Book review

Margot Waddell, Sebastian Kraemer (Herausgeber): The Tavistock Century: 2020 Vision

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.w10025
Publication Date: 15.09.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w10025

Thomas von Salis

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Bicester: Phoenix publishing house; 2021.

406 Seiten.

Preis: 35,99 £.

ISBN: 978-1-9126-9171-5.

Ein lesenswertes Buch über eine grossartige Geschichte: Die (ersten) hundert Jahre Tavistock [1]; herausgegeben von Margot Waddell und Sebastian Kraemer. Insgesamt zähle ich 46 Autor:innen – auch eine Fernseh-Produzentin ist darunter (S. 299) – die kürzere oder längere Berichte über ihre Erfahrungen als Mitarbeiter/in und über die Geschichte der verschiedenen Organisationen geschrieben haben, die die «Tavi» als Institution ausmachen.

Eigentlich sollte man mit dem letzten Kapitel beginnen, dem «Afterword» von Sebastian Kraemer, um einen ersten Überblick zu erhalten.

Im vierten Kapitel präsentieren Michael Rustin und David Armstrong die Forschung an der Tavi, die sie in ihrer besonderen Ideologie, mit ihren Autor:innen und ihren Resultaten schildern [2] (S. 29). Sie betonen die psychoanalytisch-sozialpsychologische Anwendung der Psychoanalyse, zum Beispiel anhand der Arbeiten von Elliott Jaques und Isabel Menzies.

In Kraemers Nachwort finden sich unter anderem interessante Erörterungen über Bowlby. Dazu zählt auch eine Passage über Bowlbys Einstellung zu Bion, über den er sich wenig geäussert hat, den er aber charakterisierte als «a creative man and a charismatic figure who had a significant influence on him (Bowlby) during the war and in his early days at the Tavistock after the war» [3] (S. 334). Bowlby veranlasste Esther Bick, in der Tavistock eine kinderanalytische Ausbildung einzurichten, was sie mit grossem Erfolg in Angriff nahm. Martha Harris folgte ihr nach. Bowlby verstand sich mit Harris besser als mit Bick (siehe das Kapitel von Margaret Rustin über Bowlby an der Tavistock, das auch auf Rustins persönliche Erfahrungen mit Bowlby Bezug nimmt, S. 67 ff).

Mary Lindsay schildert im fünften Kapitel (S. 47–61) ausführlich, wie Robertson und Bowlby gegen den Hospitalismus der von den Müttern getrennten Babys kämpften. Die Anfänge der Baby- und Kleinkinderforschung mit Bowlby und den Robertsons führten nach langen politischen Kämpfen zur Öffnung der Kinderspitäler für die Mütter und Pflegepersonen der Säuglinge und Kleinkinder. Bowlby war als Ausbildner und Forscher sehr prägend. – Das haben wir in Zürich in den 1960-er Jahren theoretisch diskutiert und in den Siebzigern im Kinderspital angewendet. Die Forschungsarbeiten von Marie Meierhofer, die die Spitzschen Arbeiten (und damit implizit diejenigen von Bowlby und Robertson) bestätigten, wurden damals jedenfalls in der Kinderpsychiatrie zur Kenntnis genommen. In der Forschungsabteilung des Burghölzlis waren die Methoden von Spitz methodisch umstritten, woraus abgeleitet wurde, dass er auch in der Sache Unrecht hätte.

Da 1970 schon ein Buch über die ersten 50 Jahre der Tavi erschienen war, konzentrierten die Autor:innen des vorliegenden Werkes sich auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Margot Waddell bezeichnet Jock Sutherland, Wilfred Bion, John Rickman, John Bowlby, Eric Trist «und andere» [4] als Gründungscharaktere des Tavistock-Modells.

Bion war als Neunzehnjähriger Kommandeur eines Tanks im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden. Er arbeitete schon in den dreissiger Jahren bis zu seinem zweiten Kriegseintritt in der Tavi. Sein Einfluss auf den Denkstil, der sich in der Institution verbreitete, war entscheidend. Auch Lewin (Feldtheorie) wirkte auf die Formung der «intellektuellen DNA» der Tavistock ein [5].

Autoritarismus hatte da keinen Platz. Zentral waren die Sozialpsychologie und die Gruppenarbeit, die Aufdeckung des Latenten hatte Vorrang und die Psychoanalyse war im Hintergrund aller therapeutischen und didaktischen Bemühungen und für die Forschung wegleitend. Die verschiedenen spezialisierteren wissenschaftlichen Ansätze konnten sich aufgrund der Vernunft-basierten und sozialen Grundeinstellung in fruchtbarem Dialog untereinander entwickeln. Auch die Systemtheorie fehlt da nicht, besonders im Hinblick auf die Familientherapie (S. 187–195).

