Book Review

Zwei Biographien von Karl Abraham

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2021.03190
Publication Date: 29.07.2021
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2021;172:w03190

Thomas von Salis

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Anna Bentinck van Schoonheten: Karl Abraham. Leben und Werk

Giessen: Psychosozial-Verlag, 2020.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

617 S.

Preis: 59.90 Euro.

ISBN: 978-3-8379-2849-5.

Karin Zienert-Eilts: Karl Abraham. Eine Biographie im Kontext der psychoanalytischen Bewegung.

Giessen: Psychosozial-Verlag, 2020.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

352 S.

Preis: 39.90 Euro.

ISBN: 978-3-8379-2291-2.

Es sind nicht Neuerscheinungen, bloss Neudrucke, die beiden Abraham-Biographien im Psychosozial-Verlag, und beide erschienen erstmals schon 2013. Die beiden Autorinnen verweisen aufeinander, aber nicht in Bezug auf diese Bücher, sondern auf frühere Arbeiten. Lieferten sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen oder sassen sie, ohne es voneinander zu wissen, still und fleissig je an ihrem Abraham-Buch?

Die Briefe Karl Abrahams an Freud «eines der begabtesten unter seinen Lieblingsschülern» [1, S. 6] und Freuds Briefe an ihn dienten beiden Autorinnen nebst den anderen Briefwechseln Freuds als wohl wichtigste der leider nur spärlich erhaltenen Quellen.

Nun, es sind zwei ganz verschiedene Bücher, und sie ergänzen sich.

Ich habe zuerst das von Anna Bentinck (Abb. 1) gelesen, eine Chronik von Abrahams Leben und Werk, die mit Sympathie, im Bestreben nach Gerechtigkeit und reichhaltiger Kontextualisierung geschrieben ist. Dabei erhält man Einblick in die Verhältnisse in Deutschland vor dem ersten Weltkrieg, im Burghölzli (heute Psychiatrische Universitätsklinik Zürich) im ersten Jahrzehnt nach 1900, und es werden für die Zeit um 1925 gewisse Irrtümer richtiggestellt, die im Zusammenhang mit den Intrigen in der psychoanalytischen Bewegung und besonders im «geheimen Komitee» in die Geschichte eingingen. Abrahams früher Tod nach einer quälenden Lungenkrankheit im Zusammenhang mit einem aspirierten Fischknorpel hinterliess eine schwer empfundene Lücke im Kreis der Kollegen, der Familie und der Freunde.

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Abbildung 1

Buchcover Bentinck

Das Buch der Anna Bentinck liest sich angenehm, nur schon wegen des deutlichen Schriftbilds, aber auch weil es einen Erzählduktus hat, dem man gerne folgt. Schön sind zum Beispiel die Passagen über Abrahams Familie, besonders ein Spaziergang mit der kleinen Tochter.

