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Book review

Jörg Singer (Herausgeber): Hans Kunz. Schriften zur Psychoanalyse II. Frühe Beiträge zur Psychoanalyse (1928–1940) und ausgewählte Rezensionen zur psychoanalytischen Literatur

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.w10020
Publication Date: 16.06.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w10020

Joachim Küchenhoff

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Basel: Schwabe; 2021.

Reihe: Hans Kunz – Gesammelte Schriften in Einzelausgaben.

Band 10.

583 Seiten.

Preis: 98,00 CHF.

ISBN: 978-3-7965-4272-5.

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In einer früheren Rezension zu Band 8 der Gesammelten Schriften habe ich kurze Hinweise auf Leben und Werk von Hans Kunz gegeben, die ich nicht wiederholen werde. Ich gehe direkt auf Band 10 zu und ein. Jeder bibliophile Mensch wird schon an der «hardware» dieses sorgfältig gebundenen, ausgesprochen gut lesbaren Buchs seine Freude haben. Gesteigert wird sie durch die erneut vorbildliche Edition, die der Herausgeber Jörg Singer geleistet hat. Die Einleitung «Zu diesem Band» ist ebenso präzise wie kurz und fasst den nahezu 600 Seiten starken Text auf wenigen Seiten zusammen. Jedem Text wird eine genaue editorische Notiz vorangestellt. Der Anhang gibt Auskunft über die Textgestaltung und die Quellentexte, informiert über textkritische Revisionen und fügt ergänzende Textbeilagen an. Zu diesen zählt auch der Artikel von Siegfried Bernfeld, auf den Kunz reagiert hat (Kapitel 2: «Das Widerstandsargument in der Psychoanalyse. Zur Auseinandersetzung mit Siegfried Bernfeld.», S. 131–156). So lässt sich ein wissenschaftlicher Disput gut nachvollziehen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis schliesst sich an. Die Leser können Jörg Singer wahrhaft dankbar sein.

Die wichtigsten Texte des Bandes sind bislang unpubliziert, ja der erste ist eine Rekonstruktion: «Die philosophische Bedeutung der Psychoanalyse» stellt nachgelassene Entwürfe zu einem Buch aus den 1930er-Jahren zusammen. Manche Kapitel dieses Textes enden folgerichtig mit dem editorischen Eintrag «Ohne Fortsetzung». «Über die Einschätzung der Sexualität als Grundpfeiler der psychoanalytischen Theorie» ist ein abgeschlossener nachgelassener Text, der vom Autor wohl bewusst nicht veröffentlicht wurde. Über 100 Seiten stehen für ausgewählte Rezensionen zur Verfügung, die erschienen sind, aber zum ersten Mal hier versammelt werden. Das Fragmentarische gerade der ersten Schrift ist durchaus reizvoll. Die Gedanken und Argumente sind nachvollziehbar ausführlich, der Text gut lesbar – aber eben an einigen Stellen nicht abgerundet. Diese Abbrüche regen sehr dazu an, weiterzudenken.

Kunz zu lesen, stimuliert ohnehin das Denken. Er wägt ab, geht einer Sache auf den Grund, nimmt die Gegenstände seines Nachdenkens ernst, bringt Gründe und Gegengründe vor, in einer Genauigkeit, die es erlaubt mitzugehen, mitzudenken. Immer wieder lobt er Freud wegen seiner Ehrlichkeit und seinem Anspruch; beides zeichnet ihn selbst aus. Er will wissenschaftlich argumentieren. In ihm hatte und hat die Psychoanalyse einen solidarischen Kritiker. Mit scharfsinniger Urteilskraft begabt, verurteilt er nicht vorschnell, sondern arbeitet die Potenziale der Psychoanalyse heraus, benennt aber deutlich, wo sie ihre eigenen Ansprüche verfehlt.

