Interview

Supervision in der Psychotherapie − mit Schwerpunkt Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2021.03172
Publication Date: 07.02.2021
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2021;172:w03172

Wilhelm Felder, Kurt Schürmann, Karl Studer

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Interview mit Prof. Dr. med. Wilhelm Felder, Bern und Zürich, und Prof. Dr. med Kurt Schürmann, Basel und Fribourg

Karl Studer: Warum hat das Buch zwei Autoren und wie habt Ihr dabei zusammengearbeitet?

Wilhelm Felder / Kurt Schürmann: Wir haben uns vor Jahrzehnten im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich kennengelernt. Einer von uns (W.F.) hat sich entschieden, den institutionellen Weg zu beschreiten, der andere (K.S.) eröffnete eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis. Daraus ergab sich die Möglichkeit, dass der Klinikdirektor (W.F) den Praktiker (K.S.) mit der externen Supervision in seiner Klinik beauftragen konnte. Da sich beide, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven, mit dem Thema der Supervision beschäftigten, entstand das Projekt eines Supervisionskurses. Wir wollten unsere unterschiedlichen Supervisionserfahrungen weitervermitteln. Im Verlauf der zehnjährigen gemeinsamen Kurstätigkeit haben wir die präsentierten Inhalte kontinuierlich weiterentwickelt. Das Buch stellt also das Resultat einer lange dauernden gemeinsamen Entwicklung dar [1].

KS:Im deutschsprachigen Bereich gibt es nur wenige Publikationen zum Thema «Supervision in der Psychotherapie». Welche Idee steht hinter diesem Buch?

WF/KS: Im deutschsprachigen Raum gibt es tatsächlich erstaunlich wenig Literatur zum Thema «Supervision in der Psychotherapie». Wir wollten mit diesem Buch unsere gesammelten Erfahrungen an die nächste Supervisionsgeneration weitergeben sowie eine Hilfestellung für Ärzt(inn)en und Psycholog(inn)en in Kaderfunktion für ihre aktuelle Supervisionstätigkeit in der Institution und in ihre zukünftige Tätigkeit als externe Supervisor(inn)en.

KS: In den FMH-Richtlinien zu Weiterbildung zum Psychiater und Psychotherapeuten werden klare Aussagen zur Anzahl von Supervisionsstunden gemacht. Existieren auch Richtlinien zur Qualifikation der Supervisoren und deren Ausbildung?

WF/KS: Wir haben 2011 Guidelines zur Supervisionstätigkeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie publiziert [2]. Im Weiterbildungsprogramm der SGKJPP wird lediglich auf der Notwendigkeit der externen Supervision hingewiesen, wobei aber keine qualitativen Vorgaben bezüglich dieser externen Supervison gemacht werden. Das BAG hat Kriterien aufgestellt für die Anerkennung von Weiterbildungen für Psycholog(inn)en in Psychotherapie. Für die im Rahmen dieser Ausbildung tätigen Supervisor(inn)en wird nach der Psychotherapieausbildung an einem anerkannten Ausbildungsinstitut eine mindestens fünfjährige Berufstätigkeit gefordert.

KS: Die KJPD der Universitäten von Basel, Bern und Zürich haben ihre Weiterbildung zur Psychotherapie koordiniert. Wie steht es mit der Ausbildung der Supervisoren?

WF/KS: Unseren Ausbildungskurs haben wir nach einer zehnjährigen erfolgreichen Ausbildung von über 100 Fachleuten an das IPKJ (Institut für Psychotherapieausbildung für Kinder und Jugendliche der Universitäten Bern, Basel und Zürich) übergeben.

KS: Könnt Ihr Euch vorstellen, dass im Rahmen der Erwachsenenpsychiatrie eine ähnliche Supervisorenausbildung aufgebaut wird?

WF/KS: Aus unserer Sicht ist der Aufbau eines Supervisionsausbildungskurses für die Erwachsenenpsychiatrie schon längst notwendig! Selbstverständlich würden wir unsere Erfahrungen im Aufbau eines solchen Kurses gerne zur Verfügung stellen.

KS: Worum geht es letztlich bei der Supervision der Psychotherapie und kann sie auch schulübergreifend sein. Wo ist der Nutzen für die Patienten?

WF/KS: Supervision ist in den sogenannten «helfenden» Berufen in psychologischen und -psychiatrischen Institutionen, Beratungsstellen und Praxen ein unerlässlicher Bestandteil der Aus- und Weiterbildung sowie der Qualitätssicherung. Kernpunkte einer Supervision sind Vermittlung von Fachwissen, praktisches Erlernen von «Skills» und «Problemlösungsschemata», Erkennen von Zusammenhängen zwischen klientenbezogenen und institutionell bedingten Schwierigkeiten und Handlungsabläufen, Prophylaxe beruflicher Erschöpfung («Burnout») und professionelle Identitätsfindung. Der Nutzen für den Patienten besteht im Sinne einer Qualitätsverbesserung für das Klienten- und Therapeutensystem [3].

KS: Ihr sprecht von einer «aktuellen postmodernen Zeit». Was meint Ihr damit? Wie wirkt sich das Konzept dahinter auf die psychotherapeutische Arbeit und die Supervision aus? Wie steht es mit der Identitätsbildung der Supervisanden im supervisorischen Prozess?

