Book review

Robi Friedman: Die Soldatenmatrix und andere psychoanalytische Zugänge zur Beziehung von Individuum und Gruppe.

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2019.03023
Publication Date: 18.12.2019
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2019;170:w03023

von Salis Thomas

Giessen: Psychosozial-Verlag; 2018.

137 Seiten.

Preis: EUR 19,90.

ISBN: 978-3-8379-2785-6.

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Abbildung 1
Buchcover

Robi Friedman ist Gruppenanalytiker und Psychoanalytiker in Israel. Verbunden mit Zürich kennt er auch Morgenthalers Schriften zum Traum – er verwendet daraus einiges für seinen Umgang mit Träumen in der Gruppenanalyse. Im vorliegenden Buch, das für alle, die mit Gruppen arbeiten, wichtig ist, finden wir Texte, die Robi Friedman in den Jahren 2003-2016 geschrieben hat. Die Hauptthemen sind «Der Traum in der Gruppe» (S. 77-112), «Erinnerungsarbeit» (S. 113-124) und die «Soldatenmatrix» (S. 7-38). Heute ein besonders aktueller neuer Begriff für ein sozialpsychologisches Phänomen: Eine ideologische Einstellung kriegerischer Natur, die Friedman selbst als Kriegsteilnehmer und als klinischer Psychologe und Gruppenanalytiker bei Patienten und vor allem bei Grossgruppen kennenlernte.

Seine Erfahrungen mit «Conflict and Reconciliation», Gruppenarbeit mit Israelis und Palästinensern, fliessen mit ein; sie können (auf Englisch) in einem andern Buch nachgelesen werden ([1], S. 173-186). Darin zeigt Friedman die Schwierigkeit für alle Gruppenteilnehmenden, wenn «Der Feind» als Subgruppe gegenwärtig ist, und die Wichtigkeit, dass gegen alle Widerstände doch eine «working group» zustande kommt (S. 180 ebd.)!

Der Begriff «Matrix» geht zurück auf S.H. Foulkes (ursprünglich Heinz Fuchs), einen Psychoanalytiker, der 1933 von Frankfurt nach England übersiedeln musste und dort die Gruppenanalyse begründete. Foulkes «bezeichnet damit das interpersonelle Netzwerk, das durch Kommunikation zwischen den Mitgliedern einer Gruppe entsteht und als Bedeutungshintergrund alle folgenden Kommunikationen beeinflusst. Die Matrix bestimmt sowohl die dyadische wie die Gruppenerinnerung von traumatischem Material, sowie die Möglichkeit, diese zu verarbeiten» (S. 116 im hier besprochenen Buch). Und weiter: «Diese Matrix bildet den Hintergrund und die Grundlage für Prozesse, durch die eine Generation (z.B. von Opfern oder Tätern) der nächsten Generation Ängste oder Scham vermittelt. (…) Ich glaube nämlich, dass die absolute Vernetzung in einer Soldatenmatrix (oder Kriegsmatrix) die deutsche Erinnerungskultur wesentlich geprägt hat». Die von dieser Matrix durchdrungenen Personen haben «etwas wie ein ‹soldatenhaftes Selbst› (…) Ich behaupte, nicht nur die delegierten Uniformträger sind Soldaten, sondern die Soldatenmatrix betrifft alle Rollen in der Gesellschaft, die den Krieg möglich machen. Alle – Frauen, Kinder und Alte, die ganze menschliche Umgebung sowie deren psychisches und physisches Erleben im Krieg – sind Teil einer Soldatenmatrix» (S. 9). Erst "durch Distanzierung und das Ablegen der vorherigen Identifikation mit dem sozialen Selbst bildete sich so etwas wie eine ‹mitfühlende Matrix› heraus» (S. 117).

Im Beitrag über «Erinnerungsarbeit» werden bestimmte Bedingungen aufgezeigt, die erfüllt sein müssen, damit die verändernde psychische Arbeit geleistet werden kann – in der Gesellschaft eine Frage des sozialen Rahmens, in den Therapien eine des «Settings».

Im Kleingruppensetting, das für die Therapie vorzugsweise eingesetzt wird, können stark emotional belastende Situationen erst nach einer gewissen Anlaufzeit der Gruppenarbeit bewältigt werden. Die Gruppe muss also die Möglichkeit haben, auf eine zu belastende Traumerzählung vorerst nicht einzugehen – es muss ihr die Abwehr gestattet sein.

Der Gruppenleiter muss dafür sorgen, dass der Gruppe «diese in der Regel nicht destruktive Verweigerung» ermöglicht wird, und es wird deutlich, wie sehr der Gruppenanalytiker sich um die psychischen Vorgänge der Gruppenteilnehmenden kümmert und sich verantwortlich fühlt. Im Beispiel Friedmans hatte eine Teilnehmerin einen inzestuösen Traum, der als Übertragungserscheinung gedeutet wurde. Die Gruppe war erst nach zwei Jahren für das Durcharbeiten bereit, da die Traumerzählung sonst zu allzu heftigen emotionalen Reaktionen geführt hätte.

Es ist dabei interessant, dem Autor zu folgen, wenn er von der Grossgruppe spricht. Wie in der Kriegssituation «spielt die Auseinandersetzung mit Ausschlussängsten eine zentrale Rolle; auch hier erfährt man, wie schwer es ist, in einer Situation, in der sich die eigene Gruppe existentiell bedroht fühlt, notfalls gegen den Konsens der Mehrheit einen eigenen Standpunkt einzunehmen und die eigene Stimme zu finden; auch hier zeigt sich wieviel Mut und Zivilcourage es erfordert, den Spielraum, den die Gruppenmatrix den Individuen eröffnet, tatsächlich zu nutzen» (S.37). In der Grossgruppe ist es für den Leiter oder Koordinator schlicht unmöglich, den einzelnen Gruppenmitgliedern derart Sorge zu tragen, dass quasi eine Dosierung der Belastung durch Affekte möglich wäre. Gerade hier aber kann der Autor von guten Erfolgen berichten. Das erscheint dem Rezensenten erstaunlich; er hat nicht die Erfahrung mit Grossgruppen, die Robi Friedmann auszeichnet. Ob es nicht auch für Kleingruppen technische Möglichkeiten gibt, besser mit Belastungen umzugehen? Vielleicht indem man der Gruppe selbst mehr Raum für die Arbeit an ihrer Aufgabe zugesteht, allerdings unter Wahrung eines Halt bietenden Rahmens? Hier könnte eine fruchtbare Diskussion zwischen Exponenten verschiedener Gruppentechniken einsetzen.

Literatur

1 Ofer G, ed. A Bridge Over Troubled Water. Conflicts and Reconciliation in Groups and Society. London: Karnac; 2017.

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