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Book review

Lawrence Weschler: «Oliver Sacks» Ein persönliches ­Porträt

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.w10032
Publication Date: 13.04.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w10032

Jürg Kesselring

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Hamburg: Rowohlt Verlag; 2021.

Übersetzt von: Hainer Kober.

480 Seiten.

Preis: 25,00 Euro.

ISBN: 978-3-498-07264-3.

Mit seinen Fallgeschichten hat der britische Neurologe Oliver Sacks, der lange in den USA gelebt und gearbeitet hat, vielen Lesern ein anderes Bild von Krankheit vermittelt als es im «Mainstream» der Schulmedizin üblich ist. Mit Empathie und mit großer Fachkenntnis hat er immer wieder Menschen beschrieben, deren Leben durch schwere Krankheiten oder Einschränkungen geprägt wurde – und die unser Interesse und Mitgefühl verdienen. Mit seinem feinfühligen Werk konnte Sacks das medizinische Schreiben erneuern.

Anerkennung freilich fand er bei Exponenten der modernen Neurologie gar nicht immer, etwa wenn der Chef des renommierten Hospital for Neurology and Neurosurgery Queen Square, London, Professor David Marsden, schreibt: «es ist erstaunlich, dieser Sacks muss Stunden um Stunden mit diesen Patienten verbracht haben; natürlich können wir hart arbeitenden Neurologen nicht so viel Zeit mit unseren Patienten vergeuden; wozu soll das überhaupt gut sein?» (S. 134). Die meisten Neurologen behandelten damals – und behandeln heute – ihre zehn bis zwölf Patienten jeden Tag und lernen sie nie wirklich als Menschen kennen; die Neurologie ist grösstenteils mechanistische, rein körperliche Diagnose, vielleicht Pharmakologie, etwas Therapie (S. 139): … «dass viele Kollegen seine Arbeit nicht für ernsthafte Wissenschaft halten, er sei eher ein ‚Romantiker’, ...».

Schon 1981 beschloss der Journalist Lawrence Weschler, die Biografie von Oliver Sacks zu schreiben, der damals noch weitgehend unbekannt war. Er konnte ihn bei seiner täg­lichen Arbeit als Arzt erleben, begleitete ihn auf Reisen und führte zahlreiche Gespräche mit ihm. Auf dieser Grundlage entstand eine sehr persönliche Biografie aus einer reichen Sammlung von Briefen, Gesprächen und ­Tagebucheinträgen, auch als äusseres Ergebnis einer jahrzehntelange Freundschaft der beiden. 

Als 1974 das später als Meisterwerk anerkannte «Awakenings» erschien, ging es auf dem Buchmarkt fast unter. Wenige nur interessierten sich für diese Art medizinischer Fallgeschichten über das berührende Schicksal einiger Parkinson-Patienten – schon gar nicht die medizinische Fachwelt, der sein literarischer Ansatz suspekt war. Er aber verstand «die postenzephalitischen lebenden Statuen» im Beth Abraham Hospital, dem sogenannten «Heim für Unheilbare» in der Bronx als eine Schatzkammer bemerkenswerter Patienten: «Man hat alle Zeit der Welt und gewinnt Eindruck von ihren Wirklichkeiten und Erfahrungen». Eindrückliches Beispiel, wenn ein Parkinsonpatient quälend langsam auf die Frage schreibt, wie er sich fühle: «Rilke's Panther» – mein Tipp: nachlesen!

Er respektiert Fakten und besitzt die Leidenschaft des Naturwissenschaftlers für Genauigkeit, aber er ist auch fest davon überzeugt, dass Fakten in Geschichten eingebettet und durch sie vervollständigt werden müssen (S. 20). Sacks hat weder eine romantische Beziehung zur Irrationalität, noch betet er die Rationalität an. Er sagt, das Irrationale könne einen Menschen überwältigen – er habe es gesehen und wolle seine Folgen nicht schönreden –, das Rationale müsse in der Persönlichkeit gebändigt sein – sonst zerstöre und zerreisse es uns. Gleichzeitig aber zeige sich bei Personen, die solche irrationalen Feuerstürme überstanden hätten, dank dieser Erfahrung eine grössere menschliche Tiefe, eine grössere Reife des Charakters (S. 21).

