Interview

Schöne neue Leonardo-Welt und Psychiatrie

Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Dr.-Ing. E.h. Jürgen Mittelstraß, Professor emeritus für Philosophie an der Universität Konstanz, ehemaliger Direktor des Zentrums Philosophie und Wissenschaftstheorie und ehemaliger Präsident der Academia Europaea (London)

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2019.03017
Publication Date: 17.06.2019
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2019;170:w03017

Mittelstraß Jürgen, Studer Karl

Karl Studer:Du hast ein Buch geschrieben, „Schöne neue Leonardo-Weltˮ [1]. Was wolltest Du damit zum Thema Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit sagen?

Jürgen Mittelstraß: Wir leben heute in technischen Kulturen. Diese stützen sich auf die Leistungsfähigkeit des technischen und des wissenschaftlichen Verstandes und machen die Welt (in grossen Teilen) zum Artefakt. In ihrem Wesen ist diese Welt, die ich sinnbildhaft nach Leonardo da Vinci, dem grossen Renaissancekünstler, Wissenschaftler und Ingenieur als «Leonardo-Welt» bezeichne, eine gespaltene Welt. Aus einer Welt, die sich der Mensch mit seinem Wissen und Können angeeignet hat, ist eine Welt geworden, die sich den Menschen, d.h. ihren eigentlichen Schöpfer, aneignet. Oder anders ausgedrückt: Nicht länger gehört der Fortschritt uns – der wissenschaftliche wie der technische –, sondern wir gehören dem Fortschritt.

KS: Heisst Wissenschaft hier hauptsächlich Naturwissenschaft, z.B. Physik, und gehört die Medizin auch dazu?

JM: Die Naturwissenschaften gelten heute als die eigentlichen Paradigmen dessen, was man Wissenschaft nennt, zusammen mit der Mathematik, die ihren Theorie- und, neben dem Experiment, ihren Methodenkern ausmacht und für die Bezeichnung «exakte Wissenschaften» gesorgt hat. Das heisst, sie bestimmen massgeblich den Wissenschaftsbegriff und lassen andere Disziplinen, z.B. die Geisteswissenschaften, ins Abseits geraten. Diese Entwicklung beherrscht seit dem 19. Jahrhundert die wissenschaftliche Szene und hat beispielsweise dazu geführt, dass sich auch die modernen Sozialwissenschaften primär als empirische, das Methodenarsenal ihrer naturwissenschaftlichen Nachbarn anwendenden Wissenschaften verstehen. Das ist auch für die Medizin nicht folgenlos geblieben, die auf ihre naturwissenschaftlichen Teile (Physik, Biologie, Chemie) pocht und vergisst, dass sie eine – im wiederum paradigmatischen Sinne – praktische oder Handlungswissenschaft ist. Ihre eigentliche Aufgabe ist das Heilen. Dazu greift sie heute vornehmlich auf ein naturwissenschaftliches Wissen zurück, aber sie ist selbst kein rein naturwissenschaftliches Wissen.

KS: Du unterscheidest zwischen Verfügungswissen und Orientierungswissen. Kannst Du uns das erklären?

JM: Ein technisches Wissen, wie es die modernen Gesellschaften ausbilden, ist, pointiert formuliert, ein Wissen um Ursachen, Wirkungen und Mittel. Ein solches Wissen nenne ich ein Verfügungswissen. Mit einem solchen Wissen, wie es auch den Experten auszeichnet, verfügen wir über die Welt, über die natürliche und die gesellschaftliche, die unter der Herrschaft des wissenschaftlichen und des technischen Verstandes selbst zu einer zunehmend artifiziellen Welt wird. Und diese Welt wird blind, wenn sie sich nicht Orientierungen nicht bloss technischer Art, in Teilen auch selbst in Wissenschaftsform, verschafft. Ein derartiges Wissen nenne ich «Orientierungswissen». Es ist, wiederum pointiert formuliert, ein Wissen um gerechtfertigte Ziele und Zwecke. Ohne die Ausbildung eines Orientierungswissens wird die Welt und wird die Gesellschaft, die sie bewohnt, selbst orientierungslos.

