Book review

Christfried Tögel (Herausgeber): Sigmund Freud Gesamtausgabe Band 11 bis 13

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2020.03050
Publication Date: 30.01.2020
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2020;171:w03050

Küchenhoff Joachim

Giessen: Psychosozial-Verlag; 2018.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse

Bd. 11: 435 Seiten, Preis: Euro 79,90.

ISBN: 978-3-8379-2411-4.

Bd. 12: 559 Seiten, Preis: Euro 79.90.

ISBN: 978-3-8379-2412-1.

Bd. 13: 446 Seiten, Preis: Euro 69.90.

ISBN: 978-3-8379-2413-8.

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Abbildung 1
Buchcover Band 11
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Abbildung 2
Buchcover Band 12
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Abbildung 3
Buchcover Band 13

Im Jahre 2018 sind drei weitere Bände der Sigmund Freud Gesamtausgabe erschienen, im Rahmen des vom Psychosozial-Verlag begonnenen Projektes einer Edition aller Schriften Freuds in chronologischer Reihenfolge. Nachdem ich bereits über die ersten zehn Bände berichtet habe, wende ich mich nun den Bänden 11, 12 und 13 zu. Sie umfassen Freuds Werke der Jahre 1907-1913. Wer die Schriften Freuds nicht oder nicht gut kennt, hat nun die Möglichkeit, weitere zentrale Texte studieren zu können.

1907 und 1908 erschienen die beiden Arbeiten, die das interdisziplinäre Feld zwischen Psychoanalyse und Literaturwissenschaften vorbereitet und aufgebaut haben, das sich später als so fruchtbar erweisen sollte. Freud behandelt 1907 den «Wahn und die Träume in W. Jensens ‹Gradiva›», eine 1903 erschienene Novelle, die im Untertitel vom Dichter als «Phantasiestück» bezeichnet wird. 1908 vergleicht er die dichterische Tätigkeit und die spielerische Phantasie des Kindes, die sich in den Tagträumen des Erwachsenen fortsetzt. Der Text «Der Dichter und das Phantasieren» erscheint in der neu gegründeten Zeitschrift «Neue Revue», die einleitende Herausgebernotiz zitiert in Heft 1 die Ziele der Zeitschrift, die für sich genommen schon kulturhistorisch herausfordernd sind: Wir tun uns heute schwer, das Plädoyer für ein starkes Heer mit Freiheitsforderungen zum Beispiel für die Schule und mit einem Angriff auf «Gecken und Epigonen in der Literatur und Kunst» (Bd. 2, Seite 173) zu verbinden.

1909 werden zwei berühmt gewordene Fallgeschichten publiziert, nämlich die vom «kleinen Hans» und vom «Rattenmann». Zwangshandlungen und die damit verbundene Analerotik werden untersucht, das Interesse an hysterischen Phänomenen bleibt auch in diesem Jahr wach.

Der zwölfte Band enthält eine Fülle einzelner kleiner Schriften und Einlassungen, auf deren Wert noch einzugehen sein wird. An bedeutsamen und weithin bekannten Texten ragen die Arbeit über eine «Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci» (1910) und Freuds Auseinandersetzung mit dem schizophrenen Erleben heraus, die er an die Lektüre der autobiografischen Schriften von D.P.Schreber anschließt («Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiografisch beschriebenen Fall von Paranoia», 1911). Aber es finden sich in diesem Band auch prägnante kurze Texte, die für die psychoanalytische Diskussion grundlegend geworden sind, zum Beispiel die Behandlung der psychogenen Sehstörung, intensive Auseinandersetzungen mit der Theorie der psychoanalytischen Technik, die in praktische Ratschläge für die Durchführung psychoanalytischer Therapien einmünden, ebenso wie Arbeiten zur «Dynamik der Übertragung».

Band 13 schließlich, der die Schriften des Jahres 1913 enthält, zeigt, dass Freud sich mit den gleichen Themen weiter befasst, ausserdem mit der Technik der Psychoanalyse in der Arbeit «Zur Einleitung der Behandlung», erneut mit Erfahrungen und Beispielen der analytischen Praxis und mit Träumen (Kindheitsträumen oder Träumen in Märchen). Heraus aber sticht die Schrift «Totem und Tabu», in der er eine weitere interdisziplinäre Brücke schlägt, diesmal zwischen Ethnologie und Psychoanalyse. Er selbst spricht noch von «Völkerpsychologie».

Nun wird derjenige, der die Hauptwerke Freuds gut kennt, die Bände mit einer etwas gewandelten Intention zur Hand nehmen und vor allem im zwölften Band fündig werden. Die auf den ersten Blick unübersichtliche Vielfalt wird ihm hier zu einer Fundgrube. Aus den Materialien, die in diesem Band präsentiert werden, kann er einige Schätze heben, die ihm die Entschlossenheit, die präzise Standpunktformulierung und die gehämmerte Argumentation Freuds nahebringen. Er wird aber auch Erkenntnisse sammeln, die 100 Jahre später noch nachdenklich stimmen. Freud leitet eine Diskussion der sogenannten «Mittwochsgesellschaft» zum Problem des Schülerselbstmordes ein und endet seine Ausführungen mit dem bemerkenswerten Satz: «Sie (die Schule) darf nicht die Unerbittlichkeit des Lebens für sich in Anspruch nehmen, darf nicht mehr sein wollen als ein Lebensspiel.» (Bd. 12, Seite 142). 1911 antwortet Freud kurz auf die Frage, was zur Empfängnisverhütung zu sagen ist, ganz nüchtern, ein Verbot der Empfängnisverhütung sei «eine ganz zwecklose Maßregel» (Seite 171), jedes Paar könne auf den coitus interruptus zurückgreifen, und der sei schädlich, daher seien alle anderen technischen Maßnahmen bei weitem harmloser.

1912 eröffnet Freud im «Zentralblatt für Psychoanalyse» einen «offenen Sprechsaal», mit dem er den Dialog mit seinen Lesern (Leserinnen gab es, geht man von der Anrede aus, damals noch nicht) initiieren will, und er nutzt diesen Sprechsaal gleich für einen Aufruf, nämlich dass die psychoanalytisch tätigen Kollegen Träume melden sollten, aus denen sich schließen lässt, dass die Patienten in der Kindheit einen sexuellen Verkehr beobachtet haben (Seite 385).

Durch einen ganz knappen Beitrag unterstützt Freud den «Verein zur Unterstützung mittelloser isrealitischer Studierender» (Seite 327), indem er einen literarischen Zweizeiler zur Denkschrift beisteuert, und diese knappen Zeilen zeigen bestens die Präzision seiner Formulierungen, und enthalten gleichzeitig eine spannende Idee, wie nämlich das Verhältnis von Entbehrung, Wissen und Macht zu verstehen ist: «Einst galt die Askese - Entsagung, Entbehrung - als Mittel zur Macht; heute das Wissen. Es scheint zweckmäßig, die zu unterstützen, die über Entbehrungen zum Wissen gelangen wollen.»

Solche und andere Stellen verlebendigen als kleine Juwelen das Bild, das wir uns heute von Freud machen können und bringt uns gleichzeitig die Zeit, in die er schreibt, nahe. Sie erlauben es, gleichsam in einer Zeitreise, mit den Jahren der Etablierung der Psychoanalyse ein Stück mitzugehen und uns in ihnen zu bewegen.

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