Book review

Maria Teresa Diez Grieser, Jürgen Grieser: Psychodynamische Psychotherapie mit Jugendlichen

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2021.w10021
Publication Date: 29.09.2021
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2021;105:w10021

Thomas von Salis

Please find the affiliations for this article in the PDF.

Stuttgart: Kohlhammer; 2020.

183 Seiten.

Preis: 31.99 Euro.

ISBN: 978-3-17-032665-1.

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Das Buch erscheint als 16. Band der Reihe Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, deren Herausgeber Arne Buchartz, Hans Hopf und Christiane Lutz sind. Leser:innen, die diese Einführung in die psychoanalytische Behandlungsmethode von Adoleszenten zur Hand nehmen, finden eine gute Darstellung des Themas, aber sie müssen zugleich in Kauf nehmen, dass diese Publikation Rücksicht auf Leser:innen nimmt, die keine psychoanalytische Ausbildung haben, auch wenn sie sich vielleicht auf eine tiefenpsychologische Therapierichtung berufen.

Die durchgängige Verwendung geläufiger psychoanalytischer und anderer, mehr der akademischen Forschung entsprungener Begriffe – wie zum Beispiel der «Mentalisierung» und der «Bindung» –, zeugt vom Bestreben, zeitgemäss zu sein und nicht einer der «Schulen» der Psychoanalyse zu folgen. Die hervorragenden Forschungen und Publikationen von Fonagy und Koautor:innen, bzw. Bowlby und dessen Nachfolger:innen, gaben mit ihren aus experimenteller Forschung stammenden Konzepten sowohl den gestandenen Psychoanalytiker:innen als auch den nicht-analytischen Kolleg:innen und den psychotherapeutischen Anfänger:innen nützliche Instrumente an die Hand. Diese werden in Situationen mit Kindern, Jugendlichen und schwierigen erwachsenen Patient:innen (Borderline, z.B.) auch tatsächlich benötigt. Nun führt allerdings die zunehmende Verwendung wissenschaftlicher und insbesondere auch psychoanalytischer Fachbegriffe in der Alltagssprache zur Verwässerung und gar Missverständlichkeit. Da das vorliegende Buch sich an eine breite Leserschaft wendet, veranschaulichen die Autor:innen die fachlichen Begriffe nicht nur an Beispielen mit gut nachvollziehbaren Vignetten, sondern erklären sie auch meistenteils. Es wäre aber doch wünschenswert, wenn in einer solchen Publikation auch ein Glossar enthalten wäre. Zwar kann man heutzutage damit rechnen, dass sich die Leser:innen mit dem Googlen am Internet behelfen, aber dort ist die Qualität der Informationen sehr unterschiedlich. Am Beispiel «mentaler Raum» könnte man zeigen, dass im Internet mit diesem Term auch auf eher zweifelhafte Angebote verwiesen wird. Um noch ein Beispiel zu nehmen: der Begriff «Objekt» ist für naive Leser:innen nicht gleich so klar, wie er den meisten Analytiker:innen erscheint. Sogar die bekannte Autorin Alice Miller verriet ihr eigenes Unverständnis, indem sie mir in einer Seminardiskussion entgegenhielt, ich wolle doch nicht etwa einen Patienten wie ein Objekt behandeln!

Die Kenntnis von Begriffen wie Triangulierung, Entwicklung, Sublimierung, Identitätsdiffusion, aber auch freie Assoziation, gleichschwebende Aufmerksamkeit, die Racker’schen Übertragungsbegriffe, oder auch das Agieren können m.E. bei einer Leserschaft ohne vertiefte psychoanalytische Ausbildung nicht vorausgesetzt werden.

Diese kritischen Anmerkungen stelle ich gleich an den Anfang, da die Reihe, in der das Buch erscheint, offensichtlich nicht nur psychoanalytische Publikationen im engeren Sinne enthält und die Autor:innen auf diesen Sachverhalt Rücksicht nehmen.

Nun aber soll gewürdigt werden, dass hier eine Einführung in die psychoanalytische Behandlung der Adoleszenzprobleme und des Leidens, das mit ihnen oft in hohem Masse verbunden ist, vorliegt. In Zeiten der Pandemie ist dies in noch weit grösserem Ausmass der Fall als sonst. Man profitiert als Leser:in von der reichhaltigen therapeutischen und wissenschaftlichen Tätigkeit der Autor:innen, sowohl in (jugend-)psychiatrischen Institutionen als auch in der freien Praxis. Gewiss hat auch ihre Supervisor:innen-Tätigkeit den kasuistisch-klinischen Horizont noch vergrössert. Mich hat es seinerzeit frappiert, dass Peter Blos, den die Autor:innen hier auch als Referenz angeben, seine Fallbeispiele zu einem bedeutenden Teil aus Supervisionen bezog.

Die Lektüre regt dazu an, die eigenen biographischen und beruflichen Erfahrungen Revue passieren zu lassen, was mich im Eindruck bestärkt, dass die Autor:innen sich in die Wissenschaft und eben auch ins Erleben des beruflichen Umgangs vertieft eingelassen haben und das Gewonnene dem:r Leser:in vermitteln können. Die gute Kenntnis der Materie zeigt sich u.a. am Beispiel der Essstörungen und der Selbstverletzung, die sie eingehender als andere Störungen behandeln.