KS: Gibt es einen Unterschied zwischen der Medizin allgemein und der Psychiatrie, in der wenig gemessen werden kann? Oder gehört sie eher zu den Sozial- und Geisteswissenschaften oder gar, unter diesen, zu den Literaturwissenschaften? Wir sprechen bei unserer Arbeit oft vom «Bio-psycho-sozialen Modell».

JM: Wo sich die Medizin selbst im wesentlichen als eine Naturwissenschaft versteht, wird es auch für die Psychologie, vor allem für die Psychiatrie, eng. Das Missverständnis, dass Wissenschaft nur dort ist, wo auch gemessen, gezählt und gewogen wird, holt auch sie ein und hat vielfach dazu geführt, dass sie sich von ihren ursprünglich sozialwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Wissensbeständen, die in Wahrheit wesentliche, nicht nur historisch tradierte Teile ihres Kompetenzspektrums und ihres Selbstverständnisses sind, verabschiedet hat. Dass wir Psychologie und Psychiatrie oft nur noch in naturwissenschaftlichen Fakultäten finden, ist so gesehen Ausdruck nicht eines wissenschaftlichen Fortschritts, sondern eher eines wissenschaftlichen Verarmungsprozesses.

KS: Kannst Du verstehen, warum die Medizin und zunehmend auch die Psychiatrie sich zu den Naturwissenschaften zählen wollen?

JM: Weil, wie schon erwähnt, die Naturwissenschaften zum Inbegriff von Wissenschaftlichkeit geworden sind. Wer, so erscheint es heute, in der Wissenschaft deren Theorie-, Methoden- und Arbeitsvorstellungen nicht zu den eigenen macht, fällt aus der Wissenschaft heraus oder wird zu deren minderen Brüdern und Schwestern. Das gibt sich auch in akademischen Ordnungs- und Prestigedingen zu erkennen. Der andauernde Streit um die Wissenschaftlichkeit der Geisteswissenschaften ist ein starkes Indiz dafür.

KS: Ist denn der Auftrag der Medizin und wohl auch der Psychiatrie nicht, wie auch Du sagst, das Heilen? Und was heisst das?

JM: Das Erkenntnisinteresse der Medizin im weitesten, auch die Psychiatrie einschliessenden Sinne war neben dem (Gewinn von) Wissen immer schon (und eigentlich in erster Linie) das Heilen. Neben den Forscher tritt der Arzt. Dass auch dieser sein Können aus dem Forschungsprozess, hier dem naturwissenschaftlichen Forschungsprozess, gewinnt, ist überwiegend ein modernes Phänomen, macht ihn aber nicht zum reinen Anwender. Das Heilen hat gegenüber dem Forschen einen eigenen, die Medizin noch einmal in einem ganz besonderen Sinne auszeichnenden praktischen bzw. Handlungsstatus. Das medizinische Können beruft sich zwar auf ein im Forschungsprozess gewonnenes Wissen und zählt dieses zu seinen Voraussetzungen, geht aber nicht in ihm auf. Das gilt auch für die Psychiatrie im Besonderen.

KS: Welche Rolle spielt nach Deiner Meinung die therapeutische Beziehung zwischen Therapeut und Patient [2]? Ist der Adressat eher Patient oder Partner oder gar Kunde und der Therapeut Experte? Haben sich diese Rollen in den vergangenen Jahren verändert?

