Minireview

Erhöhtes Risiko für epileptische Anfälle bei Patienten mit idiopathischem Parkinson-Syndrom

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2020.03132
Publication Date: 02.10.2020
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2020;171:w03132

Gruntz Katharinaa, Rauch Marlenea, Rüegg Stephanb

a Abteilung Klinische Pharmazie und Epidemiologie, Departement Pharmazeutische Wissenschaften, Universität Basel, Schweiz;

b Abteilung Klinische Neurophysiologie, Departement Neurologie, Universitätsspital Basel, Schweiz

Summary

Increased risk of epileptic seizures in patients with Parkinson disease

In February 2018 our epidemiological study was published in the Annals of Neurology, describing an increased risk of epileptic seizures in patients with Parkinson disease. The work was awarded the doctoral prize of the Swiss Epilepsy League. On this occasion the authors were invited to this Minireview.

Previous publications on the association between epilepsy and Parkinson's syndrome were sparse and conflicting. Our study was the first to investigate the risk of incident epileptic seizures in association with Parkinson disease using a large population-based data set with long follow-up.

Keywords: Parkinson's disease, epileptic seizures, epilepsy, incidence rate, odds ratio

Assoziation zwischen idiopathischem Parkinson-Syndrom und inzidenten epileptischen Anfällen

Eine mögliche Assoziation zwischen neu aufgetretenem Parkinsonismus und einer Reduktion der Anfallshäufigkeit bei Epilepsie-Patienten wurde erstmals 1928 in einer kleinen Fallserie [1] und 2000 in einem Fallbericht [2] beschrieben. In der Zwischenzeit wurden weitere Beobachtungsstudien zu diesem Thema veröffentlicht, beruhten jedoch auf kleinen und heterogenen Studienpopulationen, waren Querschnittsstudien und ihre Ergebnisse wurden nicht für Störfaktoren kontrolliert [35].

Aufgrund der unklaren Datenlage zu diesem Thema führten wir eine grosse, retrospektive Kohortenstudie mit einer eingebetteten Fall-Kontroll-Studie durch [6].1 Wir verwendeten dafür Daten der Clinical Practice Research Datalink (CPRD) aus dem Vereinigten Königreich. Die CPRD umfasst Daten von >11 Millionen Patientinnen und Patienten mit Informationen u.a. über demographische Aspekte, medizinische Diagnosen und Medikamentenverschreibungen. In der Kohortenstudie berechneten wir Inzidenzraten (IR) und entsprechende Inzidenzratenverhältnisse (incidence rate ratio, IRR) für epileptische Anfälle unter Patienten mit neu aufgetretenem idiopathischen Parkinson-Syndrom (IPS) sowie einer gematchten Vergleichsgruppe von Personen ohne IPS. Um Störfaktoren zu kontrollieren und den möglichen Einfluss weiterer Risikofaktoren für epileptische Anfälle zu prüfen, führten wir zusätzlich eine in die Kohortenstudie eingebettete Fall-Kontroll-Studie durch. In dieser berechneten wir für Störfaktoren kontrollierte Odds-Ratios (OR) mit 95% Konfidenzintervall (95% KI) für IPS unter Fällen mit epileptischen Anfällen verglichen mit gematchten Kontrollen ohne epileptische Anfälle. (Die Studie wurde vom «Independent Scientific Advisory Committee for Medicines and Healthcare Products Regulatory Agency database research» genehmigt.)

In der Kohortenstudie hatten von 23,086 Patienten mit IPS 284 (1.2%) Personen einen erstmaligen epileptischen Anfall während des Follow-ups (IR 266.65 [95% KI 235.64-297.66] pro 100,000 Personenjahre). Verglichen mit der Gruppe ohne IPS (92,343 Personen, 614 [0.7%] mit erstmaligen epileptischen Anfall während des Follow-ups, IR 112.37 [95% KI 103.48-121.26] pro 100,000 Personenjahre) berechneten wir ein nicht für Störfaktoren kontrolliertes Inzidenzratenverhältnis von 2.37 (95% KI 2.06-2.73), was auf ein mehr als 2-fach erhöhtes Risiko für epileptische Anfälle bei Patienten mit IPS verglichen mit Personen ohne IPS hindeutet (Tabelle 1).

Table 1

Crude IRs per 100,000 PYs of epileptic seizures in patients with and without Parkinson disease, and corresponding IRRs, stratified by sex and age. [6]

 Cases, n=898PYsIRa95% CIIRR95% CI
No Parkinson disease, n = 92,343    
All614546410.3112.37103.48-121.261Reference
Men380302291.4125.71113.07-138.351Reference
Women234244118.995.8583.57-108.141Reference
Age 40-591628955.455.2628.18-82.331Reference
Age 60-79249282713.688.0777.14-99.011Reference
Age ≥80349234741.2148.67133.08-164.271Reference
Parkinson disease, n = 23,086   
All284106507.4266.65235.64-297.662.372.06-2.73
Men14959595.7250.02209.87-290.161.991.65-2.40
Women13546911.6287.78239.23-336.323.002.43-3.71
Age 40-59137246.8179.3981.87-276.913.251.56-6.75
Age 60-7914762269.5236.07197.91-274.232.682.19-3.29
Age ≥8012436991.1335.22276.21-394-222.251.84-2.77

