Book review

Matthias Elzer/Alf Gerlach (Herausgeber): Analytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2020.03049
Publication Date: 30.01.2020
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2020;171:w03049

Sollberger Daniel

Giessen: Psychosozial-Verlag; 2019.

Buchreihe: Psychodynamische Therapie.

402 Seiten.

Preis: Euro 49,90.

ISBN: 978-3-8379-2566-1.

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Abbildung 1
Buchcover

Die Herausgeber und Autoren des Buchs verfolgen ein ehrgeiziges Vorhaben mit hohem Anspruch, nämlich «ein kompaktes Lehrbuch für Studierende und Lehrende der Psychotherapie und Psychoanalyse» vorzulegen, welches die ganze Breite psychoanalytischer Theorien und ihrer klinischen Anwendungen abdeckt. Das Buch ist aus einer langjährigen Lehrtätigkeit von Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern gegenüber chinesischen Psychiatern und Psychologen erwachsen und fand seinen Weg über eine zunächst englischsprachige (2015), dann bilinguale englisch-deutsche Ausgabe (2018) bis hin zu dem vorliegenden deutschsprachigen, empfehlenswerten Lehrbuch.

Insgesamt ist es den Autoren gelungen, eine sehr handliche und dennoch umfassende Übersicht über zentrale Themen einer psychoanalytischen und tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie zu geben. Entsprechend sind manche Kapitel sehr kurz gehalten und bleiben auch einzelne Darstellungen etwas verkürzt. Die Themen reichen von psychoanalytischer Theorieentwicklung über methodisch-technische Themen bis hin zu klinischer Krankheitslehre und Therapie mit Fokus auf Neurosen, Persönlichkeitsstörungen und psychosomatischen Störungen sowie in kürzeren Kapiteln auch zu schizophrenen Psychosen, Psychopharmakotherapie, Sucht und selbstverletzendem Verhalten bzw. Suizidalität. Hilfreich für die Praxis sind abschliessende Kapitel u.a. zu Rahmenbedingungen der Psychotherapie, ethischen Fragen, zu Ausbildungsthemen und Forschung sowie «last but not least», was angesichts der Entstehungsgeschichte der Publikation naheliegend ist, zu inter- und transkulturellen Aspekten.

Kritisch ist anzumerken, dass sich manche Themen, z.B. jenes der Übertragung und Gegenübertragung mehrfach wiederholen, was in unterschiedlichen Kontexten durchaus sinnvoll ist. Allerdings bleiben viele Stellen gerade beim erwähnten Beispiel dann doch hinter der dargestellten Theorieentwicklung etwa in Richtung Intersubjektivitätsparadigma zurück und alten Vorstellungen verpflichtet. Problematisch scheinen dem Rezensenten Passagen, insbesondere in dem Teil zur Entwicklungstheorie, in welchem eine reflektiert-diskursive Darstellung in eine nicht nur normative, sondern normierende Attitüde kippt, etwa wenn geradezu gewarnt wird (S. 58) vor negativen Auswirkungen einer ausserfamiliären Drittbetreuung von Kleinkindern in Krippen als Folge der gesellschaftlichen Entwicklung hin zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Elternteile, während etwa der Erwerb sozialer Kompetenzen für diese (vermehrt auch Einzel-)Kinder kein Thema ist. Ähnlich normierend wirkt die wiederholte Replikation von klassischen gesellschaftlichen Rollenbildern, wonach die Ablösung von Kindern und Müttern besonders herausfordernd sei oder aufgrund der abwesenden Väter, sich Jugendliche an Lehrern und Polizisten abarbeiten müssten (S. 55). Sodass die Darstellung solcher Entwicklungen in der Tat «etwas stereotyp» wirkt (S. 56).

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