In memoriam

Hans-Rudolf Müller-Nienstedt

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2019.03061
Publication Date: 13.09.2019
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2019;170:w03061

Haemmerle Patrick

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Abbildung 1
Hans Rudolf Mattias Müller

Der Arzt, Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut, Sozialpsychiater, Autor und engagierte Menschenfreund Hans-Rudolf Müller-Nienstedt verstarb am 1. Februar 2019 in seinem 75. Lebensjahr.

Erstmals war ich Hans-Ruedi im Frühsommer 1974 in Basel begegnet. Er war damals bereits einige Jahre als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel tätig. Wir waren eine Gruppe engagierter Medizinstudentinnen und -studenten, die auf der Suche nach einem spannenden, sozialmedizinisch relevanten Dissertationsthema waren. Da der damalige Institutsvorsteher und Ordinarius für Sozial- und Präventivmedizin ein Ernährungswissenschaftler war, verwies er uns an seinen wissenschaftlichen Assistenten, eben Hans-Ruedi. Dieser erarbeitete mit uns, mit wissenschaftlicher Kompetenz und Neugier, ein Projekt, das er mit grosszügiger Kollegialität und grossem Durchhaltevermögen hilfreich unterstützte. Für die daraus resultierenden zehn, durchaus aufwändigen, sozialmedizinischen Dissertationen wurde ein ausführlicher Fragebogen entwickelt, wurden in der Privatindustrie und an staatlichen Stellen Interviews durchgeführt, ausgewertet und diskutiert. Themen, die wir für unsere Dissertationen bearbeiteten, sollten auch wichtige Elemente werden in Hans-Ruedis kommender kinder- und jugendpsychiatrischer Tätigkeit: Krankheitsverhalten in Abhängigkeit von Wohnverhältnissen, Familienstand, Arbeitszufriedenheit, Arbeitsweg usw. Er sollte bald darauf zu einem dezidiert familienorientiert arbeitenden, sozialpsychiatrisch orientierten Kinder- und Jugendpsychiater werden.

Hans-Ruedi Müller studierte Medizin in Fribourg, Basel und an der Duke University in Durham/USA. Seine eigene Dissertation trug den Titel: „Sozioökonomischer Wechsel und Wohlbefinden von Schulkindern“ (1975). Ab 1976 absolvierte er in Basel seine fachärztliche Weiterbildung in Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (Prof.Dieter Bürgin) und an der erwachsenenpsychiatrischen Uniklinik (Prof. Paul Kielholz).

1983 wurde er in den Thurgau gewählt, um dort die erst in Ansätzen existierende Kinder- und Jugendpsychiatrie aufzubauen. Ganz Wissenschaftler, machte er hierfür eine vertiefte Analyse zu Versorgungsfragen im Bereich der Kinderpsychiatrie. Leider fanden sein familientherapeutischer Ansatz und sein Versorgungskonzept nicht die erhoffte Unterstützung von Seiten der institutionell Verantwortlichen, weshalb er diese Stelle bereits 1986 wieder verliess, um in Kreuzlingen eine Privatpraxis zu eröffnen.

Während über 30 Jahren entwickelte Kollege Müller-Nienstedt seine therapeutische Arbeit mit hoher fachlicher Kompetenz und mitmenschlichem Engagement. Er war Mitbegründer des Vereins für Sozialpsychiatrie Thurgau, war umweltmedizinisch engagiert und vor allem in den letzten eineinhalb Jahrzehnten unermüdlich im Einsatz für Flüchtlingskinder und ihre Familien.

Nach einer fortgeschrittenen Leberkrankheit – Folge einer unerkannt gebliebenen Hepatitis B und C – erhielt Hans-Ruedi 1992 eine für ihn lebensrettende, damals noch pionierhafte Lebertransplantation und lebte bis zu seinem Tode am 1. Februar dieses Jahres mit dieser erhaltenen Leber. Seine Erfahrungen mit der Krankheit, die Gefühle und Ambivalenzen rund um die Transplantation beschrieb er 1996 in einem eindrücklichen Buch («Geliehenes Leben - Tagebuch eine Transplantation»).

Als ich 1992 aus meiner kinderpsychiatrischen Praxis in St. Gallen nach Freiburg i. Ü. wechselte, um meinerseits einen kantonalen kinder- jugendpsychiatrischen Dienst aufzubauen, konnte ich auf die einschlägige Arbeit meines Kollegen und Mentors Hans-Ruedi zurückgreifen. Wir tauschten intensiv unsere Erfahrungen aus und trafen uns regelmässig an den Veranstaltungen «unserer» Fachgesellschaften. Hans-Ruedi zeigte sich immer bestens informiert und interessiert an fachlichem, kollegialem und freundschaftlichem Austausch.

Hans-Ruedi war nicht nur in seiner beruflichen Tätigkeit ein Familienmensch. Zusammen mit Imma, seiner aus Finnland stammenden Frau – selbst Psychotherapeutin nach C.G.Jung und Schriftstellerin – hatten sie vier Kinder und mittlerweile vier Enkelkinder. Gemeinsam verbrachten sie regelmässig einen langen Sommer in Finnland, das für Hans-Ruedi zu seiner zweiten Heimat wurde. Sie trugen auch gemeinsam den schmerzlichen Verlust eines Sohnes und engagierten sich in verschiedenen Projekten in Kreuzlingen, Berlin und Finnland.

Nach Hans-Ruedis Ableben zeigte die eindrückliche Abschiedsfeier im Kulturzentrum «Trösch» in Kreuzlingen seine Lebensgeschichte, seine Menschlichkeit und seine vielfältigen beruflichen und familiären Engagements nochmals auf.

Unvergesslich ist mir unser Zusammensein anlässlich einer Tagung der SGSP Mitte der Neunzigerjahre in Le Locle. Wir besuchten das dortige Uhrenmuseum und beschlossen gemeinsam – er, der lebertransplantierte Ältere mit unsicherer Prognose, und ich, der damals noch in der Blüte meines Lebens stehende Jüngere – die uns noch zukommende Lebenszeit, dem Χρόνος (Chronos), möglichst viel Καιρός (Kairos), also gute Zeit, d.h. Lebensqualität, hinzuzufügen. Hans-Ruedi tat dies mit seinem ärztlichen Tun, seinen Freundschaften und dem hohen familiären und menschlichen Engagement und wird für viele von seinen Freunden und Kollegen darin ein Vorbild bleiben.

Credits

Header image: © Susazoom | Dreamstime.com

Correspondence

Patrick Haemmerle, Dr méd., M.P.H., Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie FMH, Boulevard de Pérolles 30, CH – 1700 Freiburg/ Fribourg, haemmerlep[at]bluewin.ch,

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