PYs person-years, IR incidence rate, IRR incidence rate ratio, CI confidence interval
a per 100,000 person-years

Interessanterweise beobachteten wir bei zunehmendem Alter ein geringeres relatives Risiko für epileptische Anfälle bei Patienten mit IPS verglichen mit Personen ohne IPS. Diese Ergebnisse könnten durch eine höhere Prävalenz von anfallprovozierenden Begleiterkrankungen im Alter [7, 8] erklärt werden, wobei die zusätzliche Diagnose eines IPS als weiterer Risikofaktor möglicherweise weniger Einfluss auf das Auftreten von epileptischen Anfällen hat. Ferner beobachteten wir in der Kohorte mit IPS eine höhere Inzidenzrate von epileptischen Anfällen bei Frauen im Vergleich zu Männern. Dies steht im Gegensatz zur Allgemeinbevölkerung, in welcher eine höhere Prävalenz von epileptischen Anfällen bei Männern im Vergleich zu Frauen bekannt ist [9].

In die eingebettete Fall-Kontroll-Studie konnten wir 897 Fälle mit erstmaligen epileptischen Anfällen und 8,937 gematchte Kontrollen einschliessen. Die für Störfaktoren kontrollierte OR für epileptische Anfälle bei Patienten mit IPS verglichen mit Personen ohne IPS lag bei 1.68 (95% KI 1.43-1.98). Dies entspricht einem 1.7-fach erhöhten Risiko für epileptische Anfälle bei Patienten mit IPS nach Kontrolle für sonstige zerebrale (z.B. Schlaganfall, Hirntumor) und psychiatrische Erkrankungen sowie Demenz und Antiepileptika (Tabelle 2). Bei Patienten mit IPS ohne anfallprovozierenden Begleiterkrankungen lag die für Störfaktoren kontrollierte OR für epileptische Anfälle bei 2.24 (95% KI 1.62-3.08) im Vergleich zu Personen ohne IPS und ohne anfallprovozierende Begleiterkrankungen (Tabelle 3). Die höchsten OR für epileptische Anfälle beobachteten wir bei Patienten mit IPS und begleitenden anderen zerebralen Erkrankungen (OR 12.36, 95% KI 8.74-17.48), Demenz (OR 10.14, 95% KI 5.75-17.88) oder mehr als einer anfallprovozierenden Begleiterkrankung (OR 13.24, 95% KI 10.15-17.25) verglichen mit Personen ohne IPS und ohne anfallprovozierende Begleiterkrankungen. Interessanterweise beobachteten wir bei Patienten mit IPS und anfallsprovozierenden Begleiterkrankungen ein höheres Risiko für epileptische Anfälle als bei Personen ohne IPS mit denselben Begleiterkrankungen.

Table 2

ORs for developing epileptic seizures in patients with compared to patients without Parkinson disease. [6]

 Cases, n=897, No. (%)Controls, n=8,937, No. (%)Crude OR95% CIAdjusted ORa95% CI
No Parkinson disease613 (68.3)7520 (84.1)1Reference1Reference
Parkinson disease284 (31.7)1417 (15.9)2.472.14-2.861.681.43-1.98

OR odds ratio, CI confidence interval

a Adjusted for brain disorders (defined as ischemic/haemorrhagic stroke/transient ischemic attack, traumatic head injury, and other brain disorders (including MS, brain tumors, and brain infections); yes/no), psychiatric disorders (defined as affective disorders (depression, bipolar and manic disorders), anxiety disorders, mixed affective and anxiety disorders, and other psychiatric disorders (schizophrenic disorders, compulsive disorders, and suicide/suicidal ideation); yes/no), dementia (yes/no), anticonvulsants (current use/past or non-use)

Table 3

ORs for developing epileptic seizures in patients with compared to patients without Parkinson disease, stratified by comorbidities that are known risk factors for epileptic seizures. [6]

 Cases, n=897, No. (%)Controls, n=8,937, No. (%)Crude OR95% CIAdjusted ORa95% CI
No Parkinson Disease      
No SP comorbidity144 (16.1)4516 (50.5)1Reference1Reference
SP comorbidities      
    Brain disorders163 (18.2)686 (7.7)7.926.27-10.017.355.81-9.30
    Psychiatric disorders63 (7.0)1009 (11.3)2.021.50-2.731.831.37-2.47
    Dementia31 (3.5)135 (1.5)7.915.43-11.527.795.16-11.77
    Metabolic disturbances7 (0.8)164 (1.8)1.460.68-3.141.230.57-2.64
    Substance abuse16 (1.8)282 (3.2)1.771.05-2.991.630.98-2.71
    >1 SP comorbidityb189 (21.1)728 (8.2)8.827.05-11.047.956.31-10.00
Parkinson disease      
No SP comorbidity52 (5.8)627 (7.0)2.551.86-3.502.241.62-3.08
SP comorbidities      
    Brain disorders53 (5.9)130 (1.5)13.399.58-18.7112.368.74-17.48
    Psychiatric disorders33 (3.7)307 (3.4)3.192.18-4.662.311.52-3.49
    Dementia16 (1.8)46 (0.5)10.385.92-18.1910.145.75-17.88
    Metabolic disturbances5 (0.6)24 (0.3)7.662.99-19.595.932.38-14.78
    Substance abuseX35 (0.4)NANANANA
    >1 SP comorbidityb121 (13.5)248 (2.8)15.9512.43-20.4713.2410.15-17.25

