Book review

Harold F. Searles: Die Welt der Dinge.

Die Bedeutung der nichtmenschlichen Umwelt für die seelische Entwicklung.

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2020.03054
Publication Date: 30.01.2020
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2020;171:w03054

von Salis Thomas

Giessen: Psychosozial-Verlag; 2016.

318 Seiten.

Preis: Euro 34,90.

ISBN: 978-3-8379-2614-9.

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Abbildung 1
Buchcover

Bei diesem Buch kann man von einem Klassiker reden, und es ist ein grosses Verdienst der Herausgeber, Übersetzer und des Verlags, die enorme damit verbundene Arbeit nicht gescheut zu haben. Wie aus den sehr lesenswerten einführenden Texten von Gebhard, Hardt und Vaihinger hervorgeht, erfuhr das Buch («The Non-Human Environment in Normal Development and in Schizophrenia», 1960) seinerzeit in den USA eine begeisterte Aufnahme durch eine informierte Leserschaft, aber auch Unverständnis und Kritik, aufgrund der Abweichung von der damals herrschenden Ich-psychologischen Norm sowie auch wegen der komplizierten Sprache. Der grosse Umfang des Originals wurde für die deutsche Ausgabe stark reduziert, indem zahlreiche Zitate aus Belletristik und Psychiatrie, sowie auch Falldarstellungen des Autors, weggelassen wurden. Das macht die immer noch anspruchsvolle Lektüre leichter, erweckt aber auch den Wunsch, die Originalausgabe in Händen zu haben. Dies scheint jedoch schwierig zu sein, da es keine Neuauflage gibt und die antiquarischen Restexemplare zu relativ hohen Preisen gehandelt werden, und nicht, wie bei meinem Versuch, in die Schweiz geschickt werden können.

Searles führt in die Thematik ein, indem er darstellt, wie sehr das Vertraute oft missachtet und als wissenschaftlicher Gegenstand gar nicht in Erwägung gezogen wird. Die Bedeutung des Alltagslebens und der Kultur, beispielsweise der schwarzen Hausangestellten und Kinderbetreuerinnen in der Zeit, da Searles seine Patienten in der Chestnut Lodge Privatklinik behandelte, wurde sowohl von den Forschern als auch von den Patientinnen und Patienten stark unterschätzt. Interaktion spielt sich nur zwischen Menschen ab, aber Searles entdeckte die Wichtigkeit der Beziehung zur Umwelt für die seelische Entwicklung, die von den damaligen Analytikern vergessen wurde.

Das hat sich inzwischen geändert. Dennoch ist das Buch heute noch und wieder sehr lesenswert. Wie von den Kollegen, die über Searles geschrieben haben, hervorgehoben wird, schrieb der Autor mit einer damals noch nicht gekannten Offenheit und Genauigkeit über alles, was in seinen Therapien geschah. Dies stand in auffallendem Gegensatz zu den geschönten oder allzu abstrakten Falldarstellungen, die wir bis heute in der Fachliteratur lesen können. Searles war selbst mit seinem Buch nicht zufrieden, weil darin die nicht-menschliche Umwelt schliesslich doch noch zu wenig zur Geltung kam.

Mein Einfall dazu ist die Verrücktheit, die in der den «Normalen» ungewohnten Art der Beziehung schizophrener Patientinnen und Patienten zu dieser Umwelt besteht. Wenn das Abnorme in der Therapie allmählich dem Gewohnten Platz macht, kommt die Bedeutung des Interaktionellen mehr zum Zug. Im vorliegenden Buch wird vielleicht an gewissen Stellen zu wenig unterschieden zwischen Interaktion und Beziehung oder Verbundenheit. Zwischen Menschen und Bäumen z.B. findet nicht Interaktion statt, aber der Mensch kann eine Beziehung zu einem Baum haben und sich mit ihm verbunden fühlen. Searles betont nicht nur die unbelebte, sondern auch die animalische, nicht-menschliche Umwelt in ihrer Bedeutung für das psychische Funktionieren. Und er hebt hervor, dass die Beziehung zur Umwelt wegen ihrer Selbstverständlichkeit in Psychopathologie und Therapie unterschätzt werde. Diese Beziehung wandelt sich im Laufe der Entwicklung im Sinne der Differenzierung. Searles' Patienten waren in ihren regredierten Zuständen nicht sicher, ob sie Menschen oder Tiere oder Bäume seien. Zur Reife des Menschen gehört eine Verbundenheit mit der nicht-menschlichen Umwelt, aber auch eine realistische Distanz zu ihr.

Searles kritisiert, dass von Psychoanalytikern zu wenig Gewicht gelegt wird auf das, was in «Beschäftigungs- und Entspannungstherapien» vorgeht. Für die heutige Situation kann ich eine Entsprechung in kinderpsychiatrischen Institutionen finden, wo Konflikte zwischen den Analytikern und den übrigen therapeutisch Tätigen bestehen – meistens nimmt dieser Konflikt die Form des Neides der Nichtanalytiker auf die Analytiker an, während diese letzteren nicht so recht imstande sind, sich in die Gemeinsamkeiten der therapeutischen Aufgaben zu finden. Statt dessen unterliegen sie der von Searles hervorgehobenen Überschätzung des Interaktionellen auf Kosten der Bedeutung der Beziehung zur «nicht-menschlichen» (nicht-interaktionellen) Umwelt.

Gewiss muss man auch an die Determiniertheit der Präferenz bestimmter Umwelten gegenüber anderen denken. Diese Determiniertheit ist zu analysieren – es kann ja nicht sein, dass es nur an den Tieren, den Steinen, den Formen und Farben der Häuser, Strassen, Gärten etc. liegt, dass man sich in und auf ihnen wohl oder nicht wohl fühlt. Solche Präferenzen haben ihre Geschichte.

Ein Vorzug dieses Buches liegt gerade in seinem Alter: Die Falldarstellungen zeigen psychopathologische Erscheinungen, die wir heute nur mehr selten oder gar nicht mehr zu sehen bekommen, da sie dank der psychopharmakologischen Behandlung überhaupt nicht erst zustande kommen. Diese Phänomene gaben Anlass zu Analysen des Erlebens, zu denen wir mit heutigen schizophrenen Patienten kaum noch gelangen könnten. (Dabei wurden an den stationären Patienten die damaligen Schocktherapien sehr ausgiebig angewandt.)

Die Bleulers, Vater und Sohn, hatten auch noch Gelegenheit, reichhaltige Produktionen Schizophrener zu beschreiben. Ich erinnere mich, dass Manfred Bleuler geradezu schwärmerisch von seinen ausgedehnten Gesprächen mit chronischen Schizophrenen erzählte. Bei Searles ist aber seine konsequente psychoanalytische Behandlung, die im Allgemeinen von guten Erfolgen gekrönt war, das Besondere. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung war dabei die Pflege, die in Chestnut Lodge eine ganz besondere Kultur aufwies.

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