WF/KS: Der Begriff der «Postmoderne» bezeichnet unseren gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft [4]. Dieser Begriff wurde durch den französischen Philosophen Jean-Francois Lyotard [5] am Ende des 20. Jahrhunderts geprägt. Die Theorien der Postmoderne widerspiegeln den Zustand der modernen Welt: individualisierte Lebensläufe, Meinungspluralismus und globale Kommunikation. Heraklits Aussage, dass es nichts Beständigeres als den Wandel gibt, zeigt die Notwendigkeit der ständigen Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftswandel und den sich wandelnden Ansprüchen an eine Psychotherapie. Infolgedessen ist der Sinn des Supervisionsprozesses, die Identität der Supervisanden so zu fördern, dass sie mit ihrer eigenen Identität mit den unterschiedlichen Identitäten der Indexpatient(inn)en und deren Familien – fachlich und persönlich – besser umgehen können.

KS: Machen Supervisoren auch eine eigene Weiterentwicklung durch?

WF/KS: Es ist sehr zu hoffen, dass Supervisoren in ihrer eigenen Entwicklung nicht stagnieren! Die Supervisionstätigkeit umfasst ja verschiedene Facetten; so ist der Supervisor Lehrer, Erwachsenenbildner, klinischer Experte und gelegentlich auch Vorbild. In all diesen Facetten ist eine kontinuierliche Entwicklung wünschenswert.

KS: WieUnterscheidet sich Supervision von Selbsterfahrung?

WF/KS: Bei der Supervision steht der Supervisand als Fachperson im Zentrum und nicht der Patient. In der Selbsterfahrung geht es um den angehenden Psychotherapeuten als Menschen mit seiner persönlichen Geschichte. Da es in der Supervision ja auch um die Gegenübertragung des Supervisanden auf den Patienten geht und diese Gegenübertragung wesentlich durch die Persönlichkeits- und Lebensgeschichte des Supervisanden geprägt ist, gelingt die Abgrenzung zwischen Supervision und Selbsterfahrung in der Praxis nicht immer so eindeutig.

KS: Gibt es einen Unterschied zwischen (Institutions-) interner und externer Supervision und worin besteht der Unterschied zur Fallvorstellung?

WF/KS: Bei einer internen Supervision ist der Supervisor ein «interner» Supervisor, d.h. er ist auch sonst von derselben Institution angestellt. Bei einer externen Supervision leitet ein externer Supervisor die Supervision, d.h. er ist unabhängig von der Institution.

Der wichtige Unterschied zur Fallvorstellung besteht darin, dass in der Supervision keine formalen Entscheide zum klinischen Alltag (Behandlungsabbruch, Pharmakotherapie, Gefährdungsmeldung usw.) gefällt werden. Das ist der klinischen Hierarchie im Rahmen der Fallbesprechung vorbehalten.

KS: Existiert in der Schweiz Forschung zum Thema «Supervision» und wie müsste sie allenfalls aussehen?

WF/KS: Wir haben in unserem Buch den aktuellen Forschungsstand zum Thema «Supervision» kurz skizziert. Forschungsaktivitäten zu Supervision in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Schweiz sind uns nicht bekannt.

KS: Ihr widmet ein ganzes Kapitel der Ethik und eines der familienrechtlichen Tätigkeit. Welche Rolle spielen Werte und Normen dabei?

WF/KS: Normen und Werte spielen in jeder Erziehung eine Rolle. Als Kinder- und Jugendpsychiater sind wir deshalb bei jedem unserer Patient(inn)en mit diesen beiden Aspekten konfrontiert. Besonders brisant wird dies im Zusammenhang mit Kindesschutzmassnahmen. Bei der Frage beispielsweise, ob Eltern die Obhut ihrer Kinder entzogen werden soll, spielen häufig neben fachlichen Fragen im engeren Sinn auch Wertepositionen eine wichtige Rolle. Die Reflexion über die eigenen Werte und Normen im Umgang mit den Patienten ist in der Supervision deshalb häufig relevant.

KS: Was möchtet Ihr den Mitgliedern der SGPP und SGKJPP noch auf den Weg geben?

WF /KS: Das Thema der Nachwuchsförderung ist heute in aller Munde. Uns ist es ein Anliegen darauf hinzuweisen, dass Ärztinnen und Ärzte und Psycholog(inn)en in Kaderfunktionen die Möglichkeit zu einer Supervisionsausbildung bekommen sollten.

Buchbestellung: Sie können das Buch «Supervision in der Psychotherapie» online bestellen: https://shop.emh.ch

Correspondence

Dr.med. Karl Studer, Praxis im Klosterhof, Klosterhofstrasse 1, CH-8280 Kreuzlingen, karl.studer[at]bluemail.ch

Literatur:

1 Felder W, Schürmann K. Supervision in der Psychotherapie mit Schwerpunkt systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie. Basel: EMH Schweizerischer Ärzteverlag AG; 2021.

2 Felder W. Schürmann K. Guidelines für Supervision in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Psy & Psy. 2011;11:7.

3 Strategie der SGKJPP. Qualität der psychiatrischen Behandlungen von Kindern und Jugendlichen. Psy & Psy.2011;11:7.

4 Behrens R. Postmoderne. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt; 2008.

5 Lyotard J. Das postmoderne Wissen. 6. Auflage. Wien: Passagen; 2009.

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