Editorial

Prozedurale und personzentrierte Perspektiven in Neurologie und Psychiatrie

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.03342
Publication Date: 01.09.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w03342

Paul Hoff

Medizin ist eine Handlungswissenschaft. Wer macht was, und wozu? So lauten unsere Kernfragen auch in der Neurologie und der Psychiatrie. Auf den ersten Blick mögen sie trivial erscheinen – aber: Je genauer man hinschaut, umso anspruchsvoller werden sie. Die aktuelle Ausgabe des SANP, die Sie vor sich liegen haben, gibt beiden Perspektiven Raum, den prozeduralen Was?-Fragen ebenso wie den personalen Wer-und-Wozu?-Fragen.

Praxisrelevante prozedurale Aspekte kommen in der Übersichtsarbeit zu einer an die (Post?-)COVID-19-Situation angepassten kognitiv-behavioralen Therapie der generalisierten Angststörung (GAD) zur Sprache sowie bei der Beschreibung und Einordnung der Möglichkeiten, Grenzen und Risiken des “machine learning”-Ansatzes im Umgang mit grossen Datenmengen, hier dargestellt am Beispiel einer forensisch-psychiatrischen Population. 

Wenn biologische Parameter zuverlässige prognostische Aussagekraft für klinisches Handeln erlangen, so ist dies von grosser Bedeutung. Ein Beispiel sind die hier berichteten Daten zum Troponin-Spiegel, der möglicherweise das Risiko zu verringern vermag, in Fällen von transienter globaler Amnesie (TGA) einen Schlaganfall zu übersehen und damit eine kritische Verzögerung bis zum Behandlungsbeginn hervorzurufen.

Diagnostische und therapeutische Prozeduren müssen bei der Wernicke-Enzephalopathie, wie der Fallbericht prägnant aufzeigt, rasch und gezielt durchgeführt werden, um potenziell bleibende Schäden für die betroffene Person abzuwenden. In einem weiteren Beitrag geht es um das Selbstverständnis kunst- und ausdrucks­therapeutischer Interventionen in der Psychiatrie. Der Autor, Kunsthistoriker, stellt die pointierte Frage, warum wir dazu neigen, bildnerisches Gestalten (im Gegensatz zum verbalen Ausdruck) auch im therapeutischen Kontext als Kunst zu «sakralisieren», anstelle es in erster Linie als profane, aber essenzielle Form der Kommunikation zu betrachten.

Die andere Hälfte der Beiträge befasst sich mit dem Rollenverständnis und den Werthaltungen von Personen, die in diagnostische und therapeutische Handlungen involviert sind. Ein Positionspapier formuliert die erforderlichen Schritte, um die spezifischen Kompetenzen von Menschen mit eigener psychiatrischer Krankheitserfahrung («peers») noch stärker als bisher in der Patientenversorgung sowie bei konzeptuellen Fragen zur Geltung zu bringen. Wie wertvoll, wenn auch oft schmerzhaft derartige Erfahrungen sein können, zeigt der «First person account»-Text. Er spielt auf beeindruckende Weise mit den deutsch-französisch-englischen Wortfeldern Geschenk und Gift (cadeau, gift, poison), findet aber zu einem, wenn auch ironisch gebrochenen, optimistischen Ausklang.

Eine Untersuchung über das Wissen einer Population, die einen Schlaganfall erlebt hat, über die eigene Erkrankung weist auf das bestehende, allenfalls brach­liegende präventive Potential hin.Die unmittelbar praktische Perspektive prägt das Interview zu den Schnittstellen von stationärer, intermediärer und ambulanter psychiatrischer Versorgung. Es wird eine erneute Tendenz zum «Hospitalozentrismus» beklagt, der einer effizienten Kommunikation zwischen den Beteiligten, vor allem zwischen stationärem und ambulantem Bereich, abträglich sei. Schliesslich zieht eine subtile Analyse des Films «Voyage à Tokyo» (1953) des japanischen Regisseurs Yasujirō Ozu überzeugende Parallelen zwischen der im Film dargestellten psychischen Intimität intensiver, teils konfliktreicher familiärer Beziehungen und den Situationen, mit denen sich insbesondere systemisch arbeitende Therapeuten/innen regelmässig konfrontiert sehen.

Bei den vorliegenden Beiträgen freut mich besonders, dass die Trennlinie zwischen prozeduraler und personzentrierter Perspektive keineswegs der Fächergrenze Psychiatrie/Neurologie folgt, obwohl eine klischeehafte Betrachtung eben dies suggerieren könnte. Die Linie verläuft vielmehr quer durch beide Fächer – auf je eigene Art zwar, aber stets zum Nachdenken auffordernd. Genau so soll es sein.

Überzeugt, dass Sie eine anregende Lektüre vor sich haben, grüsse ich herzlich

Paul Hoff

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