Aber gewisse Mängel oder Schönheitsfehler könnten vielleicht bei einer Neuauflage beseitigt werden: So z.B., wenn auf Seite 19 steht, im 19. Jahrhundert hätten die «Revolutionen 1948/49» stattgefunden, oder auf Seite 21 in der Fussnote 8 «Ehen zwischen Cousinen». Auf Seite 22 steht, «Moses (Abraham) muss ein fortschriftlicher Mann gewesen sein.» – Ja, die Schrift! Man wird in relativ entlegene Gebiete der deutschen Geschichte und der Familiengeschichte Abrahams eingeführt, wobei aber nicht immer alle erforderlichen kontextuellen geschichtlichen Informationen gegeben werden. Wenn es dann um die Geschichte des Burghölzli geht, tritt die mangelnde Vertrautheit der Autorin mit den engeren schweizerischen und zürcherischen Verhältnissen zutage. Die «Forschstrasse» wird wiederholt falsch geschrieben. Abraham hatte dort eine Wohnung beziehen können, als er heiratete, und im selben Haus wohnten die Mutter und die Schwester von C.G. Jung. Allerdings steht in der Jung-Biografie von Deirdre Bair [2 S. 180], Jung habe für die beiden in Küsnacht ein kleines Haus gekauft, aber das war wohl später. «Elim» im Kanton Glarus (Bentinck, S. 77), wo Abraham wanderte und auf Berge stieg, gibt es meines Wissens nicht; es dürfte sich um Elm handeln. Und bei «Dr. Meijer» (Bentinck, S. 79) im Burghölzli dürfte es sich um den späteren Nachfolger C.G. Jungs und Eugen Bleulers, H.W. Maier, gehandelt haben, der zu Abrahams Burghölzli-Zeit erster Assistenzarzt war. Meijer war ein holländischer Analytiker, der ganz anders aussah als W.A. Maier (siehe die Fotografie auf S. 370 im Buch von Anna Bentinck). Die Übersetzungen (ins Englische und ins Deutsche) des holländisch abgefassten Buches hinterlassen da und dort Spuren, so z.B. auf S. 181, wo von «Konferenzen» (statt «Kongressen») zwischen Freud und Fliess die Rede ist. (Freud benützte das Wort «Kongress» für Zusammenkünfte zu zweit.) Es gibt auch recht irreführende Fehler wie z.B. «Lou» statt «Loe» (Bentinck, S. 235 Fussnote 54) – Loe Kann war Jones' Partnerin und Lou war Lou Andreas Salome, die Freundin Nietzsches, Rilkes und der Familie Freud. Ein verunsichernder Druckfehler findet sich auf Seite 238: Schmidt anstatt Schmitz. Der Fall Schmitz («der (sich) Ansprüchen zu widersetzen begann» – das «sich» ist verlorengegangen) steht für verschiedene Partien des Buches, die das geschichtliche Interesse ganz allgemein ansprechen, aber nicht unbedingt für das Leben Abrahams im Kreis der psychoanalytischen Bewegung relevant sind.

Das wissenschaftliche Werk Abrahams wird eingebettet in seinen Lebenslauf rapportiert. So z. B. seine Auffassung der Depression (Bentinck, S. 298) im Unterschied zu derjenigen Freuds. Für Abraham spielte der verdrängte Sadismus bzw. die Aggression die entscheidende Rolle, während Freud die narzisstische Identifizierung durch Aufhebung der Libidobesetzung des Objekts hervorhob.

Seine Rolle im «geheimen Komitee» (Freud, Ferenczi, Abraham, Jones, Rank, Sachs, Eitingon) wird eingehend behandelt, die Geschichten werden lebendig erzählt, u.a. die emotionale Bewegung, die Freuds Krebserkrankung 1923 bei ihnen allen auslöste.

Aus der psychoanalytischen Arbeit Abrahams greift die Autorin Informatives zu Karen Horney, Melanie Klein, Helene Deutsch, Alix Strachey und Viktor Tausk auf. Abraham erscheint dabei in einem günstigen Licht als kluger, undogmatischer Therapeut und Analytiker. Diverse Kritiken an Abraham, wie zum Beispiel Roazens, aber auch Falzeders und weiterer zeitgenössischer Autoren, werden zugunsten Abrahams revidiert. Der Vergleich, den Jung mit Wagner, Famulus in Goethes Faust, zieht, und den Freud ohne Abraham schon zu kennen unbesehen aufnahm, sagt mehr über das Verhältnis zwischen Jung und Freud aus als über Abraham. Es wurde durch das Dazwischentreten Abrahams in seiner schwärmerischen Innigkeit gestört – was zugleich Ärger und Erleichterung zur Folge hatte.

Abraham hat selbst in einem Brief an Freud das Problem in seiner Beziehung zu Freud sehr dicht zusammengefasst [1]:

"Es hat in fast 20 Jahren zwischen Ihnen und mir nie Meinungsdifferenzen gegeben, ausser wenn es sich um Personen handelte, an denen ich – sehr zu meinem Bedauern – Kritik üben musste. Es wiederholte sich (…). Sie gingen über alles Anfechtbare im Verhalten der Betreffenden mit Nachsicht hinweg, dagegen entlud sich auf mich aller Tadel, den Sie später dann als unberechtigt erkannten. (…) Alle Unlust, die an dem betreffenden Tatbestand haftet, wendet sich als Unwillen gegen den, der auf ihn aufmerksam macht."

