Book review

Christfried Tögel (Hrsg.): Sigmund Freud Gesamtausgabe Band 14 bis 16

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.w10019
Publication Date: 17.08.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w10019

Joachim Küchenhoff

Please find the affiliations for this article in the PDF.

Christfried Tögel (Herausgeber) unter Mitarbeit von Urban Zerfass

Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

Giessen: Psychosozial-Verlag; 2020.

Bd. 14: 394 S. 

Preis: 79,90 Euro.

ISBN: 978-3-8379-2414-5.

Bd. 15: 448 S. 

Preis: 89,90 Euro.

ISBN: 978-3-8379-2415-2.

Bd. 16: 498 S.

Preis: 79,90 Euro.

ISBN: 978-3-8379-2416-9.

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Das grosse Unterfangen, eine Gesamtausgabe der Schriften Sigmund Freuds herauszubringen, ist im Jahre 2020 fortgeschritten. Drei Bände (SFG 14, 15 und 16) sind erschienen, die die Jahre 1914 bis 1920 dokumentieren.

Beginnen wir dieses Mal nicht mit einer ­Zusammenfassung der wichtigsten Inhalte, sondern blicken wir auf die anspruchsvolle Aufgabe der Edition und wie sie in den vorliegenden Bänden gelöst worden ist:

Jeder Band wird, wie immer, durch eine kurze, ein- bis zweiseitige biographische Einführung («Zu diesem Band») eingeleitet. Jeder Text wird noch einmal gesondert vorgestellt und seine Entstehungszeit und -umstände kommentiert. Diese vom Herausgeber Christfried Tögel geschriebenen Hinweise sind hilfreich; allerdings fallen sie manchmal schmerzlich knapp aus, sodass der Leser sich immer wieder detailliertere Informationen wünschen mag. Ich gebe ein Beispiel: Wenn Freud 1920 eine kurze «Mitteilung» zur «Gedankenassoziation eines vierjährigen Kindes» (SFG Bd. 16, S. 389) schreibt und den «Brief einer amerikanischen Mutter» zitiert, wäre es doch schön zu wissen, wer sich unter welchen Umständen an Freud gewandt hat und ob der auf Deutsch zitierte Brief im Original englisch verfasst war.

Andere Kommentare wiederum sind nicht gut nachvollziehbar. Die Einführung zu Band 16 etwa hat mich überrascht; sie endet mit dem Urteil: «Außer ein paar kurzen – wenn auch wichtigen – Artikeln erscheint als einzige größere Arbeit sein Buch ‹Jenseits des Lustprinzips›» (SFG Bd. 16, S. 12). Das klingt doch allzu beiläufig, fast abwertend; wer in das Inhaltsverzeichnis hineinschaut, erkennt schnell, dass entscheidende, äusserst gehaltvolle und folgenreiche Texte darin enthalten sind. Ich erwähne stellvertretend «Trauer und Melancholie» (1917; SFG Bd. 16, S. 59–76): diese Arbeit halte ich für besonders bedeutungsvoll; sie wirkt bis heute nach, weil sich in diesem Text die Objektbeziehungspsychologie avant la lettre ankündigt. Freud entwirft bekanntlich ein psychodynamisches Modell der Depression, dessen zentrale Aussage es ist, dass die Beziehung zu dem sehr ambivalent besetzten Objekt, der wichtigen Bezugsperson, nach dessen Verlust nicht anders gelöst werden kann als durch Verinnerlichung eines Teils der Objektbeziehung: aus dem Hass gegen den Anderen wird der Selbsthass. Das ­Modell erlaubt, die Melancholie besser zu verstehen; darüber hinaus eröffnet es eine neue Dimension der Tiefenpsychologie. Die hier ­gegebene Einordnung «Wenn auch wichtig» untertreibt also stark.

