Minireview

Durch Entpathologisierung zu spezifischen Behandlungsangeboten ‒ klinikeigene Leitlinien zum Umgang mit Transmenschen

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2020.03131
Publication Date: 02.10.2020
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2020;171:w03131

Gupta Rahula, Felber Eduarda, Nuñez David Garciab, Kropp-Naef Corneliaa, Schneeberger Andres Ricardoacd

a Psychiatrische Dienste Graubünden, Chur, Schweiz

b Schwerpunkt für Geschlechtervarianz, Klinik für Plastische, Rekonstruktive, Ästhetische Chirurgie und Handchirurgie, Universitätsspital Basel, Schweiz

c Universitätsklinik Zürich, Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Zürich, Schweiz

d Albert Einstein College of Medicine, Department of Psychiatry and Behavioral Sciences, Bronx, NY, USA

Summary

Through depathologisation to specific treatment offers – a clinic's own guidelines for dealing with trans people

People whose gender identity, that is, the inner knowledge of which gender they belong to, does not coincide with the gender assigned to them at birth are called trans. They need specialised treatment services, but transnegative and transphobic structures make it difficult for them to access those. Therefore, a guideline has been developed with the aim of eliminating these structures as much as possible and thus offering the best treatment possible.

Keywords: Trans, non-binary, LGBT, guidelines, psychiatry

Menschen deren Geschlechtsidentität, also das innere Wissen darüber, welchem Geschlecht sie angehören, nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, bezeichnet man als «trans». Transmännern wurde bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen, Transfrauen das männliche. Menschen die nicht trans sind, bezeichnet man als «Cismenschen». Häufig werden auch die teils veralteten Begriffe «transsexuell», «transgender» und «transident» benutzt. Während die internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, Version 10 (ICD-10) [1] noch eine Diagnose «Transsexualismus» (F64.0) kennt, wird in der zukünftigen ICD-11 [2] der bereits heute übliche Standpunkt vertreten, dass trans an sich keine pathologische Störung, sondern ein seltener, aber kein krankhafter Gesundheitszustand ist. Daher ist er auch nicht mehr im Kapitel F «Psychische- und Verhaltensstörungen», sondern neu im Abschnitt «Conditions related to sexual health» unter der Rubrik «Gender incongruence», (deutsche Übersetzung: «Geschlechtsinkongruenz»), zu finden. Die ICD-11 versteht unter Geschlechtsinkongruenz eine ausgeprägte und beständige Nichtübereinstimmung zwischen dem erlebten und dem zugewiesenen Geschlecht. Leidet ein Mensch unter dem Spannungszustand der Geschlechtsinkongruenz spricht man von Geschlechtsdysphorie. Diese Differenzierung stellt eine Ent(psycho-)pathologisierung von Transmenschen dar und ist ein Meilenstein in der Betreuung dieser Personengruppe. Dabei handelt es sich bei Geschlechtsinkongruenz keineswegs um eine neue Erscheinung. In vielen Kulturen und zu verschiedenen Epochen ist dieses Phänomen beschrieben worden. Die Häufigkeit von Transpersonen ist auch höher, als früher behauptet wurde [3-5]. Nicht klinische Stichproben zeigen Prävalenzen zwischen 1.1-2.2% bei Transmännern und 0.8-1.9% bei Transfrauen [6, 7].

Im täglichen Leben kann sich die Situation von Transmenschen aber nach wie vor dramatisch darstellen. Gemäss der amerikanischen «National Transgender Discrimination Survey» erlebten fast alle Transmenschen Diskriminierung, hatten ein vierfach erhöhtes Risiko, in Armut zu leben und zeigten eine Suizidversuchsrate von 41% [8], verglichen mit 3.4% in der Schweizer Allgemeinbevölkerung [9]. In der «S3-Leitlinie Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit» [10] wird festgestellt, dass ein eingeschränkter Zugang zum Gesundheitssystem, Stigmatisierung und Diskriminierung mit erheblichen gesundheitlichen Risiken für Personen mit Geschlechtsinkongruenz verbunden ist.

Aufgrund dessen besteht die Notwendigkeit zum Aufbau spezifischer Behandlungsangebote. Die Psychiatrischen Dienste Graubünden haben sich daher 2017 das strategische Ziel gesetzt, ein solches Behandlungsangebot zu etablieren. Die Arbeitsgruppe, die den Auftrag erhalten hatte, stellte schon in ihrer konstituierenden Sitzung fest, dass das blosse Anbieten einer Sprechstunde den Bedürfnissen der Anspruchsgruppe nicht gerecht wird. Zu gross ist die Gefahr, dass durch strukturell und systemimmanente Prozesse transnegative Kräfte wirken. Daher ist es notwendig, begleitend zur Angebotsentwicklung, einen Kulturwandel in der Institution zu initiieren. Kultur meint in diesem Zusammenhang vor allen Dingen Werte und Haltung. Infolgedessen entschloss sich die Arbeitsgruppe, basierend auf der S3 Leitlinie und den Leitlinien der American Psychological Association [11] hauseigene Leitlinien zum Umgang mit Transmenschen zu entwickeln (Abbildung 1).

