Book review

Peter Caspari, Helga Dill, Cornelia ­Caspari, Gerhard Hackenschmied: ­Irgendwann muss doch mal Ruhe sein!

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.03261
Publication Date: 01.09.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w03261

Joachim Küchenhoff

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Wiesbaden: Springer; 2021.

Buchreihe: Sexuelle Gewalt in Kindheit und ­Jugend: Forschung als Beitrag zur Aufarbeitung.

XIV., 248 Seiten.

Preis: 72.00 CHF.

ISBN: 978-3-658-35512-8.

Während ich das Buch lese, das ich rezensieren soll, beeindruckt mich die Psychotherapie mit einer Frau im fortgeschrittenen Erwachsenenalter, die über mehrere Jahre als junge Frau im Rahmen einer Psychotherapie verführt und missbraucht worden ist. Sie leidet auch nach mehr als 40 Jahren unter den Folgen eines fundamental verwirrenden Beziehungsangebotes, das gerade deshalb, weil es alles durcheinander bringt, bis heute nicht verstanden, durchdacht und verdaut werden kann und das ihr Leben gezeichnet und bedrückt hat. Die Zeit heilt keine Wunden, wenn sie so tief gehen.

In Heidelberg hat der Leiter des Ausbildungsinstituts für analytisch und tiefenpsycho­logisch fundierte Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie AKJP in den Jahren 1975 bis 1993 fortlaufend Grenzen überschritten und bei Jugendlichen ebenso wie bei Erwachsenen (im Rahmen von Lehranalysen) sexuelle Gewalt ausgeübt– und es dauerte lange, allzu lange, bis er zur Rede gestellt, an der Berufsausübung gehindert und strafrechtlich verfolgt wurde. In der 34. Ausgabe der Wochenzeitung «Die Zeit» wurde im Jahre 2018 unter dem Titel «Das kranke System des Doktor F» sehr ausführlich darüber berichtet. Im Jahre 2021 erscheint nun das Buch, das die sexualisierte Gewalt im Heidelberger Ausbildungsinstitut wissenschaftlich bearbeitet. Fast ein halbes Jahrhundert lang wirkt fort, was nicht nur menschlich, sondern auch institutionell eine Katastrophe war. Auch die institutionellen Wunden verheilen nicht, wenn sie so tief gehen. Umso wichtiger, umso verdienstvoller, dass das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung IPP den Auftrag des AKJP aufgenommen und umgesetzt hat.

Mich berührt das Buch, und dies nicht zuletzt deshalb, weil ich zu Beginn der 90er-Jahre im Vorstand des Psychoanalytischen Instituts der DGPT in Heidelberg, dem für die Erwachsenentherapie zuständigen Nachbarinstitut zum AKJP, mitgearbeitet habe. Wir versuchten, uns gegen die fast undurchdringlich erscheinenden Widerstände zu behaupten, die sich gegen die Aufdeckung, Aufklärung und Verfolgung des schrecklichen Skandals, dessen Umrisse allmählich zu erkennen waren, aufbauten. Verfolgung – ja, die wir aufklären wollten, wurden als die Verfolger gebrandmarkt und erlebten stellvertretend einen Teil der institutionalisierten Gewalt. Aber – im Buch wird das deutlich – wir hatten erst einmal nur begrenzten Erfolg und begrenzte Möglichkeiten.

Kann die Wissenschaft in diesem Feld überhaupt einen wichtigen Beitrag leisten? Liegen die Fakten nicht mittlerweile offen zutage, so offen, dass sie nicht mehr neu bearbeitet ­werden müssen? Ist es nicht heute völlig klar, dass sexualisierte Gewalt moralisch und strafrechtlich zu verurteilen ist?

Zunächst zu den «Fakten». Der Umgang mit der Wahrheit, mit den Tatsachen, ist gesellschaftlich prekär geworden. So absurd das Wort «postfaktisch» klingt, so beschreibt es doch sehr gut das Bestreben, die Realität zu verbiegen, verleugnen, verdrehen, politisch wie persönlich. Insofern sind schon die deskriptiven Befunde wertvoll, die Liste der Übergriffe, deren sich der Leiter des AKJP schuldig gemacht hat. «Der jetzt vorliegende Bericht», so die Autorinnen und Autoren im Vorwort, «dokumentiert erstmals alle belegbaren Taten von H.M. (…) und kann diese aus dem Aggregatszustand des Gerüchts herauslösen» (S. X). Die wissenschaftliche Deskrip­tion ist notwendig, um gegen die immer neu einsetzenden Widerstände und Verleugnungspotentiale die Fakten zu wahren. Zu ­diesen Befunden gehören aber auch die Aufdeckungs- und Vertuschungspraktiken, die Einzelpersonen und Institutionen pflegten und sich bis in die Gegenwart erstrecken.

