Editorial

Art brut

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2021.03200
Publication Date: 21.06.2021
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2021;172:w03200

Sollberger Daniel

Die Frage, inwieweit bildnerische und plastische Ausdrucksformen (Zeichnungen, Gemälde, Objekte oder textile Arbeiten) von Menschen mit psychischen Ausnahmeerfahrungen und psychiatrischen Erkrankungen künstlerischen Wert haben, wurde − einhergehend mit Entwicklungen der modernen Kunst im 20. Jahrhundert − zunehmend positiv beantwortet. Bereits mit Hans Prinzhorn, der im Auftrag des Klinikdirektors der Universitätsklinik Heidelberg, Karl Wilmans (1919-1921), einen Fundus von künstlerischen Arbeiten zusammentrug und 1922 in seiner aufwändigen Studie «Bildnerei der Geisteskranken» untersuchte, fand die besondere Ästhetik der Werke ihre eigene Wertschätzung – entgegen dem noch bis in die 60er-Jahre verfolgten psychopathologischen und psychiatrisch-diagnostischen Interesse an diesen Arbeiten [vgl 1].

Mit dem Begriff «Art brut», wie ihn Jean Dubuffet letztlich als Titel für seine eigene Sammlung von Kunstwerken, die jenseits von etablierten Kunstformen oder Kunstströmungen entstanden waren, definierte, hat sich über die Jahrzehnte eine Bezeichnung etabliert für marginalisierte künstlerische Ausdrucksformen, wie sie von Psychiatrieerfahrenen, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder geistiger Behinderung produziert werden. Letztlich hat sich daraus ein Stilbegriff für eine Kunstrichtung international durchgesetzt, die zwar auf Dubuffets Sammlung referiert, der aber bereits früher eine besondere rezeptionsästhetische Aufmerksamkeit zuteilwurde, etwa in der erwähnten Sammlung und Publikation von Hans Prinzhorn oder in dem Buch des Schweizer Psychiaters Walter Morgenthaler «Ein Geisteskranker als Künstler» (1921) über Leben und Werk eines der grossen Exponenten der Art brut, Adolf Wölfli. Im anglo-sächsischen Raum wurde die «Outsider Art», eingeführt vom Kunsthistoriker Roger Cardinal, zum gängigen Begriff neben anderen wie «Visionary Art» oder «Self-Taught Art». Inzwischen hat sich die Art brut nicht nur als eine eigene Stilrichtung etabliert. Auch fand sie durch einen regen Ausstellungsbetrieb (etwa in der von Harald Szeemann 1972 kuratierten documenta 5 in Kassel oder 2013 in der von Massimiliano Gioni ausgerichteten Biennale in Venedig mit Werken aus Art brut-Sammlungen), mit umfangreichen und berühmten Sammlungen (insbes. der Collection de l’art brut in Lausanne oder der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg) sowie durch die Förderungen dieser Art des Schaffens in therapeutischen Einrichtungen (beispielsweise in dem durch Leo Navratil geförderten Künstlerhaus Gugging bei Wien) ihre kulturelle Anerkennung. Schliesslich hat sich damit einhergehend auch ein reger Kunstmarkt mit spezialisierten internationalen Messen entwickelt (etwa die Kunstköln oder die New York Outsider Art Fair) und sind diverse regelmässig erscheinende Fachmagazine (z.B. Raw Vision) entstanden.

