Book review

Sarah El Bulbeisi: Tabu, Trauma und Identität

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2021.03170
Publication Date: 07.02.2021
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2021;172:w03170

Waldvogel Ruth

Bielefeld: transcript Verlag; 2020.

322 Seiten.

Preis: 45.00 EUR.

ISBN: 978-3-8376-5136-2.

Auch als eBook erhältlich.

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Abbildung 1
Buchcover

Sarah El Bulbeisi geht in ihrer Dissertation der Frage nach, welche Auswirkungen die, im europäischen kollektiven Gedächtnis tabuisierte, palästinensischen Gewalterfahrungen auf die Identität und die Eltern-Kind-Beziehung von Palästinensern und Palästinenserinnen hat, die in der Schweiz und in Deutschland leben. Es geht dabei um diejenigen, denen im Zusammenhang mit der Besetzung des Westjordanlands und Gazas 1967 die Rückkehr in ihre Heimat durch Gesetze der Besatzungsmacht verweigert wurde.

Sie befragte in biografisch-narrativen Interviews insgesamt 39 Personen der ersten und zweiten Generation, also der Generation, die selbst die Vertreibung erlebte, und deren in der Schweiz und Deutschland geborenen Nachkommen. Bei der teilnehmenden Beobachtung wurden psychoanalytische Techniken wie gleichschwebende Aufmerksamkeit, immerwährendes aufmerksames Zuhören und Übertragung-Gegenübertragung verwendet.

Das Buch vermittelt ausführlich die Geschichte des ehemaligen britischen Mandatsgebietes Palästina, schildert die Vertreibung der Palästinenser/innen im Zusammenhang mit der Staatsgründung Israels 1948 und die Auswirkungen des Sechstagekriegs 1967. Es weist auf die Verflechtung der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts mit der Geschichte Palästinas hin. Die Vertreibung der Palästinenser/innen in der Zeit um die Staatsgründung Israels, die sie als «Nakba» (Katastrophe) bezeichnen, wird in Europa verschwiegen und so tabuisiert. Gleichzeitig werden Palästinenser/innen rasch pauschal den Terrorist(inn)en zugeordnet und als gewalttätig und gefährlich hingestellt.

Eindrücklich geht aus den Interviews der ersten Generation hervor, wie die Betroffenen selbst oft ihre Erfahrungen verschweigen, sowohl gegen aussen, als auch innerhalb der Familie. Viele lebten aus Arbeits- oder Studiengründen in den 60er-Jahren in Europa und wurden im Sechstagekrieg zu Vertriebenen, da die Bestimmungen der Besatzungsmacht die Rückkehr derjenigen Palästinenser/innen, die zur Zeit der Besetzung nicht zuhause waren, verboten. Sie erleben ihr aufgezwungenes Exil als schuldhaft und schambesetzt. Damit identifizieren sie sich mit dem Diskurs der hegemonialen Macht, in dem die subjektiv erlebte Gewalt der Palästinenser/innen nicht vorkommt.

Dies erinnert an die sequentielle Traumatisierung, wie sie Hans Keilson [1] bei jüdischen Waisenkindern nach dem Holocaust beschreibt. Das Unverständnis seitens der Gesellschaft und ihr nicht-wahrhaben-Wollen erlebter Traumata der Betroffenen führt zu einer zusätzlichen Traumatisierung mit der Folge, dass die Erlebnisse nicht verarbeitet werden können und die damit verbundene Trauer und Wut abgespalten wird.

Die zweite Generation versucht, die unbekannte Geschichte der Väter in Erfahrung zu bringen, und beginnt, sich gegen den hegemonialen Diskurs zu wehren, um so das Eigene nicht weiter zu verdrängen.

Sarah El Bulbeisi leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Auswirkungen der Nakba und deren Nichtanerkennung durch die westliche Welt. Ihre Erkenntnisse gelten generell für Angehörige gepeinigter Völker, deren Leiden nicht anerkannt werden, und sind daher gerade in der therapeutischen Praxis von Bedeutung. El Bulbeisi bringt den Begriff «Trauma» aus dem klinischen in den historischen Bereich und untersucht in ihrer Arbeit, wie sich dies auf die Identitätsbildung der Betroffenen auswirkt. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der Subjektbildung der Palästinenser/innen, aber auch allgemein der Nachkommen unterdrückter und vertriebener Gemeinschaften, denen wir im therapeutischen Alltag immer wieder begegnen.

Literatur:

1 Keilson H. Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Stuttgart: Enke; 1979.

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