Film analysis

Film Analysis

Ein ergreifendes Passionsspiel

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.03352
Publication Date: 07.12.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w03352

Hennric Jokeit

Drii Winter (2022)

Drehbuch und Regie: Michael Koch

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Abbildung 1:
Screenshot des Trailers (Available from: https://www.youtube.com/watch?v=12TLV3hG-dw. Cited November 15, 2022)

Michael Koch drehte seinen zweiten Kinofilm 2020 unter Corona-Bedingungen in nur neun Monaten mit einer kleinen Crew. Premiere hatte der Film als offizieller Beitrag im Wettbewerb der Berlinale im Februar 2022. Seit September läuft er auch in den Schweizer Kinos. Das Schweizer Bundesamt für Kultur hat ihn kürzlich für die Oscarverleihung 2023 in der Kategorie bester internationaler Film eingereicht.

Laiendarsteller, minutenlange choreographische Plansequenzen, Chorbilder, Gesänge und Bergpanoramen lassen Kochs Film auf der fast quadratischen Leinwand auch formal zu einem zeitlosen Passionsspiel werden. Denn nur «Drii Winter» währt Marcos Leben mit Anna und ihrer Tochter Julia. Marco verdingt sich als Knecht in einem Dorf in den Urner Bergen. Dort lebt auch die alleinerziehende Anna, die als Kellnerin, Magd und Postbotin ihr hartes Leben bestreitet. Die Liebe der ­beiden entspringt dem Verlangen zweier Unterprivi­legierter nach stärkender und wärmender Gemeinschaft. Die Filmhandlung treiben jedoch nicht die sozialen Konflikte, sondern die Spannung zwischen junger Liebe und einer sich schleichend entwickelnden tückischen Krankheit.

Ein Radiobeitrag, in dem eine Frau von den Persönlichkeitsveränderungen ihres an einem Hirntumor erkrankten Mannes berichtet hatte, inspirierte den Regisseur Michael Koch zu diesem Film. Er traf diese Frau, die in einem Bergdorf lebte, und auch weitere Paare, die mit der Erfahrung von Charakter verändernder Hirnerkrankung konfrontiert waren. Diese Recherche kommt dem Film zugute – die sich leise anbahnende, doch in ihrer Konsequenz so zerstörerische Krankheit wird in keiner Einstellung plakativ oder gar rührselig dargestellt. Lakonisch wird der aussichtslose Kampf der Liebe gegen die verstörenden Auswirkungen einer progredienten Schädigung des Hirns geschildert. Dank der erzählerischen Zurückhaltung ist die emotionale Wirkung des Films auf den Zuschauer umso stärker.

In nur wenigen kurzen Einstellungen erfährt man, wie die Diagnose eines Hirntumors Marco und Anna als Zufallsbefund zur Kenntnis gegeben wird. Das kurze Hoffnungsglück nach einer Tumorresektion verflüchtigt sich mit der Wiederkehr von Marcos Symptomen: Kopfschmerzen, Antriebslosigkeit, enthemmte Aggression und Sexualität. In einer drastischen Szene masturbiert Marco in Gegenwart von Annas kleiner Tochter Julia, während diese vergnügt Fernsehen schaut. Eine Freundin Annas wird davon Zeugin und die Konsequenzen für Marco sind hart, vor allem in einem Innerschweizer Tal.

Dennoch kann Anna Marcos Entlassung aus der Zwangsverwahrung erwirken, und besorgt für ihn eine letzte Unterkunft auf einem abgelegenen Hof, der zu Marcos Gnadenhof wird. Dort begegnen sich Anna und Marco wieder in bewegender, reifer Verbundenheit. Dann öffnet Anna für Marcos Seele das Fenster –ein ergreifendes Passionsspiel.

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