Book review

Ronald Chase: The Making of Modern Psychiatry

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2020.03056
Publication Date: 30.01.2020
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2020;171:w03056

Hoff Paul

Berlin: Logos; 2018.

232 Seiten, Erscheinungsjahr: 2018.

Preis: 34.00 €.

ISBN: 978-3-8325-4718-9.

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Abbildung 1
Buchcover

Der optimistische Tenor des Titels trügt nicht: Ronald Chase, emeritierter Psychologieprofessor der McGill University in Montreal, legt ein mit spürbarem persönlichen Engagement geschriebenes Buch vor, das eine Erfolgsgeschichte erzählen soll, nämlich diejenige der Entstehung der modernen Psychiatrie im 19. Jahrhundert. Es folgt einem speziellen Aufbau, weil der Autor in erster Linie über die Emanzipation des Faches von einem spekulativ-naturphilosophischen Kontext, seine Verselbstständigung und Integration in die medizinische Fakultät sowie über die immer engere Verbindung zu den damals aufblühenden Naturwissenschaften berichten will. Ganz konsequent bleibt er in seiner Fokussierung auf das 19. Jahrhundert allerdings nicht, denn er gibt sowohl einen einleitenden Überblick über die frühere Psychiatriegeschichte als auch, im Abschlusskapitel, einen Ausblick auf das 20. und 21. Jahrhundert, ja sogar auf die Zukunft der Psychiatrie.

Chase orientiert sich stark an wegweisenden Autoren wie Wilhelm Griesinger, Karl Kahlbaum, Wilhelm Wundt, Franz Nissl und Bernhard von Gudden, doch der eigentliche Hauptakteur des Buches ist ohne Frage Emil Kraepelin. Dessen Psychiatrieverständnis und Nosologie, speziell die heute noch in ICD-10 und DSM-5 wirksame Dichotomie von schizophrenen und bipolaren Erkrankungen, werden en détail nachgezeichnet und mit den Ansätzen anderer Kliniker und Wissenschaftler in Verbindung gebracht.

Es ist eine dezidiert neurowissenschaftliche Perspektive, die Chase auswählt. Dieser Umstand, verbunden mit der immer wieder durchscheinenden Sympathie, wenn nicht Bewunderung des Autors für die Lebensleistung Kraepelins, bringt es mit sich, dass andere Aspekte nur am Rande oder gar nicht erwähnt werden: So wird die Ambivalenz, die der aufklärerisch-rationalistischen Psychiatrie des späten 18. Jahrhunderts etwa mit Blick auf die Beibehaltung kruder Zwangsmassnahmen innewohnte, im Kontext von Philippe Pinel zwar angesprochen, aber nicht substantiell reflektiert. Auch die gegen Ende des 19. Jahrhunderts (in der gesamten Medizin und weit darüber hinaus) an Einfluss gewinnende Degenerationslehre spielt eher eine Nebenrolle, obwohl sie später zu einem tragenden Pfeiler der nationalsozialistischen Pervertierung psychiatrischen Handelns wurde. Diese Bereiche, die Möglichkeit und die Geschichte des Missbrauchs psychiatrischer Konzepte, werden im vorliegenden Band nicht thematisiert.

Der Autor deutet mehrfach an – hier interessanterweise Emil Kraepelin recht ähnlich –, dass er sich von philosophischen Reflexionen etwa zur Leib-Seele-Frage keine nennenswerten Fortschritte für die Psychiatrie verspricht. Vielmehr stellt er als Alternative in den Raum, sich anstelle epistemologischer Debatten in der psychiatrischen Forschung auf klinisch-pragmatische und vor allem syndrom- oder funktionorientierte Ansätze zu konzentrieren, wie es beispielsweise das von ihm erwähnte aktuelle Konzept der „Research Domain Criteria“ (RDoC) vorschlägt. Dies freilich kontrastiert wiederum mit den vier dezidierten Schlussthesen des Buches, die stark an selbstbewusste „neokraepelinianische“ Entwürfe der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts erinnern.

Der Text darf wegen seiner starken inhaltlichen Fokussierung nicht als Lehrbuch der Psychiatriegeschichte verstanden werden, sondern als Nachzeichnung des Denkweges Emil Kraepelins und damit auch eines wesentlichen Teiles der Psychiatrie im 19. Jahrhundert. Diese klärende Einordnung würde leichter fallen, hätte der Autor seinen Fokus prägnanter bezeichnet. Er hätte dann auch das Risiko vermieden, dass bestimmte Themen vermisst werden oder, ungünstiger, dass der Eindruck entsteht, der Autor halte sie für psychiatrisch irrelevant.

Ergo: Ein anregender, pointierter, engagiert und flüssig geschriebener Text, dessen Einordnung in den Gesamtkontext der psychiatrischen Ideengeschichte allerdings durch die Leserin und den Leser selbst zu leisten ist.

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