Es sind weitere Texte des gleichen Bandes hervorzuheben. Die Analyse des «Rattenmannes», also das Werk «Aus der Geschichte einer infantilen Neurose» (SFG Bd. 16, S. 111–214) aus dem Jahre 1909, ist eine der grossen psychoanalytischen Fallgeschichten, die eine un­erschöpflich erscheinende Resonanz in der ­Wissenschaftsgeschichte der Psychoanalyse gehabt hat. Im Jahre 1919 befasst sich Freud mit der Geschichte «Der Sandmann» von E.T.A. Hoffmann; es gelingt ihm, «Das Unheimliche» (SFG Bd. 16, S. 289–324) zu charakterisieren, darüber hinaus stösst der Text ebenfalls Türen weit auf, nämlich zur psychoanalytischen Literaturinterpretation. Die Arbeit «Jenseits des Lustprinzips» (SFG Bd. 16, S. 395–448) wurde bereits erwähnt, die bis heute wohl die kontroversesten Diskussionen ausgelöst hat, weil Freud hier den Todestrieb einführt.

Bleiben wir beim Blick auf die Edition. Lesen bleibt auch im digitalen Zeitalter ein sinnlicher Genuss, ein sorgfältig gebundener und auf hochwertigem Papier gedruckter Band der Gesamtausgabe liegt einfach gut in der Hand und vor den Augen. Ein ausführliches Stichwortregister tut das Seine. Am Ende jeden Bandes findet sich eine Konkordanz, die ausweist, welche der Freud-Ausgaben welche Texte enthält.

Die SFG ist als Gesamtausgabe am umfassendsten. Allerdings fehlt in den doch kanonisch gewordenen «Gesammelten Werken» (GW) kaum etwas, jedenfalls in den vorliegenden drei Bänden, das nur in der SFG zu finden ist. Band 15 ist ganz den wichtigen «Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse» gewidmet, entfällt also für diese Frage. Gehen wir deshalb den 14. Band durch. Er enthält die wichtigen metapsychologischen Schriften des Jahres 1915 «Triebe und Triebschicksale» (SFG Bd. 14, S. 231–250), «Die Verdrängung» (S. 253–266) und «Das Unbewusste» (S. 267–302), in denen Freud seine Erkenntnisse zusammenfasst und systematisch entfaltet. Vorher schon (1914) hatte er die Perspektive der Liebe gegenüber anderen durch die Selbstliebe, den Narzissmus, ergänzt («Zur Einführung des Narzissmus», SFG Bd. 14, S. 47–74). Damit wurde von Freud tatsächlich ein Begriff wenn auch nicht erfunden, so doch wissenschaftlich eingeführt, der – wie viele andere psychoanalytische Fachtermini, die Freud neu geprägt hatte – mittlerweile in der Alltagssprache fest verankert ist. Alle diese und andere Schriften finden sich in den GW auch. Was dort fehlt, sind vor allem die Geleitworte zu den neuen Auflagen, die für die meisten Leser entbehrlich erscheinen könnten. Mehr Interesse können zwei autobiographische Artikel aus dem Jahre 1914 beanspruchen, und wichtig schliesslich die Schrift «Wir und der Tod» (SFG Bd. 14, S. 187–202), der Vortrag, den Freud 1915 vor der Loge «Wien» des jüdischen Humanismusvereins «B'nai B'rith» hielt. Der Vortrag wird mitten im ersten Weltkrieg gehalten; vieles, aber durchaus nicht alles ist in der bekannteren Schrift «Zeitgemäßes über Krieg und Tod» (S. 203–230) wiederholt. Ich habe schon in den Rezensionen der früheren Bände der SFG darauf hingewiesen, dass es kleine Juwelen zu entdecken gibt unter den zuvor nicht zugänglichen kleinen Texten. Im Band 16 etwa findet sich ein «Aufruf für die Kinder der vom Hunger heimgesuchten Länder» (S. 337–340). Die entscheidenden Texte sind indes in den früheren Ausgaben bereits enthalten. Immer aber muss bei der Würdigung der SFG bewusst bleiben, dass sie nicht nur alle verfügbaren Texte erstmals sammelt, sondern auch bewahrt und die Freudschen Werke als gedruckte Bücher zugänglich hält. Es bleibt, aller Kritik im Einzelnen zum Trotz, ein grosses, ein wichtiges Projekt.

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