Book review

Marina D’Angelo: «So will ich mir entfliehen». Sigmund Freuds Italienreisen

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.w10038
Publication Date: 15.09.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w10038

Thomas von Salis

Please find the affiliations for this article in the PDF.

Giessen: Psychosozial-Verlag; 2020.

Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

333 Seiten.

Preis: 6,90 Euro.

ISBN-13: 978-3-8379-2984-3.

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Marina D'Angelo macht die faszinierende Art der Freudschen Reisebeschreibung (zu finden in Buchpublikationen, Tagebuchnotizen, Postkarten, Briefen etc.) zum Thema dieser ersten umfassenden Studie seiner insgesamt 25 Italienreisen von 1895 bis 1923.

D'Angelo erschliesst uns mit der auf ihrer Dissertation basierenden Arbeit Freuds Reiseeindrücke und ihren Kontext aus psychoanalytischer und literarischer Sicht. Sie tut das methodisch stringent und aufwendig. Ihr Vater habe den Ausdruck «Penelopes Tuch» verwendet. Fichtner und Hirschmüller leisteten sozusagen Patendienste; sie gaben ihr die Notizbüchlein. Wertheimer war ihr Doktorvater. Hirschmüller ergänzte ihn, sodass eine Synthese von Literaturwissenschaft und Psychoanalyse gelingen konnte (S. 332). Das erwähne ich hier, um in der Leserin und dem Leser Verständnis zu wecken für die schiere Menge von Stoff, manche Wiederholungen und Ausführungen, die vielleicht für einen psychoanalytisch kundigen Leser nicht nötig wären.

Der Fleiss der Autorin hat sich gelohnt. Das Einleitungskapitel erklärt den Gegenstand dieser Recherche. Man lernt darin (und im ganzen Buch) vieles über die schon bestehende Literatur, aber auch über Geschichte – es ist ja auch ein Geschichten- und Geschichtsbuch. Das Italien Freuds vor dem Ersten Weltkrieg – und auch danach – war nicht dasjenige, das wir heute kennen. Die Vergleiche mit Goethes Italienreisen (eingestreut in verschiedenen Kapiteln) erwecken in der Leserin und dem Leser wohl gelegentlich den Wunsch, eine Zeitreise nach damals machen zu können, als die Landschaften noch nicht von den Produkten der industriellen Zivilisation überdeckt waren.

Die Reisen wirkten sich auf die Entstehung der Psychoanalyse aus: Belege dafür sind die 17 «italienischen» Träume der Traumdeutung, Analysen von Fehlleistungen, das oft wiederkehrende Motiv der Archäologie als Modell für die Psychoanalyse, Rom und Pompeji als plastische Darstellung des Unbewussten, die Essays der angewandten Psychoanalyse über «Leonardo» und den «Moses» des Michelangelo bis zum Essay über das «Unheimliche». In letzterem berichtet Freud, wie er beim Umherirren in einer italienischen Stadt dreimal hintereinander unfreiwillig ins Rotlichtviertel geriet. Auch im vorliegenden Text stösst man auf Fehlleistungen, zum Beispiel auf Seite 277 gleich zwei Mal «Watkiss» statt Watkins. Dass es Watkins heissen sollte, sieht man im Anhang auf der Reproduktion des Freudschen Notizbuchs, S. 308.

Im grossen dokumentarischen Anhang gibt es eine Übersicht der «italienischen» Träume in der «Traumdeutung» und anderen Texten Freuds.

Da und dort konnte die Autorin die Freud-Biografie von Jones korrigieren, zum Beispiel den Lavarone-Aufenthalt mit der Familie, wo Freud an der «Gradiva» schrieb (S. 184 ff.). Sie meint, er habe die «Gradiva» während des Badeaufenthaltes in Viareggio (siehe unten) zu Ende geschrieben. Dass Jung den Hinweis auf die Novelle gegeben hätte, wird hier widerlegt (S. 189). Sie stamme wohl eher aus dem «Kreise von Männern» der Mittwochsgesellschaft. Der literaturhistorische Exkurs (S. 190) regt zu Lektüren an, die sich nicht mit Goethes «Italienischer Reise» begnügen, sondern bis zu Madame de Staëls «Corinne ou l'Italie» und Leopardis «Ginster» reichen – und einigen mehr.

D'Angelo zeigt auf, wie Michelangelos Moses-Statue in San Pietro in Vincoli Freud faszinierte und wie unglaublich viel Zeit und Arbeit er über die Jahre hin auf ihre Deutung verwendet hat (S. 267–279). Dabei ist sein Vorgehen nach wie vor bewundernswert, seine Deutung wurde jedoch durch neuere Arbeiten, für die exemplarisch diejenige von Grubrich-Simitis (2004) steht, überholt.

Das Buch zeigt einmal mehr, dass Freuds Leben bis in die kleinsten Einzelheiten erforscht wird. D'Angelo kann stolz auf ihre Entdeckung verweisen, dass Freud Badeferien in Viareggio gemacht hat (S. 194 f.). Ob er aber auf der Heimreise sich am Gardasee mit der Familie vereinigt oder den direkten Weg nach Wien eingeschlagen hat (S. 194–199), bleibt der Forschung bis heute verborgen – wie schwerwiegend diese Lücke in der Freudforschung sein mag, steht dahin.

Und was für Perlen findet man beim Durchstreifen zum Beispiel der Tabellen im Anhang: So stiess ich auf den Furunkel-induzierten «Traum vom Reiten» (GW II/III S. 235 ff), wo der Ausdruck «gen Italien = Genitalien» vorkommt. Es handelt sich bei diesem Buch wirklich um ein Opus Magnum, Frucht von Wechselfällen in einer Karriere, die mit Verzichten (psychoanalytische Laufbahn) und Gewinnen (Dissertation und Publikation) einhergegangen ist (S. 332).

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