JM: Ich denke, therapeutische Beziehung ist es in allen diesen Hinsichten in gleicher Weise. Dazu gehört auf Seiten des Therapeuten die Befolgung von Prinzipien wie das Ernstnehmen des je besonderen Problems bzw. der je besonderen Störung, die vorurteilsfreie Wahrnehmung des Patienten als Menschen mit spezifischen Beziehungsqualitäten, desgleichen dessen Wahrnehmung als «vollständigen» Menschen mit spezifischen Konflikten und Verletzungen. Damit dürfte nicht nur eine therapeutische Beziehung, in der sich der Patient auch als Partner erfahren darf, zutreffend beschrieben sein, sondern dürften auch wesentliche Voraussetzungen eines Therapieerfolgs bestimmt sein. Ob sich diese Beziehung, rollenspezifisch gesehen, verändert hat, weiss ich nicht. Dass hier aber das Werden technischer Kulturen, mit ihrer Dominanz eines Verfügungswissens, d.h. der Leonardo-Welt, und ein gewandeltes Wissenschaftsverständnis im beschriebenen Sinne einen langen Schatten werfen, steht für mich ausser Frage.

KS: Die Natur experimentiert, seit sie existiert. Wird sie zunehmend vom experimentierenden Menschen abgelöst, und was heisst hier Fortschritt?

JM: In der Tat, nicht nur der Mensch experimentiert und hat sich zu diesem Zweck in seine Labore zurückgezogen, auch die Natur experimentiert, und zwar Tag und Nacht. Richtig ist auch, dass sich die Leonardo-Welt, die hier ihren experimentellen Anfang nimmt, unaufhaltsam ausbreitet, aber sie wird sich nie vollständig an die Stelle der Natur setzen können – es sei denn, die Natur wäre vollständig zerstört und der Mensch wechselte seine Spezies (wie es ein moderner so genannter Transhumanismus, von Perfektibilitätsfieberträumen getrieben, herbeiwünscht). Und diese wird noch manch böse Überraschung für uns bereithalten (Beispiele: Artensterben in eins mit der Zerstörung der lebensbedingenden Nahrungsketten, Klimawandel, Antibiotika-Resistenzen). Dass auch hier der Mensch der Leonardo-Welt seine Hand im Spiel hat, macht die Gefahren nicht geringer. Im Gegenteil, diese potenzieren sich, wenn sich die angeeignete Welt den aneignenden Menschen aneignet. Fortschritt könnte hier den erfolgreichen Widerstand gegen eine solche doppelte Aneignung bedeuten, im Fall des Scheiterns aber eben auch Überantwortung an nicht mehr zu steuernde Entwicklungen.

KS: Was kann die Philosophie zur gesamten Diskussion über Wissenschaftlichkeit und Medizin, oder Psychiatrie, beitragen?

JM: Sie kann für Klarheit sorgen, im Begrifflichen wie im Konzeptionellen. Im Begrifflichen, indem sie z.B. die Unterscheidung zwischen Gesundheit und Krankheit klarer und schärfer zu fassen sucht. Solange wir noch auf lexikalische Einträge wie «Gesundheit: siehe Krankheit» stossen, stimmt etwas im sehr Grundsätzlichen nicht. Im Konzeptionellen muss es darum gehen, die Reiche des Empirischen und des Theoretischen klarer voneinander zu unterscheiden bzw. das Zusammenspiel von faktischem und theoretischem Wissen besser zu verstehen, den Wissenschaftsbegriff selbst wieder aus seiner Engführung auf naturwissenschaftliche Methoden und Erklärungsformen zu lösen und über dem allgemeinen Wissenschaftsbetrieb das Anthropologische, das Nachdenken über den Menschen – früher hätte man gesagt: über sein Wesen – nicht zu vergessen. Zu all dem gehört auch, was hier zu den Unterscheidungen zwischen dem Natürlichen und dem Kultürlichen (Stichwort: technische Kulturen), zwischen Verfügungswissen und Orientierungswissen oder allgemein zu den Besonderheiten einer Leonardo-Welt gesagt wurde.

Correspondence

Dr.med. Karl Studer, Praxis im Klosterhof, Klosterhofstrasse 1, CH-8280 Kreuzlingen, karl.studer[at]bluemail.ch

Literatur:

1 Mittelstraß J. Schöne neue Leonardo-Welt. Philosophische Betrachtungen, Berlin University Press 2013.

2 Mittelstraß J. Philosophie in der Psychiatrie. Zur therapeutischen Beziehung in der Psychotherapie. Konstanz: Universitätsverlag; 2007.

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