Ausstellungspraxis, Kunstkritik, Kunsthistorie und Kunstmarkt – sie alle nehmen die Art brut und ihre Bedeutung im zeitgenössischen Kontext in unterschiedlicher Weise in den Blick. Anlass zu Debatten im Spannungsfeld von Psychiatrie, Psychopathologie und Kunst gibt es zahlreiche, insbesondere der Umstand, dass mit der Gleichstellung der Arbeiten von «Marginalen» und «Ausgegrenzten» mit den Werken zeitgenössischer Kunst der Kontext der Herstellungsbedingungen vergessen gehen könnte [vgl 2]. Die historischen Werke sind mehrheitlich in psychiatrischen Anstalten entstanden, sodass das Risiko einer «Fetischisierung des Aussenseiters zum … echten Künstler» [3] besteht. Eine rein kontemplative Sicht auf die Werke würde dabei möglicherweise die subversive Kraft der Arbeiten neutralisieren – eine Kraft, die nicht nur aus dem Kontext von Zwang und Einschränkungen der Autonomie von psychiatrisch «Internierten» erwächst, sondern ebenso aus dem subjektiven Leiden der Betroffenen, ihren Ängsten, Wünschen und Sehnsüchten, aber auch psychisch veränderten Selbst- und Weltwahrnehmungen. Wir können in den Arbeiten also durchaus die Künstlerinnen und Künstler erkennen, die sich ausdrücken, d.h. aktiv etwas zum Ausdruck bringen, beispielsweise in den Materialien, den Sujets oder Bildkompositionen, mittels derer nicht selten ein Leiden abgebildet wird.

Und wie sieht es mit dieser Kunst in der Schweiz aus? Die Beachtung der Art brut (auch über deren enge Definition hinaus als Kunst von psychisch Kranken) hat hier eine lange Tradition: angefangen bei der wegweisenden Arbeit von Walter Morgenthaler, den Sammlungen Adolf Wölfli (1864-1939), Heinrich Anton Müller (1869-1930) oder Nathalie Wintsch (1871-1944), über die öffentlichen Sammlungen etwa im Museum der psychiatrischen Klinik Waldau bei Bern, den vielen privaten Sammlungen und der grössten Sammlung von Werken der Art brut in der Collection de l’art brut Lausanne hinaus hat jüngst Katrin Luchsinger mit ihrem Projekt «Bewahren besonderer Kulturgüter»1 in aufwändigster Arbeit einen Überblick über die erhaltenen Werke von Patientinnen und Patienten historischer psychiatrischer Anstalten der Schweiz geschaffen und in einer Datenbank zugänglich gemacht.

Angesichts der psychiatrie- und kunsthistorischen, aber auch gesellschaftlichen Bedeutung der künstlerischen Arbeiten von psychisch kranken Menschen hat die Herausgeberschaft des SANP sich entschieden, diesem thematischen Bereich über die bisher jeweils illustrierenden Abbildungen in den Heften des SANP hinaus eine eigene feste Rubrik einzuräumen: «Psychiatry in graphical art». Damit soll nicht allein diesen Kulturgütern Aufmerksamkeit geschenkt werden, sondern die Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern der Art brut Anstösse zu einem erweiterten und vertieften kunst-, psychiatrie- und gesellschaftskritischen Diskurs geben.

Fussnote

1 Bewahren besonderer Kulturgüter I + II am Institute for Cultural Studies in the Arts an der Zürcher Hochschule der Künste, Projektleitung Katrin Luchsinger. Übersicht über die Ergebnisse, s. http://www.kulturgueter.ch. Vgl. auch Hirsch H et al. Extra-Ordinaire! Unbekannte Werke aus psychiatrischen Einrichtungen in der Schweiz um 1900. Zürich 2018

Literatur

1 Röske Th. Diagnostik versus Ästhetik – Die Entwicklung der Sciht auf künstlerische Werke aus psychiatrischem Kontext. In: von Spreti F et al. KunstTherapie: Wirkung – Handwerk – Praxis. Stuttgart 2017, 269-280.

2 Hirsch H. Die Bedeutung von Art brut im zeitgenössischen Kunstkontext. In: Hirsch H et al. Extra-Ordinaire! Unbekannte Werke aus psychiatrischen Einrichtungen in der Schweiz um 1900. Zürich 2018,36-46.

3 Gioni M. Erst die Ersten, dann die letzten Bilder, In: Kunstforum international, Bd. 222, 2013, 71.

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