Editorial

Querdenker und Mehr-Denker

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2021.03179
Publication Date: 21.02.2021
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2021;172:w03179

Zullino Daniele

Gemäss aktuellem Schweizer Wissenschaftsbaromenter [1] vertraut die Schweizer Bevölkerung während der COVID-19-Pandemie der Wissenschaft weitgehend und ist mehrheitlich der Meinung, dass politische Entscheidungen zum Umgang mit der Pandemie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen sollten. Dies ist zumindest Mal eine gute Nachricht.

Die Corona-Pandemie und die hiermit einhergehenden Ängste bieten auf der anderen Seite einen idealen Nährboden für Verschwörungstheorien und alternative Wahrheiten, die − nicht zuletzt angetrieben durch den zunehmenden Informationskonsum über den Resonanzkasten Soziale Medien − eine Wissenschaftsleugner-Bewegung begünstigt. Soziale Medien sind über ihre Algorithmik auf Aufmerksamkeitsmaximierung ausgelegt und nicht unbedingt auf Evidenzen. Sie stabilisieren kognitive Verzerrungen (Motivated reasoning, Confirmation bias etc.), verengen schnell den Betrachtungswinkel auf komplexe Informationen. Und dies ist sicher eine weniger gute Nachricht. Der Bewegung der sogenannten «Querdenker» gehören allerdings nicht nur − erwartetermassen − wissenschaftsferne Gruppen an, sondern eine nicht zu vernachlässigende Anzahl von Ärzten. Und dies ist besonders bedenklich.

Einer der Leitsprüche der Bewegung lautet in etwa: «Man darf doch wohl noch Fragen stellen, skeptisch sein dürfen». An dieser Formulierung ist auf den ersten Blick kaum etwas auszusetzten, entspricht sie doch einem der Grundsteine der wissenschaftlichen Methode − einem von mehreren Grundsteinen!

Die wissenschaftliche Methode besteht bekanntlich aus verschiedenen Phasen:

  1. Auswahl des Forschungsproblems. Dieses kann durch die äusseren Umstände vorgegeben sein (z.B. Klimawandel, Covid-19-Pandemie etc.).
  2. Herleitung einer Hypothese aus bereits Bekanntem
  3. Formulierung einer Forschungsfrage, die so formuliert wird, dass eindeutig wird, was herauszufinden ist. Die Hypothese muss überprüfbar sein.
  4. Datenerhebung, d.h. Suche nach Evidenzen (durch reine Beobachtung oder Durchführung eines Experimentes) zur Falsifizierung der Hypothese
  5. Hypothesenprüfung durch Ordnen der gesammelten Daten, Analyse der Ergebnisse und Überprüfung ob die Hypothese durch die Resultate gestützt oder entkräftet wird
  6. Daran schliesst sich eine Überarbeitung der Ursprungshypothese an und der Forschungskreislauf geht in eine neue Runde.

Das Problem der Querdenker-Bewegung ist nicht die Anfangsskepsis, sondern das Ziehen voreiliger, durch Motivated Reasoning verzerrter Schlüsse. Die Phasen (3) bis (6) werden ausgelassen.

Das Denken der Querdenkerbewegung ist eben nicht ein die Erkenntnis vorantreibendes, über Konventionen hinausgehendes Denken, sondern prinzipiell ein nicht-wahrhaben-Wollen wissenschaftlicher Erkenntnisse. Es ist − ganz entgegen dem ersten Anschein − kein skeptisches Denken. Die scheinbare Skepsis ist stark gerichtet, wodurch es schnell zu dem klassischen «Bestätigungsfehler» («confirmation bias») kommenn kann. Skeptizismus gegenüber allen Hypothesen aber ist die Grundvoraussetzung wissenschaftlichen Denkens, die Falsifikation von Hypothesen (die Suche nach “disconfirming evidences”) Kern wissenschaftlichen Arbeitens.

Wohl eine der wichtigsten wissenschaftlichen Leistungen des zwanzigsten Jahrhunderts dürfte die Erkenntnis gewesen sein, dass die Wissenschaft grundsätzlich «falsch liegt», dass die durch wissenschaftliches Tun erarbeiteten und entwickelten Darstellungen der Welt in einem präzisen und überprüfbaren Sinn falsch sein können. Die Stärke wissenschaftlichen Denkens liegt gerade in der Kenntnis der Grenzen wissenschaftlicher Darstellungen der Welt. Wissenschaft ist in diesem Sinne fliessend, in ständiger Revolution, immer in der Schwebe zwischen Wissen und Zweifel, immer auf der Suche und nie einfältig zufrieden mit ihren Ergebnissen.

