende Kombination aus Sozial-, Geistes- und Neurowissenschaften.

KS: Was möchtest Du den Lesern dieser Zeitschrift gerne noch sagen?

LM: Es wäre wichtig, dass wir jungen Psychiaterinnen und Psychiater unser Fach für uns klar definieren, die Diskussion eröffnen und den Konflikt nicht scheuen, um schlussendlich ein breites, spannendes Fach und gute kollegiale Verbindungen zu schaffen.

Correspondence

Dr. Karl Studer, Praxis im Klosterhof, Klosterhofstrasse 1, 8280 Kreuzlingen,

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