Die autoritätskritische Einstellung war zeitgemäss und ist es noch immer, heute noch differenzierter, aber auch weiter verbreitet. Der Aufsatz von Jon Stokes über das Führen (S. 289) gibt dazu interessante Forschungsresultate wieder: zum Beispiel dass man nicht mehr wie früher den Gegner einfach bekämpfen oder ignorieren kann, sondern ihn als zum Kontext gehörig einbeziehen muss, dass Führungspersonen im Glashaus sitzen, dass früher oder später alles herauskommt, besonders das, was man am wenigsten bekannt machen möchte, und dass die Organisationen nicht «eine Kultur» haben, sondern multikulturell zusammengesetzt sind, und dass eine Führungsperson mit ihrer Sichtweise statt der Lösung des Problems selbst das Problem sein kann. Und schon beinahe im Sinne der Pichon-Rivièreschen Operativen Gruppen [6] heisst es: «The leader-centric conception of leadership is misleading and outmoded» (S. 295) [7].

Die vielen Kapitel des Buches sind eine gute Quelle von geschichtlicher und fachspezifischer Information. Auch die Schwierigkeiten, die Institute in der Öffentlichkeit zu platzieren und mit öffentlichen Geldern zu unterhalten, werden dargestellt, allerdings manchmal nur mit dem Hinweis: «hartnäckig gekämpft unter Ausnützung von Beziehungen etc.»

Die Ausbreitung des Wirkungskreises in Europa und Übersee ist eindrücklich. Während die psychoanalytische Ausbildung der Mitarbeiter:innen in der Regel an das Institut für Psychoanalyse (IPA) [8] angebunden war, erfolgte die Weitergabe zur Anwendung des psychoanalytischen Wissens in den Tavistock-Instituten in der täglichen Praxis und zahlreichen Kursen, fast immer im Gruppensetting. Schon 1957 begannen die «Group relations» mit der berühmten Leister Konferenz, die von Erich Trist geleitet wurde.

Ein sehr schönes Kapitel ist das von Dilys Daws (S. 109–117). Sie schildert, wie sie mit Allgemeinpraktikern und Pädiatern Fälle von schreienden Babys mit ihren Familien behandelt hat und dabei den psychoanalytisch noch nicht informierten Kollegen gezeigt hat, wie wichtig es ist, nicht gleich Ratschläge zu erteilen, sondern zuzuhören und nachzuempfinden, was in den Familien mit den «Problemkindern» los ist. Sehr schön beschreibt sie, wie sie Eltern zum Freien Assoziieren bringt, und wie die Spannung in der Familie, die das Baby zum Schreien zwingt, nachlässt, wenn die Eltern für ihre allzu heftigen Gefühle Worte finden und endlich auch selbst wieder schlafen und somit auch träumen können. Wie die anderen Autor:innen des Buches kam auch sie diverse verantwortungsvolle Aufgaben in der Tavi und konnte dort innovativ wirken.

Für die niederschwellige psychoanalytische Beratung Adoleszenter gründete der klinische Psychologe Fred Balfour (s. S. 165–168) – Waddell sagt, Isca Wittenberg, Derek Miller, Elizabeth Hunter und Dugmore Hunter hätten dies getan (S. 170) – einen «Young People's Counselling Service» aufgrund der Vorarbeiten von Moses und Egle Laufer. Diese Einrichtung war Teil der Adoleszenten-Abteilung der Tavistock Klinik. Hier spielte sich ein sozialpsychologisch und sozialpolitisch wichtiger Vorgang ab, nämlich die Aufhebung der hierarchischen Schranken zwischen Alt und Jung und zwischen Arzt und Nichtarzt. Margot Waddell (S. 169 ff.) widmet der Adoleszenten-Abteilung der Tavistock Klinik ein Kapitel.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Tavi mit ihrem klinischen Teil dem National Health Service (NHS) beigesellt. Das Tavistock Institute of Human Relations blieb unabhängig.