Wie ist das Forschungsteam vorgegangen, das vom AKJP beauftragt worden ist? Es wurde eine qualitative Studie durchgeführt, auf der Grundlage von Interviews, Akten – und Dokumentenanalyse. Zu diesen gehörten auch diverse Aufzeichnungen des 2019 verstorbenen Täters. Es wurden Betroffene ebenso wie ehemalige Mitarbeitende des AKJP und andere Funktionsträger der Zeit befragt. Ausgewertet wurden die gesprochenen und schriftlichen Texte nach den Methoden der Grounded ­Theory und der Texthermeneutik. Es wurden also Narrative aller Beteiligten systematisch erschlossen. «Die Narration, in der die Geschichte verbalisiert wird und in der wir uns selbst in der Geschichte verbalisieren und formulieren, ist das, was Erkenntnis schafft.» (S.25)

Für die Einordnung der Befunde wurden vier Rahmenkonzepte genutzt: Die Frage danach, was Norm oder Normalität ist oder nicht ist; welche ethischen Anforderungen das ethische Handeln einer Profession oder Organisation bestimmen; welche Rolle das für die Psychotherapie so wichtige Gebot der Abstinenz spielt; und schliesslich was als sexualisierte Gewalt verstanden werden kann.

Die Befunde zu sichern, ist also die erste Aufgabe der Wissenschaft, und ihr gerecht zu werden ist schwieriger, als es klingt, da die Abwehr gegen Erkenntnis und Aufklärung bei sexualisierter Gewalt besonders stark ist. Die zweite Aufgabe ist es, neue Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Bearbeitung der Befunde zu gewinnen. Deshalb ist der (umfangreichste) Teil des Buchs, der sich den «Systemdynamiken» widmet, der wichtigste und aufschlussreichste. Die Systemdynamik stellt gerade die institutionelle Abwehr und das Verleugnen ethischer Dimensionen in ein anderes Licht. Die zentrale Grunddynamik wird beschrieben als ein Konflikt zwischen dem Wunsch nach oder der Notwendigkeit der Thematisierung sexualisierter Grenzverletzungen auf der einen Seite und dem «funktionalen Pragmatismus» auf der anderen Seite, und zwar sowohl auf der individuellen als auch auf der institutionellen Ebene. Die sehr ernüchternde Hauptthese des Buches lautet: «Es war in den Jahren 1975 – 1993 aus gewichtigen Gründen sinnvoll, vernünftig, pragmatisch und funktional, alle Hinweise auf sexualisierte Gewalt durch den Institutsleiter weitgehend zu ignorieren und von entsprechenden Nachforschungen Abstand zu nehmen» (S. 102). Das Gleiche gelte auch für die Vermeidung der systematischen Aufarbeitung nach 1993. Das Institut sollte doch bewahrt werden, die guten Seiten und die kon­struktive Arbeit in ihm, die qualitativ hochstehende Ausbildung sollten doch nicht gefährdet werden – das waren solche «guten Gründe», über die Verbrechen hinweg zu sehen. Der Einzelne wollte seine eigene Ausbildung nicht in Frage gestellt sehen; der Reputationsschaden, den das Institut erleiden könnte, würde auch den einzelnen (ehemaligen) Kandidaten oder die Kandidatin treffen. Neben diesen persönlichen und institutionellen Eigeninteressen spielen Machtfaktoren eine sehr grosse Rolle. Der Institutsleiter ist zugleich auch Supervisor, Lehranalytiker, der seine eigenen Mitarbeitenden analysiert; er vereinigt unkontrollierte Machtbefugnisse in der eigenen Person, wird unangreifbar. Und er wird gestützt von den Weggefährten und Kollegen, die einander lange kennen und Seilschaften bilden, mit starken Seilen, die sehr stark ins Fleisch aller Beteiligten schneiden, weil die Weggefährten die wesentlichen Machtpositionen besetzen. Der Institutsleiter hat Handlungsmacht, weil niemand ihm Einhalt gebietet. Aber er hat zugleich auch Deutungsmacht: Er handelt nicht nur, sondern gibt zugleich vor, wie die Handlungen zu verstehen seien – Pervertierung des psycho­analytischen Deutungsverfahrens, das nicht mehr «herrschaftsfreier Dialog», sondern Mittel der Entmündigung und des Gefügigmachens wird.

