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Editorial

Es ist wieder erlaubt, zu erzählen!

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.w10090
Publication Date: 13.04.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w10090

Jürg Kesselring

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«Narrativ» ist eines der zunehmend öfter gebrauchten Modewörter unserer Zeit und findet entsprechend ­allmählich auch Eingang in die wissenschaftliche ­Literatur. Als ob den riesigen, z.T. auch schon fast unüberschaubaren Zahlenansammlungen in hard-core-Texten, die nur als wissenschaftlich gelten, wenn N = gross-sehr gross und gleichzeitig p<<< ist, etwas Gemütvolleres entgegengehalten werden dürfte.

Virginie Oberholzer erlaubt sich (und uns) einen «first person account» mit «Marlowe, la mort et moi… et les vers de Brautigan»: Sie beschreibt Erinnerungen an die harzige Aufzucht, dann aber herzige Zuneigung zum Welpen Marlowe, die sich immer mehr als Heilmittel gegen die aufkommenden existentiellen Zweifel im Gefolge einer «nicht ideal» (to say the least) übermittelten Diagnose einer schweren Erkrankung vor Jahren erweisen. Beschrieben, geradezu hingetupft in leichter und tief poetischer Sprache, mit der Entschuldigung, eigentlich in der künstlichen Intelligenz zu Hause zu sein, illustriert sie ihren Text mit kurzen Passagen aus ergreifenden Gedichten des frühere Hippie-Poeten ­Richard Brautingan, dessen Bücher in unserer Studentenzeit fast schon Kult waren. Wer hat noch/nimmt sich noch Zeit, Poetisches zu lesen? Hier lohnt es sich!

Auch die Erinnerungen an Oliver Sacks von André ­Métraux im Gespräch mit Stefan Frisch stehen «Im Sog der Erzählung»: das Interview zeigt, wie der populäre Neurologe in den deutschen Sprachraum gelangte, wo er dann auch auflagenstark vermarktet, über Filme zusätzlich bekannt geworden war, in akademischen Kreisen aber nicht so Fuss fassen konnte, wie er sich dies gewünscht hatte – siehe auch die Buchbesprechung in diesem Heft. Seine grosse Leistung war wohl, dass er ausgehend von Einzelfällen seiner sorgfältig beobachteten und untersuchten Patient*innen und in solider Kenntnis weitreichender neurologischer, medizinhistorischer, aber auch philosophischer Literatur Gültiges zur conditio humanadarstellen konnte. Ob vielleicht gelegentlich auch eine Spur Fiktionales Eingang in sein ungestümes, aber so klares Schreiben gefunden hat, sei dahingestellt.

Eine sorgfältige Darstellung von Narrativem gelingt Rahel Kleiner, Henrike Wiemer, Anke Maatz aus der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in ihrem Originalartikel: «Towards a systematic description of distance in autobiographical narratives of mental illness». Sie untersuchen die Beziehung zwischen Distanz und psychischer Gesundheit sowie die Rolle der Distanz in der Psychotherapie in fünf offenen narrativen Interviews mit Personen mit psychotischen oder depressiven Krankheitserfahrungen. Distanzkriterien werden systematisch codiert. Als übergeordnete Interpretationskategorien kristallisierten sich «Losgelöstheit», «Ausgewogene Oszillation» und «Immersion» heraus. Es zeigen sich Zusammenhänge zwischen Distanzierung und Bewältigung, was als Implikation für die Psychotherapie relevant ist. Kurz zusammengefasst: «Wer mir zu nahekommt, geht zu weit».

Einen wichtigen Beitrag zur verzweifelten Situation schwer behandelbarer und therapieresistenter Depression liefern Maxim Zavorotnyy, Annette Brühl, Wolfram Kawohl, und Erich Seifritz aus verschiedenen Schweizerischen Psychiatrischen Kliniken in ihrem ausführlichen und klaren Beitrag zu den dann doch noch vorhandenen Behandlungsoptionen. Es wird ein multidimensionaler Ansatz und ein breites Spektrum an therapeutischen Optionen vorgestellt: Elektrokrampftherapie, wiederholte transkranielle Magnetstimulation und Ketamin. Die Kosten für diese Behandlungen werden jedoch derzeit nicht vollständig vom Schweizer Krankenversicherungssystem übernommen, weshalb viele Patienten diese wirksamen Therapien nicht erhalten können. Entsprechende Revisionen und Anpassungen werden zu Recht verlangt in Anbetracht der enormen persönlichen und wirtschaftlichen Belastung dieser Krankheiten für die Einzelnen und für die Gesellschaft.

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