Die aufrechte Haltung Abrahams kontrastiert vielleicht in einem gewissen Mass mit der ehrfürchtigen Einstellung anderer Freud-Schüler.

Das mehr auf die psychoanalytische Bewegung fokussierte Buch von Karin Zienert-Eilts (Abb. 2) ist schon insofern klarer und präziser in seinen Formulierungen, weil es in der Originalsprache Deutsch abgefasst ist, aber auch wegen der rigoroseren Argumentation und Abwägung der aus den Quellen gewonnenen Informationen. Sie werden quantitativ grosszügiger referiert als bei Bentinck. Dieser Aspekt würde noch mehr Gewinn bringen, wenn das Buch ausser der Bibliographie auch ein Sach- und Personenverzeichnis enthielte.

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Abbildung 2

Buchcover Zienert-Eilts

Dass so viel Aufhebens von der «Ambivalenz» Freuds gegenüber Abraham gemacht wird, kann mich nicht restlos überzeugen. Im Briefwechsel und anderen Äusserungen Freuds erscheint die positive Beziehung meist von keiner Ambivalenz getrübt. Anlässlich handfester Konflikte oder einer Meinungsverschiedenheit wie in der «Filmangelegenheit» 1925 (Zienert-Eilts, S. 255), anlässlich der Enttäuschungen an Jung oder an Rank muss nicht unbedingt Freuds «Ambivalenz» ins Feld geführt werden.

Der ursprünglich von Eugen Bleuler geprägte Begriff der Ambivalenz – später sprach Margaret Mahler von «Ambitendenz» – bezieht sich auf eine tiefe Störung der Persönlichkeit, wie sie vor allem in den schizophrenen Psychosen beobachtet werden kann. In der Freud'schen Entwicklungstheorie bezieht sich der Begriff der Ambivalenz auf eine unvermeidliche Folge der Ödipus-Situation, d.h. auf das auf die gleiche Person gerichtete negative und positive Gefühl. Da aber der Ödipuskonflikt von der Schaffung des Überichs in den Hintergrund gedrängt wird, ist bei gesunden Erwachsenen die Ambivalenz jeweils ein Zeichen regressiver Tendenzen. Und die Beziehung zwischen Freud und Abraham war eben gerade nicht von regressiven Tendenzen gekennzeichnet, im Gegensatz zur Beziehung Freuds mit Fliess, Jung und vielleicht auch Rank.

Die Spielreinaffäre Jungs hatte sicher Auswirkungen auf die Beziehung zwischen Jung und Abraham zur Burghölzli-Zeit, wobei Abraham gewiss die fragile Persönlichkeit Jungs stets besser durchschaute als der ja recht verliebte Freud. Es könnte zwischen Jung und Abraham in dieser etwas Ähnliches passiert sein wie zwischen Freud und Abraham: Der Höhergestellte köpft den Überbringer der schlechten Nachricht. Es ist bekannt, dass Abraham Jungs Umgang mit der Spielrein missbilligte. Jungs Mutter und Schwester brachen den Kontakt mit Abrahams Gattin im gemeinsam bewohnten Haus an der Forchstrasse plötzlich ab, was diese nicht verstand. Könnte es sein, dass die fehlende Korrektheit Jungs in der Therapiebeziehung dabei ausschlaggebend war?

Die beiden Bücher rehabilitieren Abraham insofern als er ungerechterweise kritisiert wurde und geben interessante Einblicke in die persönliche und berufliche Geschichte Abrahams und seines Umkreises. Seine Persönlichkeit wird übereinstimmend als unabhängig, geradlinig, selbstbewusst, zurückhaltend (norddeutsch) und sein Beziehungsverhalten als an der Sache orientiert und gruppenbezogen dargestellt. Die Schwierigkeit mit Jung wird anhand der Rivalität im Verhältnis zu Freud aufgerollt. Bei Eissler [3] wäre nachzulesen, wie komplex die Persönlichkeit Jungs war – er imponiert manchmal wie ein Psychotiker, hatte auch psychotische Episoden – und doch war er offenbar ein treffsicherer psychiatrischer Diagnostiker, was Eissler am Fall von Otto Gross nachweist. Eisslers Studie über den Suizid Viktor Tausks [4] enthält auch grössere Passagen über Jung und kann uns überdies als Hintergrundfolie für die Zeit, in der Abraham lebte und arbeitete, dienen. Sie gibt gewisse Aufschlüsse über Fragen, die in den beiden Abraham-Biographien zu den Ausbildungs-/Filiationsproblemen der Zeit angerissen werden, z.Bsp. im Fall von Helene Deutsch, die während ihrer Analyse bei Freud Tausk in Analyse nehmen musste, was in ihrer späteren Analyse bei Abraham zum Thema wurde.