Woran misst er sie? Es geht Kunz zentral um die philosophische Bedeutung der Psychoanalyse, und zwar in einer spezifischen Hinsicht. Er will nicht herausarbeiten, wo sie philosophisch relevant ist, auch nicht, wie ihr eine wissenschaftstheoretische Grundlage von aussen angemessen wird, vielmehr interessiert ihn, was die in der Psychoanalyse aufscheinende philosophische Basis ausmacht – er sucht nach einer umfassenden Anthropologie der Psychoanalyse. Und er wird fündig – wobei er in diesem Punkt erstaunlich modern ist – im besonderen Theorie-Praxis-Verhältnis der Psychoanalyse. Er sieht die Übertragungsbeziehung als Dreh- und Angelpunkt, die geprägt ist von der vorurteilslosen Wahrnehmung und der offenen Erfahrung auf der einen Seite und der durch Theorie angeleiteten Deutung auf der anderen. Er macht aufmerksam auf deren Extreme, die «Grenzmöglichkeiten der reinen Wahrnehmung und der völlig erfahrungsfremden Konstruktion» (S. 95), die beide das Verfahren stören und zerstören könnten. Gefahren solcher Vereinseitigungen sieht er in Fallstricken der Terminologie, der er sich ausführlich widmet, aber auch in vorschnellen Hypostasierungen der Theorie, also in Wirklichkeitsunterstellungen, die an der Praxis nicht mehr bewährt werden: «Diese kritische sachlich notwendige Vorsicht und Zurückhaltung in der Bewährung der Deutungen vermisse ich bei den Analytikern» (S. 135).

Viele Erkenntnisse der Psychoanalyse bestätigt er mit grosser Zustimmung. Die Psychoanalyse, so betont er, auch gegen ihre Kritiker:innen, habe es erlaubt, neue «Wirklichkeitsgehalte» (S. 120) erstmals überhaupt zu sehen. Aber er findet auch, dass die Psychoanalytiker:innen es sich zu einfach gemacht haben mit ihren Kritiker:innen. Als ein Beispiel unter vielen sei eine Entgegnung erwähnt, die Kunz 1938 in der NZZ schreibt, als Rezension des polemischen Verrisses der Psychoanalyse durch den damals bedeutsamen Psychiater Oswald Bumke (S. 240–244). Hier macht Kunz vor, wie die Psychoanalyse ihre Kritiker ernst nehmen und sie in aller Entschiedenheit widerlegen kann, aber auch muss.

Mit seiner Kritik an der Psychoanalyse selbst hält er nicht zurück, bei aller Zustimmung und Unterstützung. Er bejaht, dass die Sexualität so wichtig ist, wie die Psychoanalytiker:innen dies herausgestellt haben. Aber er wehrt sich gegen ein erweitertes, gleichsam entgrenztes Konzept des Triebhaften. Er erörtert diese Kritik ausführlich an vielen Begriffen. Er geht mit Freud und den nachfolgenden Autorinnen und Autoren einig, dass etwa das Schauen für die erwachsene Sexualität eine hohe Bedeutung hat, aber er möchte nicht das Optische insgesamt den Trieben unterwerfen; das Gleiche gilt für die Oralität, schliesslich auch für die therapeutische Beziehung. So wichtig Übertragungen auch seien, das Du des Anderen sei nicht austauschbar und gehe in der Übertragung nicht auf. Verfehlt findet er vor allem, dass die Psychoanalyse die existenzielle Bedeutung der Todeserfahrung auf Erlebnistatbestände reduziere.

Immer wieder finden sich präzise Überlegungen, die ausgesprochen aktuell erscheinen, zum Beispiel folgende zum wissenschaftstheoretischen Status der Psychoanalyse: «Freud hat uns ein kleines Wegstück näher an das Wissen dessen, was wir je sind, herangebracht – man sagt: durch Aufgabe der Wissenschaftlichkeit. Aber ist es denn so sicher, dass das, was uns als echte Wissenschaft überliefert wurde, geeignet sei, die Wirklichkeit und Wahrheit des Menschen und nicht vielmehr nur Wunsch- und Zerrbilder davon zu erfassen? […] Dann geht es doch wohl darum, einen neuen Begriff von Wissenschaft zu schaffen, der dem traditionellen an Wirklichkeitstreue und Strenge überlegen ist.» (S. 154f.).

Der Band 10 der Gesammelten Schriften von Hans Kunz ist vor allem für Psychoanalytiker:innen interessant. Dabei ist er nicht nur, aber auch historisch bedeutungsvoll. Insbesondere die Rezensionen sind hervorzuheben. Kunz hat sich mit dem gesamten Spektrum psychoanalytischer Literatur zwischen 1928 und 1976 befasst; durch ihn können manche Aufsätze und Bücher wiederentdeckt oder auch neu entdeckt werden. Zugleich sind viele der wissenschaftlichen Fragestellungen bis heute nicht veraltet. Ihm beim Erörtern und Abwägen gleichsam zuschauen zu können ist ein Privileg und ein Ansporn, kritisch zu denken.

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