«Ich hatte die Nase voll von all dem Wunderglauben, der von Patienten und Ärzten verbreitet wird – leichtgläubigen Patienten und skrupellosen Ärzten» (S. 114). «Ich bin durchaus für Medikation, aber es gibt ein ganzes Universum anderer therapeutischer Möglichkeiten» (S. 132). «Die Therapie (...) bestand nicht wie sonst üblich aus ständig wiederholten Übungen, sondern aus der Einsicht, dass unsere Funktionen in Handeln eingebettet sind und dass dem Handeln ein Sinn zu Grunde liegt: eine Erkundung von Spontaneität, Neigung, Absicht. Mit anderen Worten: man wollte die Menschen nicht dazu bringen, ihre Muskeln zu bewegen, sondern etwas Sinnvolles zu tun» (S. 299).

Sacks ist vielleicht mehr Naturforscher und Literat als Arzt. «Ich habe die Medizin nicht gewählt um … (zu heilen) – Freud spricht von der Heilslüge – und die Tatsache, dass ich mich in dieser Postenzephalitis-Landschaft als Naturforscher fühlte, ermöglichte mir, inmitten grausamen Leidens und unlösbar therapeutischer Dilemmata zu arbeiten» (S. 121). Er entwickelte «ein Gefühl für moralische Komplexität, existenzielle Kompliziertheit und intellektuelle Erregung: verzehrend, atemberaubend, erschreckend, verheissungsvoll und bedrohlich» (S. 122), aber dann sieht man «plötzlich aus all dem Elend jemanden auftauchen, entdeckt plötzlich die Person, die darin gesteckt hat, begierig nach Neuigkeiten, herzlich, sehr menschlich, feinfühlig, liebenswürdig und interessiert, bis oben hin voll mit Erinnerungen, die sich jederzeit äussern konnten» (S. 125).

Ein Teil seiner Schriften ist gekennzeichnet durch eine gewisse Unpersönlichkeit und Kälte des Stils – dieser «fände bei den heutigen schulmedizinischen Neuropsychologen am meisten Anklang» (S. 162). Doch der andere Teil, «der danach strebt, sich von der Herrschaft des Atomistischen, Analytischen, Abstrakten, Mechanischen zu befreien, ist gekennzeichnet durch einen lebendigen Sinn für persönlichen Stil und drückt sich naturgegeben in Form von Geschichten und Biografien aus»... – was bei vielen der konventionellen Kollegen «als unwissenschaftlich und etwas peinlich» angesehen wird (S. 162).

Kapitel 19 bringt einen Exkurs über die Frage der Verlässlichkeit und die Natur der romantischen Naturwissenschaft. Es gab und gibt den beständigen Verdacht, dass Oliver Sacks sich manchmal Dinge ausdachte, sie übertrieb, sie ins Phantastische übersteigerte. Seine ungewöhnlich ausführlichen Notizen dienten vielleicht auch dazu, um seine Prosopagnosie zu kompensieren. «Die meisten Neurologen sind so auf ihre Checklisten und ihre 15-Minuten-Runden fixiert, die ihnen von Medicare vorgeschrieben werden, dass sie alles übersehen» (S. 436). Jonathan Miller, der gute Freund, Neurologe und bekannte Regisseur sagt dazu (S. 437): «Er ist unzuverlässig nur in dem Sinn, dass es schwierig war, seine Arbeit in den heutigen Wissensstand der Neurologie einzuordnen. Andererseits beeinflusste und berücksichtigte er einige Aspekte der klassischen Neurologie, welche die moderne reduktionistische Neurologie vernachlässigt hat; diese ­eigenartige Unendlichkeit, die in jedem Individuum wohnt, aber von der Mainstream-Neurologie nicht zur Kenntnis genommen wird. Seine Methoden mögen sicherlich den Regeln der gängigen positivistischen Naturwissenschaft zuwiderlaufen, die ja darauf beharrt, dass nur akzeptiert wird, was man messen und quantifizieren kann. Ollie interessiert sich aber genau um die Dinge, die man nicht quantifizieren kann, etwa die Tiefe einer Erfahrung. ‚Obwohl Leute immer von Personalcomputern sprechen: das einzige, das man nicht mit ihnen bewerkstelligen kann, ist: eine persönliche Verbindung herzustellen‛ (S. 438)». «Die Narrative werden Bestandteile der Therapie selbst, sie tragen dazu bei, ein Es in ein Ich zu verwandeln oder vielleicht aus einem Patienten (einem Objekt) einen Akteur (ein Subjekt) zu machen (S. 444)». «Die entscheidende Basis dieses ganzen Prozesses war nichts weniger als die Liebe».