Schon der Beginn von Abrahams Beziehung zu Freud war Konfliktstoff für das Verhältnis zu Jung – Abraham wandte sich im Gegensatz zu den andern Kollegen im Burghölzli ohne die Vermittlung Jungs an Freud. Und die Weigerung Abrahams, an Jungs Assoziationsexperimenten teilzunehmen, war für Jung eine Kränkung. Als Mitglied des «geheimen Komitees» wurde Abraham Opfer der komplizierten Kommunikation, die oft die Form der Intrige annahm, was ihn, der stets die Probleme offen in der Gruppe besprochen haben wollte, in eine schwierige Lage brachte.

In Karin Zienert-Eilts' Buch werden die Vorgänge, die zu divergenten Beurteilungen Abrahams geführt haben, mit aller Sorgfalt analysiert. Die Autorin hat kürzlich ein Buch über «destruktive Gruppenprozesse» (Psychosozial-Verlag) herausgegeben. Sie zeigt in der vorliegenden Abraham-Biographie, was eine sorgfältige historische Recherche leisten kann. Man gewinnt beim eingehenden historischen Studium der Konfliktkonstellationen, in die Abraham hineingeraten ist, den Eindruck, es gebe Modeströmungen, mal pro, mal kontra Abraham, es gebe aber auch mal mehr und mal weniger Freud-«Bashing». Die Autorin benützt diese Ausdrucksweise nicht, da sie sich eng an die selbstgesetzte Aufgabe hält, die Biographie Abrahams in den Kontext der Gruppenkonflikte der frühen psychoanalytischen Bewegung zu stellen. Sie zeigt, wie Abraham eine «bemerkenswerte Entwicklung» durchlaufen hat: vom Einzelgänger in Zürich zum Leiter der Berliner Gruppe der BPV, zum Mitglied des «geheimen Komitees» und später zum Präsidenten der IPA (International Psychoanalytical Association). Das Kapitel über «Das aktuelle Abraham-Bild in Deutschland» (Zienert-Eilts, S. 279) fasst die Hauptthemen gut zusammen.

Eindrücklich in beiden Büchern ist das Ende Abrahams infolge infektiöser Prozesse in der Lunge. Die Reaktion Freuds auf den Verlust scheint in folgender Episode auf:

«Wenige Monate nach Abrahams Tod (…) zu Besuch in Wien, besprach Sachs mit Freud die Angelegenheiten der Berliner Gruppe. ‹Mitten in unserem Gespräch fragte Freud beiläufig: ‹und wie geht es Abraham?›. Dann, als er mein Befremden bemerkte, sah er mich mit einem Ausdruck in den Augen an, der mich bis ins Innerste erzittern liess, und murmelte: ‹Ich kann es noch immer nicht glauben›. Damit wandte er sich ab.» (Zienert-Eilts, S. 275)

Die beiden so verschiedenen Bücher über Abraham sind beide zur genauen Lektüre zu empfehlen, auch wenn das Material über grosse Strecken dasselbe ist. In Bentincks Buch erfährt man vieles und in demjenigen von Zienert-Eilts werden ausgewählte Gesichtspunkte vertieft abgehandelt.

Literatur

1 Glover E. Vorwort zu Sigmund Freud / Karl Abraham. Briefe 1907-1926. Zürich: Buchclub Ex Libris; 1980.

2 Bair DCG. Jung. Eine Biographie. München: Knaus; 2003.

3 Eissler KR. Psychologische Aspekte des Briefwechsels zwischen Freud und Jung. Stuttgart: Friedrich Fromann(-Holzboog); 1982.

4 Eissler KR. Victor Tausk's Suicide. New York: International Universities Press; 1983.

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