Book review

Paul Parin: Wissensflüsse. ­Korrespondenzen zu Psychoanalyse und Ethnopsychoanalyse

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.03234
Publication Date: 01.09.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w03234

Thomas von Salis

Wien/Berlin: mandelbaum verlag; 2021.

Band 9 der Paul Parin Werkausgabe.

483 Seiten.

Preis: 34,00 Euro.

ISBN: 978-3-85476-955-2.

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Dieser neunte Band der Parin Werkausgabe ist eine wahre Entdeckung, auch für die mit Parins Werken gut vertrauten Leser:innen. Ich habe mich zuerst auf die Korrespondenz mit Eissler gestürzt, besonders neugierig auf den Austausch zwischen den beiden so interessanten und weit über ihr Ableben hinaus ­aktuellen Autoren. Dieser ausgedehnte Briefwechsel ist faszinierend; man möchte allerdings auch gerne wissen, was in den nicht wiedergegebenen Briefen stehen mag. Denn die Herausgeberin hat eine Auswahl getroffen, die sie in der Einführung begründet. ­Dennoch: Es wäre zum Beispiel schön, lesen zu können, was Eissler im März 1987 über ­Geburtstagsfeiern geschrieben hat. Denn Parin schreibt: «Ihren letzten Brief vom März, der mich über diverse Geburtstagsfeiern trösten sollte und der dies auch bewirkt hat, habe ich nicht abgelegt. Ich lese ihn immer wieder.»1 

Die Lektüre zwischen den Freunden, die sich stets sehr formell begegnen, gleichzeitig aber offen kommunizieren, weckt sicher in zahlreichen Leser:innen, die Parin gekannt haben, Erinnerungen an Situationen mit ihm. Zum Beispiel äusserte er sich einmal zum Briefwechsel Freud-Jung, indem er bemerkte, wie sich die Anrede im Verlauf der Zeit änderte: von «hochverehrter» über «lieber» zu anderen Ausdrücken der Wertschätzung oder des Ärgers. Bei Parin-an-Eissler steht fast immer «verehrter, lieber Herr Doktor» und auf Eisslers Briefen «Verehrtester» – ausser am 4. Juni 1989. Eissler schreibt hier: «Verehrter Freund!». Gerade in diesem Brief drückt Eissler besonders vehement aus, dass er mit Parin nicht einverstanden ist. Das kontroverse Thema war die psychoanalytische Ausbildung in Zürich zur Zeit des Konflikts zwischen einigen Analytikern der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa) mit dem Seminar in Zürich im Jahr 1977. – Im Teil des Briefbandes, der der Ethnopsychoanalyse gewidmet ist, nennt er sie «highly estimated colleagues in our psychoanalyticel profession» und sagt, sie «used power in a wholly irrational way to reconstitute a self-image damged by the inescapable narcissistic injuries the beginning of old age brings about. … As I am well acquainted with our Swiss culture and with the subculture of the Psychoanalytical caste, I could simply apply my knowledge concerning the rules governing the “power” of these poor old Swiss Indians» (und er konnte so einen Teil ihres Verhaltens gegenüber dem Seminar voraussagen!) (Brief an Bryce Boyer 1977) (S. 99). Parin war, als ein in Psychoanalyse-Kreisen prominentes Mitglied der SGPsa und somit der IPA (International Psychoanalytical Association), Zielscheibe für die Kritik am Zürcher Seminar. Er schreibt über eine solche Kritikerin, Alice Miller, an Eissler, er solle seine Frage nach einer gewissen Schriftstellerin Manuella Mehrs an sie richten: «Sie (A. Miller) ist eine gebildete und, wie ich aus den langen Jahren unserer Bekanntschaft weiss, auch höfliche und freundliche Dame; es ist so lange nichts gegen sie einzuwenden, so lange sie nicht Bücher schreibt oder «Wissenschaft» betreibt. Nur ich selber kann sie nicht fragen. Sie war überzeugt, dass ich versuche, die Psychoanalyse zu untergraben, weil ich «von Moskau» dafür bezahlt würde und scheint noch heute einen Hass auf mich zu hegen, für den ich nur insoferne dafür kann, als ich ihr vor Jahren bei der Einrichtung der Praxis, bei ihrem Eintritt in die Schweiz. Gesellschaft für Psa. und auch sonst viel zu helfen versucht habe.»2

In diesem Zitat findet man in kondensierter Form, was Parin für die einen zum verehrten Freund, für einige andere zum Feind machte. Eissler konfrontiert ihn im Briefwechsel mit seinen Kritiken am Zürcher Seminar heftig. Dabei kommt die Machtfrage aufs Tapet. Auch verweist Eissler interessanterweise auf Trotzki: «Wenn Sie und ich an der Spitze wären, wir würden dasselbe tun oder schnell die Macht verlieren wie es Trotzky erging» (S. 459).