OR odds ratio, CI confidence interval, SP seizure-provoking, X cell contains <5 patients (owing to ethics regulations to preserve confidentiality, we are not allowed to display cells with a count of <5 patients), NA not applicable
a Adjusted for anticonvulsants (current use/past or non-use)
b Any combinations of the above mentioned comorbidities

Zusammenfassend ergab unsere Studie unabhängig vom Vorhandensein anfallsprovozierender Begleiterkrankungen ein erhöhtes Risiko für epileptische Anfälle bei Patienten mit IPS verglichen mit Personen ohne IPS.

Key points

  • ‒ Die Inzidenzrate für epileptische Anfälle lag bei Patienten mit IPS bei 266.7 pro 100,000 Personenjahre und in der Vergleichsgruppe mit Personen ohne IPS bei 112.4 pro 100,000 Personenjahre.
  • ‒ Nach Kontrolle von Störfaktoren hatten Patienten mit IPS eine OR für epileptische Anfälle von 1.7 verglichen mit Personen ohne IPS.
  • ‒ Das erhöhte Risiko für epileptische Anfälle war besonders ausgeprägt bei Patienten mit IPS und begleitenden zerebralen Erkrankungen, Demenz oder dem Vorhandensein von mehr als einer anfallprovozierenden Begleiterkrankung.

Fussnote

1 Die Arbeit wurde mit dem Promotionspreis der Schweizerischen Epilepsie-Liga und als eine der besten medizinischen Dissertationen der Medizinischen Fakultät der Universität Basel im akademischen Jahr 2017/2018 ausgezeichnet.

Verdankung:

Wir bedanken uns herzlich bei Pascal Egger für das Programmieren und die technische Unterstützung.

Disclosure statement

Die Autoren haben keine finanziellen oder persönlichen Verbindungen im Zusammenhang mit diesem Beitrag deklariert.

Correspondence

Dr. med. Katharina Gruntz, Departement Pharmazeutische Wissenschaften, Abteilung Klinische Pharmazie und Epidemiologie, Universität Basel, Spitalstrasse 26, CH-4031 Basel, katharina.gruntz[at]gmail.com

References

1 Yakovlev PI. Epilepsy and Parkinsonism. N Engl J Med. 1928;198(12):629–38. doi:. [PubMed.]. http://dx.doi.org/10.1056/NEJM192805101981206

2 Vercueil L. Parkinsonism and Epilepsy: Case Report and Reappraisal of an Old Question. Epilepsy Behav. 2000;1(2):128–30. doi:. http://dx.doi.org/10.1006/ebeh.2000.0044 PubMed

3 Bodenmann P, Ghika J, Van Melle G, Bogousslavsky J. [Neurological comorbidity in parkinsonism]. Rev Neurol (Paris). 2001;157(1):45–54. [PubMed.]. PubMed

4 Feddersen B, Rémi J, Einhellig M, Stoyke C, Krauss P, Noachtar S. Parkinson’s disease: less epileptic seizures, more status epilepticus. Epilepsy Res. 2014;108(2):349–54. doi:. http://dx.doi.org/10.1016/j.eplepsyres.2013.11.013 PubMed

5 Son AY, Biagioni MC, Kaminski D, Gurevich A, Stone B, Di Rocco A. Parkinson’s Disease and Cryptogenic Epilepsy. Case Rep Neurol Med. 2016;2016:3745631. doi:. http://dx.doi.org/10.1155/2016/3745631 PubMed

6 Gruntz K, Bloechliger M, Becker C, Jick SS, Fuhr P, Meier CR, et al.Parkinson disease and the risk of epileptic seizures. Ann Neurol. 2018;83(2):363–74. doi:. http://dx.doi.org/10.1002/ana.25157 PubMed

7 McNeill KA. Epidemiology of Brain Tumors. Neurol Clin. 2016;34(4):981–98. doi:. http://dx.doi.org/10.1016/j.ncl.2016.06.014 PubMed

8 Benjamin EJ, Blaha MJ, Chiuve SE, Cushman M, Das SR, Deo R, et al.; American Heart Association Statistics Committee and Stroke Statistics Subcommittee. Heart Disease and Stroke Statistics-2017 Update: A Report From the American Heart Association. Circulation. 2017;135(10):e146–603. doi:. http://dx.doi.org/10.1161/CIR.0000000000000485 PubMed

9 Abramovici S, Bagić A. Epidemiology of epilepsy. Handb Clin Neurol. 2016;138:159–71. doi:. http://dx.doi.org/10.1016/B978-0-12-802973-2.00010-0 PubMed

Verpassen Sie keinen Artikel!

close