Wissenschaftliche Erkenntnis ist auch nicht unbedingt das Resultat eines demokratischen Prozesses. Die Wirksamkeit einer Behandlung lässt sich weniger gut über eine Volksabstimmung ermitteln als über einen kontrollierten klinischen Versuch. Und dennoch … .

Wissenschaft schafft keine Fakten, liefert regelmässig sogar abweichende Aussagen über bestimmte Sachverhalte. Die Eindeutigkeit, nach welcher die Gesellschaft und die Politik suchen, um komplexe Probleme wie z.B. die Klimaerwärmung oder die Covid-19-Pandemie zu verstehen und zu lösen, kann von der Wissenschaft nicht unbedingt erwartet werden. Wissenschaftskritiker und insbesondere gegenwärtige Verschwörungstheoretiker sehen hierin eine der Schwächen der Wissenschaft. Hier verwechseln Sie allerdings wissenschaftlich Arbeitsweise und Schlussfolgerungen. Bezüglich der Arbeitsweise, des Ablaufs der wissenschaftlichen Arbeit (cf. oben) besteht im wissenschaftlichen Betrieb grosse Einigkeit. Schlussfolgerungen können hingegen divergent sein, sollen sogar kontrovers diskutiert werden. Der wissenschaftliche Diskurs muss also von Widersprüchen geprägt sein. Dies ist nicht Zeichen eines dysfunktionalen Systems, sondern ganz im Gegenteil Indikator seines Funktionierens.

Und genau hierin liegt die Funktion einer wissenschaftlichen Zeitschrift wie die SANP. Die vorliegende Ausgabe ist hierfür beispielhaft:

In ihrer Übersichtsarbeit zeigt Diana Meier-Allmendinger auf, dass dem Kliniker zur ethischen Entscheidungsfindung nicht immer algorithmisierte Antworten zur Verfügung stehen, er sich häufig der Vielfalt der in einer Entscheidungssituation involvierten Werte bewusst sein muss. Solche sind immer auch durch gesellschaftliche Erwartungen geprägt.

Der Artikel von Corinna Reichl und Michael Kaess gibt einen Überblick über die klinischen Kriterien und diagnostischen Symptome von nicht-suizidalem selbstverletzenden Verhalten im Jugendalter einerseits und suizidalem Verhalten andererseits, sowie über mögliche Zusammenhänge zwischen diesen beiden Phänomenen.

Zwei Artikel befassen sich mit möglichen Anpassungen der psychiatrischen Versorgung als Antwort auf die aktuelle Pandemie. Dirk Richter et al. fordern ein Überdenken wesentlicher Komponenten und Bestimmungen der psychiatrischen Versorgung in der Schweiz. Insbesondere schlagen sie vor, die Betreuungs- und Behandlungssettings zu diversifizieren und die ambulanten und aufsuchenden Dienste zu stärken. Chiara Chilla et al. berichten über ein während des ersten Lockdowns lancierten Online-Gruppen-Programm.

Helena Rohen schlägt in ihrem Minireview Gesprächstechnik zur Überbrückung von Gesprächsabbrüchen mit unter Schizophrenie leidenden Patienten vor. Diese Technik wurde entwickelt auf der Basis linguistischer Erkenntnisse und Luc Ciompis Konzept der Affektlogik.

In der aktuellen Filmanalyse wird «Beruf: Reporter» von Michelangelo Antonioni vorgestellt, ein Film der sich einer einzigen Interpretation verwehrt, der es also verunmöglicht, an nur einer Auslegung festzuhalten… − fast schon eine Metapher für die derzeitige Krisensituation.

Karl Studer hat ein Interview mit Wilhelm Felder und Kurt Schürmann über ihr Buch «Supervision in der Psychotherapie» geführt. Auch Die Supervision ist eine der Methoden, die einer einseitigen, rigiden, engstirnigen Weltsicht entgegenwirken soll.

Schliesslich sind wir stolz darauf, erneut einen First person account anbieten zu können: Aurélien Penay gelingt es, in wenigen Zeilen Erfahrungen so zu veranschaulichen, wie es auch den ausführlichsten psychopathologischen Fachtexten kaum je gelänge.

Eindeutige Texte, endgültige Aussagen, klare Richtungsweiser? Keiner dieser Texte soll das sein, sondern Anreiz, sich weiterhin Fragen zu stellen, und Anreiz, sich nicht mit der ersten Antwort zu begnügen. Zumindest dies ist sicher … .

Referenz

1 Wissenschaftsbarometer [Internet]. Zürich: Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität; c2021 [cited February 1, 2021]. Available from: https://wissenschaftsbarometer.ch/ergebnisse-resultats-covid-19/

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