Book review

Inge Seiffge-Krenke: Jugendliche in der Psychodynamischen Psychotherapie

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2021.03183
Publication Date: 17.06.2021
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2021;172:w03183

Barbara Steck

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Stuttgart: Klett-Cotta; 2020.

4. vollständig aktualisierte und erweiterte Auflage.

448 S.

Preis: 55.00 Euro.

ISBN: 978-3-608-98359-3.

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Abbildung 1

Buchcover

Die Autorin Inge Seiffge-Krenke ist Professorin für Entwicklungspsychologie und Psychoanalytikerin. Ihr Forschungsschwerpunkt gilt der psychosozialen Situation von Jugendlichen in der heutigen Zeit. Sie leitete in vielen Ländern internationale Projekte, beispielsweise zur Stressbewältigung bei Jugendlichen, und verstand es, Forschung und analytische Praxis miteinander zu verbinden. Ihre langjährige Erfahrung und wesentlichen Kenntnisse hat sie in unzähligen Publikationen in den letzten 30 Jahren veröffentlicht.

Bei ihrem 2020 erschienen Buch «Jugendliche in der Psychodynamischen Psychotherapie» handelt es sich um eine umfassende, konzeptuelle und behandlungstechnische Neubearbeitung des Lehrbuches «Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapie mit Jugendlichen». Da die beiden Begriffe ‹tiefenpsychologisch fundierte› und ‹analytische Psychotherapie› international nicht gebräuchlich sind, wurden sie unter der Überschrift «psychodynamische Psychotherapie» zusammengefasst. Dieses reichdokumentierte Lehrbuch beinhaltet theoretische, wissenschaftliche, diagnostische und therapeutische Erkenntnisse, praxisbezogene Ausführungen, anschauliche Fallbeispiele, multiple internationale Forschungsergebnisse, sowie prägnante Zusammenfassungen.

Ein ausgezeichneter auf das Jugendalter bezogener Überblick gilt der Entwicklung verschiedener Konzepte, ausgehend von den psychoanalytischen und psychodynamischen Theorien, über Selbstpsychologie-, Objektbeziehungs-, Bindungs- und Intersubjektivitätstheorien bis zu neueren Akzentsetzungen. Entwicklungspsychologische, neurobiologische, familiale und transgenerationale Aspekte werden im Hinblick auf die aktuelle Situation von Jugendlichen beschrieben. Die Autorin hebt als Ursachen für die zunehmenden und sich verändernden psychischen Störungen von Jugendlichen familienstrukturelle, sozioökonomische, ethnische und Medieneinflüsse infolge von Migration hervor. Zu den zusätzlichen Faktoren gehören unklare Generationsgrenzen, das Kind als narzisstisches Selbstobjekt der Eltern, sowie stressvolle und traumatische Erlebnisse in der kindlichen Lebensgeschichte. Dennoch ist von allen psychotherapeutisch behandelten Altersgruppen der Anteil von Jugendlichen am niedrigsten, sowohl in Europa als auch in anderen aussereuropäischen Ländern.

Der diagnostische Prozess zur Indikation einer Psychotherapie bei Jugendlichen berücksichtigt Faktoren wie Motivation und Leidensdruck, geht auf die Ambivalenz zwischen Wunsch und Misstrauen ein, und beschreibt Indikationskriterien, sowie das OPD-KJ-Interview und zusätzliche diagnostische Hilfen. Bedeutungsvoll bleiben das Erstinterview und erste probatorische Sitzungen zur Einschätzung von Therapiebedürftigkeit und -motivation, sowie von strukturellen Kriterien wie Emotionsregulierungs- und Mentalisierungsfähigkeit.

Typische, meist schwerwiegende Störungsbilder in der Adoleszenz werden in Bezug auf Komorbidität, Prävalenz und anhand von Vignetten und zahlreichen Publikationen behandelt. Zugrundeliegende Entwicklungskonflikte, Traumatisierungen, familiale Faktoren, die in der Adoleszenz mit den bevorstehenden Entwicklungsaufgaben zur Krisensituation beitragen, werden detailliert ausgeführt.

Unter dem Titel psychodynamische Kompetenz werden die therapeutischen Qualitäten, über die Therapeuten von Jugendlichen verfügen sollten, hervorgehoben, so z.B. triadische Gewandtheit, Angsttoleranz, spielerische und Grenzen setzende Fähigkeiten, sowie Humor und Neugierde.

Die Psychotherapie von Adoleszenten zeichnet sich durch spezifische Herausforderungen aus, so z. B. das Einhalten des Rahmens und die Aufrechterhaltung eines Arbeitsbündnisses, aber auch das Vorhandensein von Symbolisierungs- und Mentalisierungsstörungen und der Umgang mit der vielfältigen Phantasiewelt, die für die psychotherapeutische Arbeit sowohl eine Ressource als auch eine hemmende Problematik darstellen kann. Weiter diskutiert die Autorin die Wichtigkeit der gemeinsam geteilten Arbeit an Träumen und die multiplen Ausdrucks- und Kommunikationsformen von Jugendlichen durch Geschichten- oder Filmerzählungen, Spielinszenierungen, Zeichnungen oder andere künstlerische Darstellungen. Essenzielle Faktoren, die für eine gut gelingende Therapie notwendig sind, werden präsentiert; dazu gehören das «holding-» und «containig»-Vermögen des Therapeuten, seine affektive Resonanz, sowie Deutungen in einem interaktiven Beziehungsgeschehen, in dem die ‹Antwort› oder Reaktion des Jugendlichen miteinbezogen wird. Übertragungs- und Gegenübertragungsbeziehungen und die damit verknüpften Emotionen, sowie Widerstands- und Abwehrformen werden differenziert dargestellt. Adoleszentes Agieren und Triangulierungsprozesse werden geschildert, sowie behandlungstechnische Herausforderungen bei den mit der Sexualität und dem Geschlecht von Therapeuten und Jugendlichen verknüpften Verwicklungen.

Psychische Störungen von Jugendlichen sind auch im Kontext ihrer Familien zu verstehen. Die Elternarbeit stellt eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen der Behandlung mit einem Jugendlichen dar. Verschiedene Formen von Elterngesprächen, Themen und Funktionen der Elternarbeit werden dargelegt und die damit verbunden Spezifitäten wie das doppelte Arbeitsbündnis, Übertragungs- und Gegenübertragungsformen, Arten des Widerstands und schliesslich Therapieende und -abbrüche erläutert.

Bei der Arbeit mit ausländischen Familien wird unter anderem auf die Besonderheiten von häufigen Somatisierungsstörungen, Identitätsproblemen und Autonomieschuld bei Jugendlichen, sowie auf die Wichtigkeit der Arbeit mit Vätern aufmerksam gemacht. Zur Behandlung von traumatisierten oder strukturell beeinträchtigten Patienten beleuchtet die Autorin verschiedene Ansätze. Es folgt eine Darlegung des breiten Spektrums von Behandlungsmöglichkeiten im ambulanten Bereich bis zur Indikation einer stationären Versorgung.

Mit diesem Lehrbuch ist der Autorin eine optimale Darstellung der jugendlichen psychodynamischen Therapie gelungen, deren Lektüre dank klarer Begriffsverwendungen leichtverständlich und bereichernd ist. Für Psychotherapeut(inn)en und Studierende in psychoanalytischer oder psychotherapeutischer Ausbildung ist das Buch höchst empfehlenswert.

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