Der systemische Ansatz der Forschergruppe erlaubt es nun, mit ähnlich distanziertem Blick die Systeme zu untersuchen, die durch sexualisiere Gewalt geschaffen werden. Zunächst das Missbrauchssystem, also die Art und Weise, wie sich in der Missbrauchshandlung ein dyadischer geheimer Raum bildet, der gleichsam eigenen Gesetzen unterworfen ist, die indes bestimmt werden durch die Deutungsmacht des Täters, neben dem es keine fremden Götter, keine alternativen Deutungsoptionen gibt. Dann das Aufdeckungssystem, das das Missbrauchssystem aufbricht oder aufbrechen könnte. In Bezug auf die Aufdeckung der durch den Institutsleiter verübten Taten ist es frappant, wie lang die Aufklärungslatenz oftmals (gewesen) ist, wie lange sich z.B. die Betroffenen still verhalten und sich niemandem anvertrauen, wie lange es aber auch dauert, bis Dritte in der Lage sind zu reagieren, also in der Tat ein Aufdeckungssystem überhaupt zu schaffen. Schliesslich das Hilfesystem: Wieviele der Geschädigten haben sich Hilfe holen und Hilfe beanspruchen können, welche wirksamen Hilfen sind angeboten worden? Der Befund im untersuchten Fall weist aus, dass auch die so dringend notwendige Hilfe in vielen Fällen ausgeblieben ist.

Wie kann sexualisierte Gewalt verhindert werden? Der Prävention widmet sich ein abschliessendes Kapitel. Psychotherapeutische Ausbildungsinstitute müssen die Themen des Missbrauchs, der Abhängigkeit, der Abstinenz als ständige Themen behandeln, nicht erst wenn sie durch Übergriffe virulent werden. Institutionen, ob Kliniken oder Ausbildungsinstitute, bedürfen der Risikoanalyse, müssen also fortlaufend darüber nachdenken, wo die Gefahrenmomente, die Verführungen zu Grenzüberschreitungen liegen und wie sie kontrolliert werden können. Das Leitbild einer Institution sollte nicht einen Bogen um diese Thematik machen, sondern sie im Gegenteil einbeziehen und betonen. Es muss überdies Vertrauenspersonen geben, die ansprechbar sind, denen gegenüber die Schamschwelle geringer ist, die auch selbst eine abgesicherte Position in dieser Rolle haben.

Wichtig ist zudem, dass sich nicht intransparente Räume ausbilden, in denen Gewalt gedeihen kann. Ausbildungsinstitute müssen, so die Empfehlung der Autorengruppe, einen offenen Diskurs über die Arbeitsweise z.B. von Supervisorinnen und Lehrtherapeuten ermöglichen – eine Forderung, die so leicht nicht umsetzbar ist, weil es von denunziatorischen Praktiken abgegrenzt und diese verhütet werden müssen. Selbstverpflichtungserklärungen und Verhaltenskodizes, die sehr konkret sein können (z.B. wann die Tür zum Therapeutenzimmer verschlossen sein darf etc.), können die Gefährdungen immer neu sichtbar machen. Schliesslich sind externe Stellen, die als Beschwerdeinstanzen einspringen können, notwendig, etwa Ethikkommissionen.

Ich hatte einleitend gefragt, ob es lohnt, die Befunde zu sichern, auch Jahrzehnte später, ob die wissenschaftliche Aufarbeitung lohnt und ob wir heute in der Beurteilung sexualisierter Gewalt viel aufgeklärter sind als vor 30 oder 50 Jahren. Die ersten beiden Fragen sind schon beantwortet worden, mit einem klaren «Ja». Das ist das grosse Verdienst des im Buch dargelegten Forschungsprojektes. Bleibt die dritte Frage: Ja, wir sind viel weiter gekommen im Urteil über und in der Aufmerksamkeit auf sexualisierte Gewalt. Und dennoch bleiben die Probleme, die mit sexualisierter Gewalt eng verbunden sind, unvermindert virulent. Sie sind weiter zu fassen als nur die Aufmerksamkeit auf möglichen Missbrauch. Abhängigkeiten und Macht in Ausbildungsinstituten, ebenso wie in Kliniken und anderen Weiterbildungsstätten, gehören dazu, und diese sind nur in einer fortlaufenden Selbst­reflexion auch in der Institution zu beherrschen. Die Angst vor einer Sexualisierung von Beziehungen birgt zugleich und andererseits die Gefahr einer Entsexualisierung, also einer Ausklammerung des sexuellen Erlebens, das für Psychotherapien wichtig ist. Mut zu einem «aufrechten Gang» und soziale Verantwortung werden von der Autorengruppe als präventive Faktoren nicht eigens genannt, sie erscheinen mir zentral für die Aus- und Weiterbildungen, die nicht nur Techniken vermitteln, sondern auch die Entwicklung der Persönlichkeit fördern sollten.

Das vorliegende Buch ist ein verdienstvolles Werk. Es dokumentiert schlimmstes persönliches und institutionelles Versagen, ohne einzelne Personen zu denunzieren. Es hält dazu an, doch aus der Geschichte zu lernen und dient damit selbst der Prävention, weil es dazu zwingt, sich mit sexualisierter Gewalt, institutioneller Macht und Abhängigkeitsmissbrauch ernsthaft und schonungslos auseinanderzusetzen.

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