Book review

Joachim Küchenhoff, Ralph T. Vogel: Psychotherapie an der Grenze des Machbaren

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2020.03124
Publication Date: 30.07.2020
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2020;171:w03124

Susanne Kunz-Mehlstaub

Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer; 2020.

Reihe: Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik.

1. Auflage

107 Seiten.

Preis: Euro 24,00.

ISBN: 978-3-17-035657-3.

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Abbildung 1
Buchcover

Im vorliegenden Band aus der Reihe «Lindauer Beiträge zur Psychotherapie und Psychosomatik» erörtern die Autoren J. Küchenhoff und R.T. Vogel in fünf Vorlesungen zu verschiedenen Schwerpunkten die Grenzen des Machbaren in der Psychotherapie.

In der ersten Vorlesung beschreibt Küchenhoff die psychotherapeutische Arbeit mit Flüchtlingen, die über eine Psychotherapie im engeren Sinne hinaus geht. Es wird auf die spezielle Situation von Flüchtlingen hingewiesen, die nach psychischen und physischen Strapazen in einem fremden Land ankommen. Für diese Menschen stehen existentielle Themen im Vordergrund, die einer fachübergreifenden Zusammenarbeit bedürfen. Die psychotherapeutische Tätigkeit muss diesen Themen entsprechend untergeordnet oder angepasst werden. Als primäre Anknüpfungspunkte könnten kulturelle Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiede dienen. J. Küchenhoff beschreibt mögliche Perspektiven des Analytikers, hinsichtlich der Persönlichkeit, Individualität und Identität des Patienten und plädiert für eine offene und interessierte Haltung. Es bleibt eine kulturell bedingte Fremdheit, die es anzuerkennen gilt, auch als Ausdruck des Respekts vor dem Patienten.

In der zweiten Vorlesung setzt sich R. T. Vogel mit den Grenzen therapeutischer Verfahren auseinander. Hier werden die wichtigsten Therapieverfahren mit ihrem Menschbild, ihrer Störungstheorien und Behandlungskonzepten sowie der qualitativen und quantitativen Forschungsergebnisse vorgestellt. Hinterfragt werden die allumfassenden Geltungsansprüche einzelner Verfahren. Auch der Begriff der integrativen Psychotherapie scheint aus Sicht des Autors problematisch und könnte zu kontraproduktiven Vermischungen von Interventionen verschiedenster Verfahren führen. Für den Therapeuten in Ausbildung sollte es zunächst einen Prozess der Identifikation mit einem Verfahren geben, um genügend Erfahrung und Sicherheit in einer Methode zu entwickeln. Später sind Ergänzungen anderer Verfahren unter Einbezug klarer Indikationsstellung möglich. Letztlich ist jedes Therapieverfahren erfolgreich, aber auch begrenzt und sollte von Therapeuten grundsätzlich mehr akzeptiert werden.

In der dritten Vorlesung von J. Küchenhoff wird auf die Grenzen psychotischer Patienten eingegangen. Die aktuelle psychiatrische Diagnostik mit dem ICD 10 und die „gängigen“ Therapievorstellungen psychotischer Patienten werden auf seine Anwendbarkeit evaluiert, besonders das Konzept des biopsychosozialen Modells. Inwieweit kann es den Anforderungen heutiger Psychosebehandlungen noch gerecht werden? Ältere Konzepte der Autoren wie Tellenbach, Janzarik und Ciompi hatten schon Ideen für die Zusammenhänge von Diagnostik und Therapie und dem daraus ableitbaren Verständnis für psychotische Patienten entwickelt. Besonders hervorgehoben wird Benedetti mit seinem Konzept der Positivierung und der positiven Kommunikation wie auch der progressiven Psychopathologie. Auch Mentzos gehört in diese Gruppe, er hat sich speziell den Beziehungsdilemmata psychotischer Patienten gewidmet. Mit einem individuumszentrierten Ansatz lassen sich die Bedeutung ihrer Sprache und ihrer kreativen Symptome entschlüsseln. Mit Fallbeispielen wird das Hören mit dem dritten Ohr und bezogen auf die Negativsymptome das Hören mit dem vierten Ohr beschrieben. Dem Therapeuten wird eine positive, rücksichtsvolle und nicht nur an Defekten orientierte Grundhaltung empfohlen.

In der vierten Vorlesung von R. T. Vogel stehen die therapeutische Beziehung und ihre Grenzen auf dem Prüfstand. In den letzten Jahren ist die therapeutische Beziehung oder Passung zwischen Patient und Therapeut Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Die Grundlage beider Akteure ist ihre Beziehungsfähigkeit. Es gilt heute ein intersubjektiv orientierter Beziehungsansatz, der von beiden gestaltet wird. Das gilt auch für auftretende Schwierigkeiten, die nicht nur zu Lasten des Patienten gehen.

Besonders die Therapeutenvariablen gerieten mehr in den Fokus. Für eine Therapie verlangt es emotionale Verfügbarkeit, mit der ein Therapeut überhaupt in Beziehung treten kann. Dieser mehr akzentuierte Fokus verändert die therapeutische Zusammenarbeit. Neben der Übertragungs- und Gegenübertragungssituation können auch reale Probleme des Therapeuten Störungen in dieser Beziehung verursachen. Orlinskys Metaanalyse für erfolgreiche therapeutische Prozesse beinhalten die Qualität und Kompetenz des Therapeuten, die Kooperation des Patienten und dessen Veränderungsoffentheit wie auch die Behandlungsdauer. Bei dieser Aufzählung sind die Grenzen therapeutischer Prozesse bereits immanent. Für die Ausbildung der Therapeuten braucht es ausreichende Selbsterfahrung, Supervision und Therapieerfahrung. Die Grenzen in diesem Kontext bedeuten, dass nicht alle Therapeuten mit allen Patienten und vice versa arbeiten können und müssen. Es muss nicht alles machbar sein.

Das fünfte Kapitel dient der Reflexion und Diskussion der vorigen Kapitel. Die fünf Vorlesungen sind inhaltlich sehr dicht, enthalten viele wertvolle und anregende Informationen, um die Grenzen des Machbaren in der Psychotherapie zu erkennen und dem Patienten mit mehr Offenheit, Bescheidenheit, Respekt und Gelassenheit zu achten. Jedes Kapitel bildet eine gute Diskussionsgrundlage für Therapeuten, antiquierte Theorien und Haltungen zu reflektieren und allenfalls zu revidieren.

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