Ebenso blieb «Tavistock Relationships» vom NHS unabhängig, eine «Schwester-Organisation» der Klinik. Mit über 700 Publikationen zu «Couple and Family Mental Health» (S. 177) entfaltete diese Abteilung eine weitreichende Wirksamkeit. Enid und Michael Balint gehörten zu den Gründern. In den letzten Jahren waren Chris Clulow und Mary Morgan die Leiter. Andrew Balfour (S. 180) schreibt, dass pro Jahr über 20 000 Sitzungen Psychotherapie, drei psychoanalytische klinische Ausbildungen auf Master-Ebene, eine beliebte jährliche Sommerschule und Lehrveranstaltungen rund um den Globus von Tavistock Relationships durchgeführt werden. Anlässlich des 70. Jubiläums (S. 181) im Jahr 2018 erschienen Bücher von A. Balfour, Clulow & Thompson [9] und Mary Morgan [10].

David Taylors kurzer Bericht über die «Tavistock Adult Depression Study (TADS)», S. 205–208 [11], gibt Einblick in die gross angelegten Forschungsprojekte, die auf der Zusammenarbeit der Tavi mit dem NHS und den Universitäten beruhen.

Seit Richard Hunter [12] mir auf einer Rundfahrt durch London und die dortigen psychiatrischen Einrichtungen (1969) das neue imposante Gebäude der Tavistock gezeigt hat, und ich von Frau Menzies Lyth erstmals den Ausdruck «the Tavi» gehört habe, bin ich vielerorts auf Kolleg:innen gestossen, die in der Tavi gelernt haben. Dieses Buch hat mir nun die Geschichte und die Bedeutung der Tavi, auch die mythische Seite (z.B. die «Operation Phoenix», das neue Leben aus der Asche des Zweiten Weltkriegs) um vieles klarer gemacht.

References

1. https://tavistockandportman.nhs.uk/ (22.08.2021)

2. We shall argue that the Tavistock's invention of institutional, therapeutic, and educational practices should be understood as research of a distinctive and valuable kind. (Wir wollen zeigen, dass die Schaffung institutioneller, therapeutischer und erzieherischer Praxis in der Tavistock als eine besondere und wertvolle Art der Forschung aufzufassen ist. (Übers. TvS)

3. "ein kreativer Mann und eine charismatische Figur mit bedeutendem Einfluss auf ihn (Bowlby) während des Krieges und in seinen frühen Tagen an der Tavistock nach dem Krieg" (Übers. TvS)

4. zum Beispiel könnten damit Balint (Michael und Enid), Esther Bick, Martha Harris, Isabel Menzies-Lyth, Donald Winnicott, James und Joyce Robertson, Michael E. und Margaret J. Rustin, Donald Meltzer, Frances Tustin, etc. gemeint sein.

5. His development of "field theory" provided a crucial theoretical link for the Tavistock between individual and social perspectives (S.19) (Die Entwicklung seiner "Feldtheorie" war ein entscheidendes theoretisches Bindeglied für die Beziehung zwischen individuellen und sozialen Perspektiven in der Tavistock. - Übers. TvS))

6. Enrique Pichon-Rivière wird wegen seiner "teoría del vínculo" (Bindungs- bzw. Beziehungs-Theorie) zitiert (S.185)

7. Die Zentrierung auf den (An-)Führer ist ein irreführendes und überholtes Modell der Führung (Übers. ThvS) – Es gibt überhaupt viele Parallelen zwischen der Tavistock und der argentinischen Pichon-Rivièreschen psychoanalytischen Sozialpsychologie, Die sich im gleichen Zeitraum entwickelte. Es gab auch direkte Kontakte, gegenseitige Besuche, so sind mir z.B. der Aufenthalt Bions in Buenos Aires und Osvaldo Saidons in der Tavistock (Mündliche Mitteilungen von A. Bauleo und Osvaldo Saidon) und ein Ausbildungsaufenthalt von Emilio Rodrigué in England (s. seine Autobiografie: Rodrigué E. (2000) Séparations nécessaires. Mémoires. Payot. (p.67) bekannt.

8. International Psychoanalytic Association

9. Engaging Couples: New Directions in Therapeutic Work with Families 2018. Routledge

10. A Couple State of Mind: Psychoanalysis of Couples and the Tavistock Relationship Model. 2019. Routledge

11. Publiziert von Fonagy et al. 2015 in World Psychiatry, 14: 312-321 mit dem Titel Pragmatic randomized controlled trial of long-term psychoanalytic psychotherapy for treatment-resistant depression: The Tavistock Adult Depression Study (TADS)

12. Richard Alfred Hunter, s. Wikipedia https://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Alfred_Hunter (01.09.2021)

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