In memoriam

Brigitte Woggon

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2019.03062
Publication Date: 13.09.2019
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2019;170:w03062

Fähndrich Erdmann, Stieglitz Rolf-Dieter

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Abbildung 1
Brigitte Woggon

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie (AMDP) trauern um Prof. Dr. med. Brigitte Woggon, die am 25. Juli 2019 verstarb.

Nach dem Medizinstudium in Berlin ging Brigitte Woggon nach Zürich und wurde 1970 Mitarbeiterin von Jules Angst, dem Leiter der Forschungsabteilung am Burghölzli. 1973 bereits wurde sie dort als erste Frau Oberärztin. Da Jules Angst einer der Mitinitiatoren des AMDP-Systems war, hatte auch sie von Beginn an Kontakt zu dieser Arbeitsgemeinschaft, zunächst vor allem im Zusammenhang mit der Anwendung des Systems in einer Vielzahl empirischer Arbeiten, insbesondere Psychopharmakastudien. Brigitte Woggon gehörte – wie einige der heute noch aktiven Mitglieder – zur sog. zweiten AMDP-Generation. Sie erkannte sehr schnell die Schwächen der damaligen Version und beteiligte sich deshalb mit grossem Engagement an den Revisionen, um dieses Dokumentationssystem zu einem anerkannten Forschungsinstrument zu machen.

1974 wurde sie Mitglied des Leitungsgremiums und war bis 1989 dessen Vorsitzende. Sehr früh erkannte sie auch das Ausbildungspotential des Dokumentationssystems mit dem dazugehörigen Manual. Sie war nämlich nicht nur eine sehr aktive Forscherin, sondern gleichzeitig eine überaus engagierte und begabte Lehrerin und Mentorin junger Ärztinnen und Ärzte. Ambitioniert vermittelte sie auf praxisnahe Art die grosse Bedeutung der Psychopathologie für die Psychiatrie. Das durch sie erweckte Interesse an dieser Thematik ist bei vielen bis zum heutigen Tag bestehen geblieben.

Brigitte Woggon gestaltete alle Revisionsschritte des Systems massgeblich mit und war Mitglied der entscheidenden Arbeitsgruppen. Sie leistete ganz wichtige und wertvolle Beiträge, um die Reliabilität und Validität des Systems zu verbessern und damit auch die Akzeptanz in der klinischen Anwendung. Auf ihre Anregung gehen auch die Operationalisierung der Schweregrade zurück sowie die Differenzierung der unterschiedlichen Beurteilungsgrundlagen psychopathologischer Symptome.

Immer wichtiger wurde ihr die Ausbildung junger Ärztinnen und Ärzte in den Bereichen Psychopathologie und Gesprächsführung. Dafür ein überzeugendes Angebot zu machen, war ihr eine Herzensangelegenheit. 1988 wurde von ihr eine Arbeitsgruppe gebildet, die zunächst ein Curriculum für die Ausbildung von AMDP-Trainern zu entwickeln hatte. Dazu wurde eine Struktur für die AMDP-Seminare in Psychopathologie erarbeitet, die noch heute Anwendung findet. All dies ging ganz wesentlich auf Ideen von Brigitte Woggon zurück. Während das AMDP-System als Forschungsinstrument von störungsspezifischen Skalen abgelöst wurde, gewann es – und gewinnt es noch heute – eine immer grössere Bedeutung als Lehrinstrument zur Vermittlung von Kenntnissen in der Psychopathologie.

Bei der Realisierung all ihrer Ideen kamen Brigitte Woggon einige ihrer Eigenschaften zugute: Von etwas überzeugt, konnte sie zäh und unermüdlich sein. Ihre direkte, offene Art der Kommunikation war für manchen gewöhnungsbedürftig, hatte aber enorme Überzeugungskraft. Ihre Begeisterungsfähigkeit war sehr ansteckend, was sie zu einer ganz belebenden Person in Diskussionen machte. Ihre schnelle Auffassungsgabe, ihr sehr präzises Denken und ihre schonungslose Berliner «Schnodderigkeit» machten es allerdings nicht immer leicht, mit ihr eine Kontroverse auszutragen. Da sie aber auch viel Witz und Warmherzigkeit besass, kam es nie zu Verletzungen.

Brigitte Woggon führte zahlreiche AMDP-Ausbildungsseminare zusammen mit anderen Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft durch. Wir haben dabei viel von ihr gelernt. Ihre strenge, aber unverkrampfte Art, nie von oben herab, immer mit viel Charme ausgestattet, machten diese Seminare, in denen sie vor allem auf Präzision und Klarheit der Benennung der psychopathologischen Phänomene Wert legte, für jeden Teilnehmer, egal ob Koreferent/in oder Lernende/r, zu einem Erlebnis.

Brigitte Woggon war mit ihrem Temperament, ihrem umfangreichen Wissen, gepaart mit grossem Pragmatismus, für uns alle Inspiratorin und gleichzeitig Antreiberin. Eine einmal übernommene Aufgabe oder Funktion wurde mit grosser Zielstrebigkeit verfolgt und stets zum vorgenommenen Zeitpunkt abgeschlossen. Verzögerungen, Verschiebungen, Umwerfen von Zeitplänen, «fruchtlose» Diskussionen – all dies gab es bei ihr nicht. Obwohl sie sich Anfang der 2000er-Jahre aus der Arbeitsgruppe zurückzog, war sie in all unseren Arbeitssitzungen präsent – und so wird es auch noch lange bleiben.

Credits

Header image: © Susazoom | Dreamstime.com

Correspondence

Prof. Dr. Rolf-Dieter Stieglitz, Obere Dorfstrasse 10a, CH-4126 Bettingen, rdstieglitz[at]bluewin.ch

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