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Abb. 1
Leitlinien im Umgang mit Transmenschen

Ziel der Leitlinien ist es, Transmenschen die bestmögliche Behandlung anzubieten und transnegative Strukturen so gut wie möglich zu eliminieren. Hierzu wurden die Leitlinien in einem Konsensverfahren und unter Einbezug des Netzwerks «Transgender Network Switzerland» entwickelt. So kann ein spezialisiertes Sprechstundenangebot in einem affirmativen Rahmen angeboten werden. Es ist das Ziel, dass Transmenschen nicht nur im engen Rahmen der Behandlung Unterstützung erfahren, sondern bereits beim Erstkontakt mit der Institution, wie telefonische Kontaktaufnahme oder Rezeption, und in den weiteren Schritten innerhalb der Klinik keiner Diskriminierung ausgesetzt sind.

Key Points:

  • Geschlechtsinkongruenz tritt häufiger auf als allgemein angenommen. Mit einer Prävalenz von ca. 1% stellen Transpersonen eine bedeutende Minderheit dar.
  • Geschlechtsinkongruenz ist nicht pathologisch, Transmenschen leiden aber häufig unter Diskriminierung und resultierenden psychischen Störungen.
  • Im Vergleich zur Cisbevölkerung ist die Rate von Suizidversuchen bei Transmenschen massiv erhöht.
  • Transmenschen brauchen Behandlungsangebote, die ihre spezifische Situation berücksichtigen.
  • Spezialisierte Behandlungsangebote setzen eine trans-affirmative Kultur voraus, die durch hauseigene Leitlinien erreicht werden kann.

Sprachregelung

Die Sprachregelung wurde in Anlehnung an die S3-Leitlinie gewählt. Der vorliegende Text verwendet «trans» als Adjektiv. Wenn es das identitätsstiftende Element eines Sachverhalts ist, wird es großgeschrieben (z.B. die Trans-Gesundheitsversorgung). Die Mitglieder der Leitliniengruppe haben sich im Konsensverfahren auf diesen Begriff geeinigt. Allerdings ist allen Beteiligten bewusst, dass auch dieser Begriff nicht für alle passend ist.

Disclosure statement

No financial support and no other potential conflict of interest relevant to this article was reported.

Correspondence

Rahul Gupta, Psychiatrische Dienste Graubünden, Klinik Waldhaus, Loestrasse 220, CH-7000 Chur, Rahul.Gupta[at]pdgr.ch

Literatur

1 ICD-10-GM Version. 2019, Systematisches Verzeichnis, Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, Stand: 21.September 2018. Köln: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) unter Beteiligung der Arbeitsgruppe ICD des Kuratoriums für Fragen der Klassifikation im Gesundheitswesen (KKG); 2018.

2 WHO. International Classification of Diseases for Mortality and Morbidity Statistics (11th Revision). 2018. Available from: https://www.who.int/classifications/icd/en/.

3 Meyer zu Hoberge S. Prävalenz, Inzidenz und Geschlechterverhältnis der Transsexualität anhand der bundesweit getroffenen Entscheidungen nach dem Transsexuellengesetz in der Zeit von 1991 bis 2000: Christian-Albrechts Universität Kiel; 2010.

4 De Cuypere G, Van Hemelrijck M, Michel A, Carael B, Heylens G, Rubens R, et al.Prevalence and demography of transsexualism in Belgium. Eur Psychiatry. 2007;22(3):137–41. doi:. http://dx.doi.org/10.1016/j.eurpsy.2006.10.002 PubMed

5 Bakker A, van Kesteren PJ, Gooren LJ, Bezemer PD. The prevalence of transsexualism in The Netherlands. Acta Psychiatr Scand. 1993;87(4):237–8. doi:. http://dx.doi.org/10.1111/j.1600-0447.1993.tb03364.x PubMed

6 Kuyper L, Wijsen C. Gender identities and gender dysphoria in the Netherlands. Arch Sex Behav. 2014;43(2):377–85. doi:. http://dx.doi.org/10.1007/s10508-013-0140-y PubMed

7 Van Caenegem E, Wierckx K, Elaut E, Buysse A, Dewaele A, Van Nieuwerburgh F, et al.Prevalence of gender nonconformity in Flanders, Belgium. Arch Sex Behav. 2015;44(5):1281–7. doi:. http://dx.doi.org/10.1007/s10508-014-0452-6 PubMed

8 Grant JM, Motter LA, Tanis J. Injustice at every turn: A report of the national transgender discrimination survey. Washington D.C.: National Center for Transgender Equality and National Gay and Lesbian Task Force, 2011.

9 Peter C, Tuch A. Suizidgedanken und Suizidversuche in der Schweizer Bevölkerung. Obsan Bulletin, 7/2019.

10 Nieder TO, Strauß B. S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung im Kontext von Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit. Z Sexualforschung. 2019;32(02):70–9. doi:. http://dx.doi.org/10.1055/a-0895-8176

11 American Psychological Association. Guidelines for psychological practice with transgender and gender nonconforming people. Am Psychol. 2015;70(9):832–64. doi:. http://dx.doi.org/10.1037/a0039906 PubMed

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