Book review

Thomas Fuchs: Randzonen der Erfahrung. Beiträge zur phänomenologischen Psychopathologie

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.w10036
Publication Date: 17.08.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w10036

Daniel Sollberger

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Freiburg i.B.: Verlag Karl Alber; 2020.

Schriftenreihe der DGAP, Band 9.

400 Seiten.

Preis: 29,00 Euro.

ISBN: 978-3-495-49101-0.

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Bei der anzuzeigenden Publikation von Thomas Fuchs, Inhaber der Karl Jaspers-Professur in Heidelberg, handelt es sich im Wortsinn um eine Anthologie, zu Deutsch «Blütenlese». Der Autor hat die «Blüten», die er in den letzten beiden Jahrzehnten zu zentralen Themen einer phänomenologischen Psychopathologie als verstreute Aufsätze veröffentlicht hat, zu einem überaus lesenswerten Buch mit bewundernswerter Konsistenz versammelt. Daraus ist ein Werk entstanden, das sich liest, als wäre es aus einem Guss geschrieben worden.

Wie der Autor in Bezug auf den Titel ausführt, basieren die phänomenologischen Forschungen und Argumentationen in den einzelnen Kapiteln auf zwei Grundannahmen: Zum einen, dass psychisches Kranksein nicht «von aussen» über Menschen hereinbricht, sondern gewissermassen eine anthropologische Konstitution und Möglichkeit des Menschen betrifft und also von den «Randzonen und Ausnahmeerfahrungen» ein Verständnis für das Wesen des Menschseins gewonnen werden kann. Mit dem «Rand» ist also keine Marginalisierung angezeigt, sondern im Gegenteil wird der Blick auf den Kern gelenkt. Zum anderen impliziert diese Annahme zugleich, dass nicht nur Kranken, sondern auch Gesunden – und damit auch allen, die professionellerweise mit Patient:innen zu tun haben – psychisches Kranksein nicht gänzlich fremd ist. Vielmehr ist dieses Fremde in uns allen und bildet als «das Andere unserer selbst» Grundlage für eine «emphatische Solidarität».

In der Tradition einer verstehenden Psychopathologie nach Jaspers, einer transzendentalen Phänomenologie Husserls, der Fundamentalontologie Heideggers und der Leibphänomenologie Merleau-Pontys bis hin zu modernen Ansätzen einer Phänomenologie des Selbst und der Intersubjektivität entwickelt und konkretisiert Fuchs zentrale Kategorien der phänomenologischen Psychopathologie und damit der menschlichen Erfahrung: Leiblichkeit, Räumlichkeit und Zeitlichkeit, Intentionalität, Selbsterleben und Intersubjektivität. Vor diesem Hintergrund werden die spezifischen Psychopathologien in einer genuinen und überaus nachvollziehbaren Form dargestellt – etwa die der Depression mit der typischen Veränderung des subjektiven Zeiterlebens, der Schizophrenie als einer Störung des Selbst, der Borderline-Störung mit Fragmentierung einer narrativen Identität, aber auch der Demenz mit Betonung eines Erhalts einer personalen Identität auf der Basis eines Leibgedächtnisses und schliesslich auch des Wahns oder des Autismus mit Fokus auf die Störung der Intersubjektivität. Mit seinem phänomenologischen Blick auf die unterschiedlichen Ausprägungen psychischen Krankseins vermag der Autor auch erfahrenen Psychiater:innen, Psychopatholog:innen und Psychotherapeut:innen erlebensnahe Verständnisweisen für psychische Ausnahmezustände zu eröffnen, wie sie im aktuellen psychiatrischen Diskurs viel zu kurz kommen und ihresgleichen suchen.

Interessant und vielversprechend im Blick auf einen therapeutischen Gewinn ist die in der Literatur verschiedentlich angestossene Diskussion zwischen Phänomenologie und Psychoanalyse. Im Schlusskapitel des Buches skizziert Fuchs, wie eine Psychotherapie auf der Basis phänomenologischer Analysen aussehen könnte und schlägt Verbindungen zu modernen Strömungen der Psychoanalyse, die die zwischenleiblichen Prozesse im Blick haben. Während die phänomenologischen Untersuchungen des Autors zur Seinsweise und der Struktur der (Ausnahme-)Erfahrung, aber auch seine positivismuskritischen Überlegungen zu verschiedenen Ansätzen einer Diagnostik psychischer Krankheit, philosophisch-erhellenden Tiefgang haben, bleibt die Skizze der daraus resultierenden psychotherapeutischen Ansätze insgesamt etwas blass. Gerade angesichts der breiten und traditionsgeladenen psychoanalytischen Diskussion um Verstehen und Therapie ergibt sich hier für weitere Arbeiten das Desiderat einer Vertiefung des gemeinsamen Diskurses – zum Beispiel in der Verständigung über einen differenzierten Begriff des Unbewussten und über dessen therapeutische Handhabung.

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