Diese Briefe wurden zur Zeit des kalten Krieges gewechselt, als politische und gesellschaftliche Themen wie Macht und Autorität durch den verbreiteten Antikommunismus besonders gefärbt und überhitzt wurden. Es ist wohltuend und amüsant zu lesen, wie die beiden Freunde damit umgehen.

Im dreigeteilten Buch3 nimmt der Teil zur ­Ethnopsychoanalyse einen grossen Raum ein. Dies zeigt unter anderem die Intensität des Interesses Parins für dieses Gebiet, in dem er auch Bücher publiziert hat. Im Gebiet der Psychoanalyse erschienen von ihm meines Wissens nach nur oder vorwiegend Artikel. Eine Reproduktion eines handgeschriebenen Briefes, der nicht abgedruckt ist (S. 74) an Brice Boyer zeigt das deutlich: «We are a little envious to read about your South-American trip. We are sitting in the psychoanalytic armchair listening to our patients and occupied with the notes from 1966.»4

Als Manfred Züfle «Die Götter hocken am Quai» dichtete, womit er das Utoquai der Parins und Morgenthalers meinte, empfand er vielleicht das Ausnahmehafte der drei Ethnopsychologen und verdichtete es zum Göttlichen. Sie waren gewiss nicht nur Neugierige und Liebende, sondern auch in hohem Masse Bewegte und Bewegende. Die Zürcher «Bewegig» der 1980er Jahre wurde von den damals jungen Analytikern und ihren älteren Mentoren Parin/Morgenthaler mit grosser Anteilnahme, oft auch aktiv, verfolgt.

Der Boyer-Briefwechsel fiel anfangs in die Zeit der Vorbereitungen zur Expedition zu den Agni. Boyer konnte sich mit einer Anleitung zum «Field Work» nützlich machen, die Parin zum eigenen Gebrauch übersetzte. Das Manual diente den Forschenden zur Beobachtung kleiner Kinder. Die Erwartungen waren gross. Auch René Spitz in Genf meldete sich mit der Anregung, die Babys mit einer 8-Millimeter-Kamera zu filmen.

Parin bezeichnet im Brief vom 8. November 1965 die Dissertation von Frau Boyer als eine der interessantesten soziokulturellen Schriften, die er je gelesen habe «and for us by far the most useful».

Zu den von der Herausgeberin ausdrücklich intendierten Nebengewinnen des Briefbandes gehören die Informationen zu den sozialen und familiären Beziehungen der Parins sowie Einzelheiten über ihre Forschungsreisen. Hier zum Beispiel lese ich, dass Parin seinen Bruder, der in Long Island lebte, besuchte.

Fragen wir uns, welche grössten Gewinne wir aus dem Buch ziehen, fällt einerseits die wissenschaftliche Disziplin ins Gewicht, mit der die psychoanalytischen und ethnopsychoanalytischen Arbeiten durchgeführt wurden, andererseits aber nimmt das Literarische einen so besonderen Platz ein, dass ich mich frage, ob ich Parin mehr als Schriftsteller oder als Analytiker schätze. Beides zählt. Morgenthaler antwortete einmal auf den Anwurf, die Psychoanalyse sei mehr Kunst als Wissenschaft, das sei ihm vollkommen egal. Damit kann ich mich identifizieren …

Es ist hier nicht möglich, alle Briefschreiber und -adressaten aufzuzählen. Im Teil zur Transkulturellen Psychiatrie finden sich Briefe von und an Manfred Bleuler, Henri Collomb, Georges Devereux, das sei gesagt, um die Neugier anzustacheln.

In den anderen zwei Teilen blieb unter vielen anderen Jean L. Briggs unerwähnt, mit der sich Parin wissenschaftlich besonders eng verbunden fühlte. Er hebt die Bedeutung des sich emotional Einlassens hervor, er habe sich ein wenig geschämt, in seinen Publikationen so offen zu sein. Nun fand er in Briggs eine wertvolle Genossin, was sich in der Korrespondenz auf anrührende Weise niederschlägt (S. 134).

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