In dieser ausführlichen Biografie, die sich aus den zahlreichen Notizen von Begegnungen und Diskussionen über Jahrzehnte zusammensetzt, finden sich auch zahlreiche Hinweise auf prägende Einflüsse auf Oliver Sacks, etwa aus der Kindheit: «Was war mit diesen Eltern? Was taten die?»; «Nun ja, als Kind glaubte ich, sie seien vor allem damit beschäftigt, mich allein zu lassen» (S. 46) … «Ein hübscher Junge, ein Engel mit tief braunen Augen, ausserordentlich feinfühlig und offen. Er war ein schrecklich einsames Kind – völlig sich selbst überlassen»; oder aus persönlichem Erleben mit seinen Gewichtheberekorden, den wilden Motorradtouren, vorübergehend dem «selbstzerstörerischen Suchtverhalten», dem Ringen um Identitätsfindung, der Suche nach Anerkennung: «eine wachsende Verzweiflung über die Aussicht», dass er «keine wirkliche Anerkennung aus medizinischen Kreisen erwarten dürfe, besonders von den verknöcherten neurologischen nicht, zu denen ich gehöre». Er gab aber trotzdem der Hoffnung Ausdruck, «dass es vielleicht eine Menge wirklicher, lebendiger Menschen ausserhalb der Medizin gibt, die mir zuhören, mit denen sich das Vergnügen, die Notwendigkeit eines echten Gesprächs ergibt, das Doktor Johnson als ‚Gedankenstrom‛ bezeichnet hat» (S. 156). 1991 erhielt er dann allerdings von der American Academy of Neurology auf der Jahresversammlung in Boston vor 4000 seiner Kollegen eine Auszeichnung des Präsidenten. 

Ein Schlussatz in dieser lesenswerten Biografie – eine SMS von Sacks‘ Patentochter Sara nach seinem Tod an ihren Vater, den langjährigen Freund und Autor dieses kenntnisreichen und gefühlvoll geschriebenen Buches – ist für uns alle bedenkenswert: «Wir sollten beschliessen, unseren Tod zu verdienen, indem wir uns mit Leidenschaft dem Rätsel des Lebens stellen» (S. 464).

Referenzen

1 Sacks O. Migraine. Los Angeles: University of California Press; 1970.

2 Sacks O. Awakenings. London, England: Duckworth; 1973.

3 Sacks O. A Leg to Stand on. New York, NY: Summit Books; 1984.

4 Sacks O. The Man Who Mistook His Wife for a Hat. New York, NY: Summit Books; 1985.

5 Sacks O. Seeing Voices: A Journey Into the World of the Deaf. Berkeley: University of California Press; 1989.

6 Sacks O. An Anthropologist on Mars. New York, NY: Alfred A Knopf; 1995.

7 Sacks O. The Island of the Colorblind. New York, NY: Alfred A Knopf; 1997.

8 Sacks O. Uncle Tungsten: Memories of a Chemical Boyhood. New York, NY: Alfred A Knopf; 2001.

9 Sacks O. Oaxaca Journal. New York, NY: Knopf Doubleday Publishing Group; 2002.

10 Sacks O. Musicophilia: Tales of Music and the Brain. New York, NY: Alfred A Knopf; 2007.

11 Sacks O. The Mind’s Eye. New York, NY: Alfred A Knopf; 2010.

12 Sacks O. Hallucinations. New York, NY: Alfred A Knopf; 2012.

13 Sacks O. On the Move: A Life. New York, NY: Alfred A Knopf; 2015.

14 Sacks O. My own life: Oliver Sacks on learning he has terminal cancer. The New York Times. February 19, 2015:A25.

15 Sacks O. The catastrophe: Spalding Gray’s brain injury. The New Yorker. April 27, 2015:26-30.

16 Sacks O. Filter fish: at life’s end, rediscovering the joys of a childhood favorite. The New Yorker. September 14, 2015:40.

17 Urge SO. New York Rev Books. September 14, 2015.

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