Book review

Pam Metzeler, Anna Castronovo: Dark Way. Die Geschichte eines Suizids

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2019.03026
Publication Date: 18.12.2019
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2019;170:w03026

von Salis Thomas

BoD Books on Demand, Norderstedt; 2018.

156 Seiten.

Preis: Fr. 11,90 / Euro 7,99.

ISBN: 978-3-7481-2848-9.

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Abbildung 1
Buchcover

Dies ist ein Aufklärungsbuch im besten Sinn. Die Mutter eines Suizidanten beschreibt ihr eigenes Erleben, sie erzählt ein Stück ihrer Geschichte und die Geschichte ihrer zwei Söhne; der jüngere Sohn (Timo) hat sich unter den Zug gelegt.

Fachleute werden das Buch wie eine Krankengeschichte einer Familie lesen. Die Psychoanalytiker/-innen finden Anschauungsmaterial fürs Verstehen einer Depression im Zusammenhang mit einer symbiotischen Mutter-Kind-Beziehung. An Gruppen interessierte Familientherapeutinnen und -therapeuten können die Dynamik der Depotmechanismen erkennen, die dazu führen, dass bei einem Mitglied der Familie der Druck sich umzubringen sich in die Tat umsetzt. Anderweitig Interessierte werden die schriftstellerische Leistung der Autorin und ihrer literarisch fachkundigen Koautorin bewundern, schätzen vielleicht auch die Beschreibung des besonderen Milieus in einem deutschen Provinzdorf.

Die Ich-Erzählerin ist eine Berufsreiterin, betreibt ein Tattoo- und Piercing-Studio und hat sich unglaublich tüchtig im Leben durchgeschlagen. Sie fragt sich fassungslos, wie es ihr entgehen konnte, dass ihr Sohn, der ihr doch so nah war, zu ihr in einer schwer zu verstehenden Distanz gelebt hatte und aus dieser Entfernung Hilferufe aussandte, die nicht erhört wurden. Timos Mutter versucht diverse Therapien (zum Beispiel auf S. 99). Auch Timo war zu Lebzeiten vom Bruder in eine Therapie gebracht worden, von der allerdings die Mutter nichts wusste (S. 42).

Timo taucht in Träumen und Halluzinationen auf – letztere zum Leidwesen der Mutter nur beim Partner (Jürgen), und nicht auch bei ihr. Sie hätte den toten Sohn auch gerne ‹lebendig› gesehen. Die Träume der Mutter trösten sie nicht – dürften aber etwas zur Verarbeitung des Traumas beitragen (S. 96).

«Im Grunde ist Timo, seit er tot ist, gegenwärtiger als zu seinen Lebzeiten» (S.81). Sagt dieser Satz etwas aus über die Wucht der aggressiven Tat des Suizids – dass sich Timo in seine Angehörigen eingebrannt hat? Oder ist es (auch) wahr, dass er nur am Rande der Familie gelebt hatte? Letzteres scheint nicht so wahrscheinlich zu sein. Er hatte einem Freund gegenüber betont, was für ein gutes Verhältnis er zu seiner Mutter habe (S. 24).

Eindrücklich ist die Schilderung der ersten Reaktionen der Mutter, aber auch der weiteren Umwelt, auf die Nachricht vom Suizid. Man bekommt den Eindruck der Authentizität. (Es soll ja auch wirklich eine wahre Geschichte sein, wie sie in der Belletristik kaum in Erscheinung treten kann.)

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