Book review

Ulrich Lamparter, Gabriele Amelung, Annegret Boll-Klatt, Andreas Sadjiroen (Hg.); Die dünne Kruste der Zivilisation

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.03260
Publication Date: 01.09.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w03260

Phil C. Langer

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Psychosozial-Verlag, 2021.

246 Seiten

Preis: 41.90 CHF

ISBN 978-3-8379-3042-9

Gelesen im Angesicht des sich in aller Grausamkeit entfalteten russischen Angriffskriegs auf die Ukraine erhält ein Buch, das dem Rauschen der Gewalt unterhalb der titelgebenden dünnen Kruste der Zivilisation nachspürt, besondere Aktualität. Es schreibt sich in eine reichhaltige Tradition der Problematisierung des destruktiven Potenzials moderner Gesellschaften ein, für die M. Horkheimer und T. Adorno («Dialektik der Aufklärung»), Z. Bauman («Dialektik der Ordnung»), J. Reemtsma («Vertrauen und Gewalt») und R. Sapolsky («Gewalt und Mitgefühl») einstehen. Die Relevanz des Bandes bemisst sich gleichwohl in dem spezifischen Beitrag, den die hier vertretene Psychoanalyse zu der internationalen interdisziplinären Gewaltforschung zu leisten vermag.

Der Sammelband vereinigt zehn Hauptbei­träge, die sich auf eine Ringvorlesung an der Universität Hamburg im Sommer 2019 beziehen. Die Autor*innen sind in der Mehrzahl, wie alle Herausgeber*innen, klinisch erfahrene Psychoanalytiker*innen, wobei u.a. mit Hans-Jürgen Wirth und Jan Lohl auch sozialwissenschaftliche Expertise eingebracht wird. Der Stil des öffentlichen Vortrags scheint – vorteilhaft – in vielen Texten durch, wenn die theoretischen und methodischen Überlegungen detailliert vorgestellt werden und auch psychoanalytisch interessierten, aber nicht einschlägig versierten Lesenden guten Zugang ermöglichen.

Die Beiträge zeichnen sich durch eine thematische, theoretische und methodische Vielfalt aus, die das ebenso komplexe wie diffuse Phänomen der Gewalt reflektieren. Sie reichen von einer dichten Einzelfallstudie zu destruktiven Prozessen in der psychoanalytischen Behandlung, die einsichtsreich über patho­logische Spaltungsvorgänge verstehbar gemachten werden (J. Lellau), und spannenden Reflexionen zu den Ambivalenzen und Schattenseiten der Empathie (R. Haubl) über die mit mikrosoziologisch geschultem Blick entwickelte Analyse konkreter Gewaltsituationen (M. B. Buchholz & A. Sadjiroen) bis zu – in ­ihren normativen Setzungen nicht unpro­blematischen und in den Folgerungen zu ­Widerspruch reizenden – Überlegungen zur hochaktuellen Frage, wie wir wissen können, wann ein Krieg sich Bahn zu brechen beginnt (M. Klingenburg-Vogel).

Es sind nicht zuletzt das in den Beiträgen zu spürende konzeptionelle, empirische und therapeutisch-praktische Ringen mit der ­tendenziellen Entgrenzung von Gewalt, das ­immer wieder reflexiv aufgenommene Scheitern an dessen Einhegung und die kleinen Widerständigkeiten, die das Buch lesenswert machen und den wichtigen Beitrag psycho­­ana­lytischen Denkens zum Verstehen von Gewaltphänomenen verdeutlichen. Das Fehlen bedeutender Themen – von (post-)kolonialer Gewalt über Gewalterfahrungen in den vielen Krisen und Kriegen der Gegenwart bis hin zu sexualisierter Gewalt – ruft gleichsam nach einem Folgeband.

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