Die Gliederung in acht Teile mit jeweils mehreren thematischen Abschnitten beginnt mit einem historischen Überblick und geht über zentrale allgemeinere Themen zu den diagnostischen, klinischen und therapeutischen Aspekten weiter. Ein Literaturverzeichnis und ein kurzes Sachregister schliessen das Buch ab. Die Abschnitte zur Bedeutung der Familie, der Eltern und Geschwister unterstreichen die Besonderheiten in der Adoleszenz. Einerseits wiederholt sich etwas aus der frühesten Kindheit, für dessen geglückte Verarbeitung die Einfühlung und die Bereitschaft der Eltern, sich nochmals für die Entwicklung der Kinder verwenden zu lassen, von grosser Bedeutung ist. Die Welt der Eltern hat Vorbildcharakter für die Heranwachsenden – die Ideale und Werte, die sozialen Kontakte und der Umgang der Eltern mit Freunden, Vorgesetzten, Angestellten etc. sind gewiss von prägender Bedeutung für die Kinder. Die Jugendlichen wünschen aber andererseits auch, dass die Eltern ihrerseits ihre (neuen) Werte und Ideale annehmen. Manchmal machen sie sich Sorgen um die Eltern, worin sich eine noch ungenügende Ablösung verbergen kann. Wenn die Eltern in ihren Beziehungs- und Berufswelten die eigenen Interessen verfolgen und nicht ängstlich auf die Entwicklung der Kinder schauen, kann auch das Vorbild sein. Die Autor:innen betonen mit Recht, dass es in der Adoleszenz nicht nur um Ablösung von den Eltern geht. Gerade auch die Andersartigkeit der Umwelt, in die die Jugendlichen sich integrieren müssen – erst recht, wenn noch die Probleme der Migration hinzukommen – machen deutlich, wie wichtig es für die Jugendlichen ist, den Eltern bei ihrer Art von Problembewältigung zusehen zu können. Das Phänomen der «ewigen» adoleszenten Abhängigkeit – Fälle von mehr oder weniger psychotischen Jugendlichen, die aus dem «Hotel Mama» nie herausfinden – wird in dem Buch nicht erwähnt, gehört es doch auch zu einem grossen Teil in die Erwachsenenpsychiatrie.

Dass die Rolle der Geschwister von der Psychoanalyse vernachlässigt worden sein soll (S. 53), leuchtet nicht ein. Man denke an die Darstellung der Geschwisterliebe in der Gradiva von Freud und die Arbeiten u.a. von Rosa Jaitin zum Geschwister-Inzest. Sehr zu Recht weisen die Autor:innen auf die Bedeutung hin, die misshandelnde oder missbrauchende Geschwister für das weitere Leben der Opfer haben können. Ein Kapitel, das eigens dem Thema Missbrauch und Misshandlung gewidmet ist, enthält das Buch nicht, aber es wird auf die Folgen für die Psychopathologie hingewiesen, z.B. im Rahmen des selbstverletzenden Verhaltens (S. 117), oder in Bezug auf Traumabezogene Störungen (S. 125).

Zur Behandlungstechnik finden sich in praktisch allen Abschnitten Hinweise. Die Gegenübertragungs-Analyse ist ein wichtiges Hilfsmittel, dazu liefern auch die Arbeiten von Moses Laufer (S. 89), der mit hochintensivem Setting gearbeitet hat, wichtiges Material. Ich erinnere ich mich noch lebhaft daran, dass er hervorhob, wie wichtig es für ihn war, die Analysen von Jugendlichen ständig in einer Gruppe von Kolleg:innen besprechen zu können. Er referierte darüber im Psychoanalytischen Seminar Zürich, als dieses noch an der Waserstrasse domiziliert war.

Auf Seite 114 steht, es gehe darum, die eigenen Gegenübertragungsgefühle zuzulassen und «sie auch gegenüber der Patientin zu formulieren». Das würde ich nicht ohne eingehende Erklärung so stehen lassen, denn das psychotherapeutische Setting impliziert stets die Rollenverteilung Patient:in/Therapeut:in. Wenn Gegenübertragungsgefühle offengelegt werden, besteht die grosse Gefahr, dass es da ein Durcheinander gibt. Damit meine ich nicht, man dürfe nie von den eigenen Gefühlen sprechen (das kann unter Umständen notwendig sein) aber der Behandlungsrahmen muss für die Patient:innen und die Therapeut:innen möglichst gut gestaltet sein und eingehalten werden, da er ein zentrales therapeutisches Agens darstellt. Diese Thematik wird u.a. auf S. 148 ff. behandelt (Kapitel «Elemente Psychodynamischer Psychotherapie mit Jugendlichen»).

Ein eigener Abschnitt ist der Beendigung und dem Abbruch der Therapie gewidmet, bei Adoleszenten besonders wichtige Themen. Ich kann aus meiner Erfahrung dazu kommentieren, dass sich manchmal lange Zeit danach noch überraschende Aufschlüsse ergeben.

Das ansprechende, äusserlich kleine Buch enthält viel Wissen und Erfahrung in angenehmer Aufmachung. Es ist für Fachleute in psychologisch-psychotherapeutischer und psychiatrischer Aus-, Weiter- und Fortbildung zu empfehlen.

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