In memoriam

Gerhard Dammann

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2020.03135
Publication Date: 27.07.2020
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2020;171:w03135

Bachmann Silke

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Abbildung 1
Gerhard Dammann.

Am 20.6.2020 ist PD Dr. med. Dipl. Psych. Dipl. soc. Gerhard Dammann im Alter von 56 Jahren verstorben. Seine letzten Lebensjahre waren geprägt durch eine maligne Erkrankung, aus der er keinen Hehl machte. Trotzdem arbeitete er weiter wie zuvor und vermittelte seinem Umfeld Optimismus. Auch im nicht aufzufangenden Rückfall stabilisierte er sich über die Arbeit und diktierte seiner Frau bis zuletzt komplexe E-Mails. Am meisten zu schaffen machten ihm die Analgetika, denn sie nahmen ihm zwar die Schmerzen, aber auch die nötige Energie, um seinen Ansprüchen gerecht zu werden.

Der Schweizer Gerhard Dammann wurde am 11. Dezember 1963 in Algerien geboren, kurz darauf zogen seine Eltern in die Nähe von Zürich. Das Studium führte ihn nach Tübingen, Basel und Paris. Als Arzt und Psychotherapeut interessierte ihn das Zusammenspiel von Psyche, Körper und Gesellschaft. Um die sich daraus ergebenden Fragen mit der ihm eigenen Gründlichkeit zu beantworten, studierte er auch Psychologie und Soziologie und schloss beides mit einem Diplom ab. Gerhard Dammann war Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Fachpsychologe für Klinische Psychologie und für Psychotherapie, Psychoanalytiker und Master of Business Administration mit Schwerpunkt Gesundheitsökonomie.

Die Stationen seines Berufslebens waren Basel, Freiburg im Breisgau, Strassburg und München, wo er u.a. mit Peter Buchheim zusammen arbeitete. Ab 2006 war Gerhard Dammann Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen und Spitaldirektor der Psychiatrischen Dienste Thurgau. Die Leitung der Klinik Münsterlingen zu übernehmen, war sein beruflicher Lebenstraum.

Im Jahr 2016 habilitierte er sich in Salzburg, war ausserdem Lehrbeauftragter in Zürich und St. Gallen sowie ab 2014 bzw. 2020 Honorarprofessor der Medizinischen Universitäten Czernowitz und Kiew. 2018 wurde ihm die Medizinische Ehrendoktorwürde der Universität Charkiw verliehen (alle Ukraine). Gerhard Dammann war Mitglied des Freud-Instituts Zürich, Lehrtherapeut und Supervisor für Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP) sowie Präsident der Swiss Society of Transference-Focused Psychotherapy (TFP Switzerland). Ausserdem fungierte er als Verwaltungsrat der Triaplus AG.

Die Psychiatrische Klinik Münsterlingen hat Gerhard Dammann modernisiert, auf störungsspezifische Behandlungen ausgerichtet und über 14 Jahre hinweg massgebend geprägt, als Chefarzt die Fahnen der Psychotherapie hochgehalten und als Ärztlicher und Spitaldirektor zukunftsweisende Projekte an den Bodensee geholt, die ganz im Sinne des Postulats Stähelin stehen.

Sein Interesse galt der Psychotherapie, insbesondere der Übertragungsfokussierten Psychotherapie von Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen, nämlich Borderline- und narzisstischen Persönlichkeitsstörungen. Dadurch entstand eine langjährigen Beziehung zu dem österreichisch-amerikanischen Psychoanalytiker Otto F. Kernberg und Personen in dessen Umfeld wie Frank Yeomans und John Clarkin. Darüber hinaus beschäftigten ihn Themen der Forensik und Zusammenhänge von Persönlichkeit und Führungsstil. Die zahlreichen Publikationen und Vorträge Gerhard Dammanns waren Ausdruck eines genuinen Interesses; schriftlich äusserte er sich eher in Form von Büchern als in Beiträgen für Zeitschriften mit hohem Impact-Faktor. Das zeugt von einer grossen Autonomie.

Wann und wie kann ein Mensch so viele und verschiedene Aufgaben – überwiegend gleichzeitig – bewältigen? Den meisten von uns wird es ein Rätsel bleiben. Doch Gerhard Dammann war blitzgescheit, schnell und fleissig. Seine Konstitution wirkte unverwüstlich, sie ermöglichte es ihm, fast Tag und Nacht zu arbeiten. In seinem Kopf schien eine ganze Bibliothek mit verschiedenen Abteilungen Platz zu haben, sein vielfältiges Wissen teilte er gern. Um seine Ziele konsequent verfolgen zu können, nichts auf die lange Bank schieben zu müssen, grenzte er sich ab. Dies im Verbund mit seiner Intelligenz und Intellektualität konnte die Umwelt auch erschrecken und ihn arrogant wirken lassen. Vielleicht haben sein Tempo, das manchmal mit Ungeduld verbunden war, seine zahlreichen Ideen, Projekte und Ziele die Mitarbeitenden der Klinik mitunter überfordert?

Hinter dem schlauen Macher und Manager verbarg sich eine sehr feinfühlige Seite. Gerhard Dammann konnte innerhalb allerkürzester Zeit gegenüber Patient(inn)en mit Ernsthaftigkeit und Tiefe die angemessenen Worte finden. Seine Visiten und Explorationen waren daher von allen Mitarbeitenden hoch geschätzt.

Dieser «andere» Gerhard Dammann liebte seine Frau und die vier Töchter über alles. Obwohl die Familie oft hinter der Arbeit zurückstehen musste, gab es einen VW-Bus für gemeinsame Ausflüge. Noch 2019 verbrachte die Familie ein dreimonatiges Sabbatical in den USA, wo Gerhard Dammann an der Cornell University gemeinsam mit Otto Kernberg arbeitete. Mit seiner Frau Karin ging er der Sammelleidenschaft von Art Brut nach. Sie haben gemeinsam eine grosse und international anerkannte Sammlung zusammengetragen und Ausstellungen durchgeführt. Auch gemeinsam besuchte das Ehepaar gern neue oder neuinszenierte Opern.

Das Leben von Gerhard Dammann war viel zu kurz. Er hätte noch so viel verändern und weitergeben können. Dass dies nicht sein durfte, macht nicht nur traurig, sondern auch wütend. Auf der anderen Seite hat er in sein eines Leben die Fülle von mehreren gepackt. Und da er kein Selbstmitleid kannte, sollten wir uns dem anschliessen.

Credits

Header image: © Susazoom | Dreamstime.com

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