Editorial

Wissenschaft auf hohem Niveau

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2020.03147
Publication Date: 22.10.2020
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2020;171:w03147

von Salis Thomas

Das stattliche Angebot in dieser Ausgabe, das interessante Interview mit Luc Compi, ein Übersichts- und drei Originalartikel, die Beiträge in den Rubriken Minireview, Case Report, Filmanalyse und First Person Account (nicht zu vergessen auch die Buchbesprechungen) geben Information und Denkanstösse in grosser Fülle.

Das Heft beginnt – schon wieder (Dammann im letzten, Knauer im vorletzten Heft) – mit einem Nachruf auf einen früh verstorbenen Kollegen: Alexandre Dayer.

Nehmen wir uns nun den Beitrag mit dem eher unüblichen Titel «Uferlose ambulante Therapien» vor: Das originelle Forschungsdesign besteht aus einer Gruppenarbeit gestandener psychiatrischer Psychotherapeuten, die elf Therapiefällen analysieren, und einer Umfrage, die auf den in der Gruppe erarbeiteten Einsichten aufgebaut war. Sie erarbeiten das «Konzept der Dynamik von uferlosen Therapien: Es betrifft psychiatrische Patientinnen und Patienten mit einem bereits chronischen ‒ oft mit einer Persönlichkeitsproblematik verwobenen Leiden ‒, die nach wiederholtem Scheitern ein erhebliches soziales Handicap mitbringen (…). (Denn) die Patienten wiederholen krisenhaft das Scheitern wie ein Symptom, von dem sie kaum loskommen.», wie sich im hervorgehobenen Text nachlesen lässt.

Da geht es offenbar um ein «Scheitern am Misserfolg», um einen Teufelskreis. Freuds «Die am Erfolge scheitern» [1] wird nicht explizit erwähnt, aber es wird aus dem Zusammenhang klar, dass die beschriebenen Fälle anders gelagert sind. Sie sind einer erfolgreichen Deutung des Wiederholungszwangs nicht zugänglich, aus welchen Gründen auch immer. Was den Artikel besonders auszeichnet, ist die unverdrossene Wahrheitssuche, die alle unangebrachten Rücksichten und Empfindlichkeiten deutlich benennt und so der Revision zugänglich macht. Das Scheitern ist nicht vorschnell zu verstehen als Misserfolg der Therapie. Vielmehr kann seine Symptomnatur zur Therapie verwendet werden, und es geht ja schliesslich darum, dass für die Patienten das Leben erträglicher wird, auch wenn im beruflichen Leben der Erfolg ausbleiben sollte. Die Fälle sind so ausgewählt, dass man daran das Thema diskutieren kann, ob und wie häufig Therapien «uferlos» sein können, womit die Frage nach deren Nutzen ernsthaft gestellt wird. Es soll nicht das sonst so beliebte «alle Psychotherapien sind wirksam» gepflegt werden, sondern die Therapeuten sollen neue Anhaltspunkte gewinnen, um ihre Arbeit im Kontext nicht nur des Wohlbefindens der Patienten, sondern auch der gesellschaftlichen Umgebung zu reflektieren. Es wird darauf hingewiesen, dass Besserungen nicht immer der Therapie, sondern oft auch Veränderungen in der Umgebung zu verdanken sind. Die «Therapeut-Patient-Dyade» wird zwar kritisch beleuchtet, aber freilich nicht als Methode kritisiert. Man geht davon aus, dass die individuellen Psychotherapien eher die Regel sind als Gruppen- Paar- und Familientherapien. Als Kinderpsychiater würde ich indessen doch die Frage aufwerfen, ob nicht heutzutage das Einzelsetting für die Therapie (nicht für die Psychoanalyse im engeren Sinn) ein wenig in den Hintergrund tritt angesichts der Bewährung von Gruppensettings, deren Wirksamkeit in der Forschung meines Wissens vielfach nachgewiesen ist.

Im Übersichtsartikel, in dem erwähnt wird, dass die Fortschritte der Neurobiologie für die Psychotherapie nutzbar gemacht werden können («Psychodynamic Psychiatry and Neurobiology»), ist das Problem des Subjekts noch deutlicher erkennbar: Wenn Paare, Gruppen und grössere Kollektive Gegenstand unserer Bemühungen sind, stellen sich die neurobiologischen Befunde in einem anderen Licht dar, als wenn es um einzelne menschliche Körper geht. Dass wir uns eher mehr um ein Subjekt als um einen Körper kümmern, kommt in einem Interview, das Karl Studer in einer früheren Ausgabe dieser Zeitschrift mit einer Pflegefachfrau gemacht hat, zur Geltung [2]: «Von mir aus könnten Betroffene noch viel direkter in die Gestaltung unserer Angebote mit einbezogen werden. Wir machen noch zu viele Besprechungen über sie als mit ihnen und auch Angehörige beklagen sich erneut, dass sie zu wenig mit einbezogen werden.(Es)wurde mir immer bewusster, welche wichtige Rolle das soziale System, die Wohnung, das Quartier, die Teilnahme in der Gemeinschaft spielen und wie wir oft unsere eigene Arbeit auch überschätzen».

Die wissenschaftliche Anstrengung, um die es in den hier diskutierten Beiträgen geht, ist auf einem hohen Niveau angesiedelt. Gerade deshalb kann man gut dazu assoziieren und weitere Fragen, die für die Forschung und die Praxis relevant sind, aufwerfen.

Literatur

1 Freud S. Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit. Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften IV. 1916; IV: 317–336; [cited 28. September 2020] Available on: http://www.gutenberg.org/files/29101/29101-h/29101-h.htm

2 Lüthi R, Studer K. Was tut die Pflege in der Psychiatrie?Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(03):81–3. doi:. http://dx.doi.org/10.4414/sanp.2017.00490

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