Book review

Ralf Zwiebel: Die innere Couch. Psychoanalytisches Denken in Klinik und Kultur

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2021.03143
Publication Date: 21.02.2021
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2021;172:w03143

Susanne Kunz-Mehlstaub

Giessen: Psychosozial-Verlag; 2019.

1. Auflage.

401 Seiten.

Preis: 42.90 EUR.

ISBN: 978-3-8379-2895-2.

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Abbildung 1
Buchcover

Das vorliegende 400 Seiten umfassende Werk von Ralf Zwiebel bietet einen umfangreichen Beitrag zum Thema «Analyse» und gliedert sich in vier große Teile: 1. Klinisches, 2. Filmpsychoanalytisches, 3. Meditatives und 4. Didaktisches. Insgesamt handelt es sich um eine Zusammenstellung bereits veröffentlichter Texte.

Der Titel «Die innere Couch» nimmt Bezug auf die innere Haltung und die Tätigkeit der Analytiker/-innen mit und ohne Couch, dies nicht nur im psychotherapeutischen Sinn, sondern auch in psychosozial kulturellen Kontexten wie Supervision, Ethik und Didaktik, sowie in Film und Buddhismus. Die Couch ist der rote Faden und verbindet alle Felder, in denen Analyse angewandt wird. Inspiriert wurde Zwiebel von einem Buch, «Auch ohne Couch», von Thea Bauriedl aus den 90ziger-Jahren. Der Titel dient als Metapher für den Transfer mentaler Funktionen in analytische Arbeitsfelder.

In den Kapiteln die unter «Klinisches» zusammengefasst sind, geht Zwiebel auf die analytische Arbeit von Patient und Therapeut/-in ein. Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten sind zentrale Freud’sche Paradigmen für die analytische Arbeit und werden ergänzt mit neueren Publikationen der intersubjektiven Perspektive. Was ist das Analytische? Diese Frage weist zum einen auf die Anerkennung des Unbewussten hin, zum anderen auf die Bedeutung der Lebensgeschichte des Neurotikers als Hintergrund seines Leidensdruckes. Zum Analytischen gehören die Beziehungsdimensionen der Übertragung und Gegenübertragung und das Arbeiten mit dem Widerstand.

Wie wird und bleibt man Analytiker/-in? Die eigene Stimme muss entwickelt und durch die analytische Arbeit kontinuierlich erfahren werden. Die berufliche Identität beruht auf jahrelanger Ausbildung mit Selbsterfahrung. Kreative Prozesse, die sich biographisch herleiten lassen oder auch etwas mit der Wiedergutmachung an zentralen Bezugspersonen zu tun haben, tragen zur weiteren beruflichen Entwicklung bei. Hier wird D. Tuckett mit folgenden Fragestellungen zitiert: «Was ist das Problem eines Analysanden / einer Analysandin? Wie funktioniert ein analytischer Prozess? Wie lässt sich das Unbewusste in der analytischen Situation erfassen? Wie kann der Analytiker diese Elemente in der analytischen Situation fördern»?

In Kapitel «Filmpsychoanalysen» werden drei Filme (Serie: «In Treatment», «Wie im Himmel», «Pleasantville») aufbereitet. Diese Filmpsychoanalysen sind für Cineasten sehr spannend zu lesen. Filmbetrachtungen dieser Art haben zur Einrichtung zahlreicher Filmpodien in verschiedensten europäischen Städten geführt. Zwiebel betrachtet den Film als «ungeträumten Traum» der Zuschauer mit Erweiterung deren unbewusster Wünsche und Vorstellungen.

Der Beitrag zum Buddhismus aus psychoanalytischer Perspektive im Kapitel «Meditatives» bietet interessante Überlegungen über Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Lassen sich Buddhismus und Analyse vergleichen, geschweige denn gemeinsam praktizieren? Eine der Gemeinsamkeiten ist die Erfahrung des Mangels und dessen Kompensation mit der Suche nach Heilung. Jede der beiden Disziplinen hat nach Zwiebel eine wesentliche Kernaussage: «Wo für den Buddhismus gilt: alles ist Veränderung, gilt für die Psychoanalyse: das Seelische ist unbewusst». Beide Kernaussagen lassen sich dann weiter ausdifferenzieren. Der Autor geht davon aus, dass Begehren und Angst zwei Phänomene sind, die Buddhismus und Psychoanalyse auf einer tieferen Ebene konzeptuell miteinander verbinden. Letztlich besteht die Möglichkeit, dass beide Disziplinen einander ergänzen. Psychoanalyse braucht Zen und Zen braucht Psychoanalyse, um elementare emotionale Bedürfnisse wahrzunehmen und nicht abzuspalten (Magid,2008).

Im letzten Kapitel «Didaktisches» führt uns der Autor nochmals zurück zur professionellen Identität und Kompetenz der Psychoanalytiker/-innen. In diesem Abschnitt wird neben grundlegenden Überlegungen zur Ausbildung besonders auf Hindernisse in Form von Ängsten und Schuldgefühlen des Analytikers und des Analysanden hingewiesen, die lange Zeit berufliche Begleiter oder Schatten sein können.

Das Werk bietet eine intensive und interessante Einführung grundsätzlicher Fragestellungen zur Analyse, und dem Beruf des Analytikers / der Analytikerin. Diese Themen werden anschaulich ergänzt mit kulturellen Betrachtungen zu Film und Buddhismus. Letztlich hat die Analyse mit mehr als 100 Jahren Erfahrung Bestand und findet Anwendung in vielen Disziplinen, auf der realen wie auf der imaginativen Couch. Es ist eine anregende Reise durch die Geschichte der Analyse und den Kernthemen, mit denen die Analytiker/-innen in der Gegenwart auch weiterhin konfrontiert sein werden.

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