Book review

Emil Angehrn und Joachim Küchenhoff (Herausgeber): Erwartung.

Zukunft zwischen Furcht und Hoffnung.

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2020.03068
Publication Date: 30.01.2020
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2020;171:w03068

von Salis Thomas

Weilerswist: Velbrück Wissenschaft; 2019.

272 Seiten.

Preis: Euro 39,90.

ISBN: 978-3-9583-2162-5

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Abbildung 1
Buchcover

Acht Philosophen und fünf Psychologen und Psychiater schreiben hier über die Zukunft, wie sie gedacht und erlebt werden kann. Es handelt sich um die vorgetragenen Arbeiten bei einer gleichnamigen Interdisziplinären Tagung 2018 auf dem Landgut Castelen. Als Kliniker will ich weniger den philosophischen als den klinischen Teil besprechen.

In Küchenhoffs Beitrag (S. 133) geht es um das «Öffnen von Erwartung» – der neue Begriff ist für praktizierende Psychotherapeuten unmittelbar verständlich und brauchbar. Es geht darum, die «gebundene Erwartung» im Übertragungsgeschehen aus den Stereotypien der neurotischen Mechanismen, die den Blick auf die Zukunft verzerren oder trüben, zu befreien.

Während die Phänomenologen «eine […] Unterscheidung […] zwischen einer Zukunft, die im menschlichen Ausgriff gründet, und einer, die dem Menschen entgegenkommt» treffen (so Angehrn und Küchenhoff in der Einleitung), sucht der Kliniker in den Wechselfällen der sich entfaltenden therapeutischen Beziehung Aufschlüsse über die Pathologie, über deren Entstehung und Verlauf, bis endlich die erwartete Heilung in irgendeiner, oft nicht so erwarteten Form, eintritt.

In seinem weit ausgreifenden Beitrag geht Ralph Zwiebel näher auf den Traum ein.Ausgehend vom Thema der Erwartung ist er neueren psychoanalytischen Erkenntnissen gewidmet. Dabei stösst Zwiebel auf eine interessante Formulierung von John A. Schneider:

«Patienten bringen dem Analytiker ihre Träume nicht, damit sie interpretiert werden, sondern um das Träumen mit dem Analytiker fortzusetzen und zwar die Aspekte des Traums, die sie nicht selbst vollständig träumen konnten.» (S. 218)

Damit wird einmal mehr die Wichtigkeit der Beziehung unterstrichen. Dass die bewussten Erwartungen (bezüglich der Beziehung zwischen ihnen) seitens der Patienten einerseits und der Therapeuten anderseits in aller Regel nicht konvergieren können, ist eine der wichtigen Erkenntnisse der Psychoanalyse. Auf der unbewussten Ebene hingegen ergeben sich überraschende Parallelen, wie das soeben Zitierte zeigt.

Anschliessend an Zwiebels Beitrag finden sich die Beiträge von Heinz Weiss und Erika Kittler. Weiss bestreitet in seiner eindrücklichen psychoanalytischen und philosophischen Abhandlung sehr lehrreich und überzeugend, dass das Unbewusste zeitlos sein kann. Dazu verwendet er die kleinianischen Forschungen zum Entstehen des Denkens aufgrund der unbewussten Phantasien. Er trifft in diesem Zusammenhang auf Schriften aus dem 15. Jahrhundert von Nikolaus von Kues, die eine überraschende Übereinstimmung mit den modernen psychoanalytischen Befunden aufweisen. Bions Regel («no memory, no desire (…)» erteilt er eine klare Abfuhr, weil die Gegenwart ihren Sinn verlöre, «denn wir können uns auf sie nur einlassen, wenn Erinnerung und Erwartung zumindest unbewusst, oder wie Husserl sagen würde, als ‹Potentialität›, in ihr enthalten sind».

Erika Kittler assoziiert zu «Erwartung» die Darstellung der schwangeren Maria und beschreibt in diesem Kontext auf brillante Weise den Isenheimer Altar. Dann nimmt sie auch auf Freud, Kafka und Winnicott Bezug und wendet sich dem Schriftsteller Nabokov und seinem Helden HH zu. Dieser meint, seine Begegnung mit der 12-jährigen Lolita bringe die Erfüllung, die seinerzeit dem 14-Jährigen entgangen war. Nabokov kommt in diesem Aufsatz in unerwarteter Weise zur verdienten Geltung; die Zitate zeugen von seinem tiefgreifenden Verstehen menschlichen Wesens.

Jutta Gutwinski-Jeggle führt im Rückgriff auf Freud, Bion und Winnicott in einem vorzüglichen Essay aus, wie das Zeitempfinden mit der Beziehung (bzw. der Anwesenheit/Abwesenheit) der Primärbezugsperson zusammen allmählich zu einer Möglichkeit der Realitätswahrnehmung sich entwickelt. Ein unerhört treffender Satz von Bion findet sich da:

«Tatsächlich hängt die Bewusstheit einer äusseren Realität davon ab, ob die Person zu tolerieren vermag, dass sie an eine innere Realität erinnert wird.» (S. 199 f.)

Was für eine prägnante Feststellung, die ermessen lässt, wie sehr die Widerstände gegen die (individuelle und gruppale) Analyse mit der Beschaffenheit der «inneren Welt», also mit den Erinnerungen (an Traumata, …) zusammenhängen.

Wenngleich die Druckfehler schon früh auffallen, was einer so ambitiösen Publikation nicht gut ansteht, verdankt sich das Buch mit den sehr verschiedenen Beiträgen von Autoren, die in ihrer Denkungsart manchmal divergieren, dem breiten Horizont der Herausgeber. Sie haben mit ihrer Reihe von zweijährlichen Veranstaltungen und deren sorgfältiger Publikation einen Reichtum an Wissensbeständen zugänglich gemacht, die in der heutigen Welt leider selten in Erscheinung treten.

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