Psychiatry in graphical art

"Meine Jacke" von Agnes Emma Richter

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2022.w10104
Publication Date: 16.06.2022
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2022;173:w10104

Sollberger Daniel

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Wie in einem früheren Text anhand der Arbeiten von Emma Hauck beschrieben [1], ist in vielen Arbeiten von an einer Psychose erkrankten Künstlerinnen und Künstlern der Einsatz der Schrift von zentraler Bedeutung. Dabei ist die Schrift sowohl in der Funktion einer ornamentalen Bildstrukturierung zu erkennen, welche gewissermassen einer Fragmentierung, Dekomposition, Dysproportion und Desintegration entgegenwirkt, als auch in der polar entgegengesetzten Funktion einer nicht zu gängelnden, energievoll-drängenden, primärprozesshaft wirkenden Ausdrucksnotwendigkeit.

Einer ähnlichen Lesart, wie bezüglich der Arbeiten von Emma Hauck ausgeführt, könnte man die selbstgenähte und mit zum Teil autobiographischen Schriftzügen bestickte Jacke von Agnes Emma Richter unterziehen. A. E. Richter, 1844 geboren, wie Emma Hauck auch als Schneiderin tätig, wurde 1893 mit 49 Jahren nach mehrfachem Kontaktieren der Polizei, in der Angst beraubt zu werden, und aufgrund eines auffälligen Verhaltens gegenüber den Nachbarn schliesslich zwangsweise in eine psychiatrische Anstalt in Dresden eingewiesen und anschliessend in das Asyl von Hubertusburg (ein zur psychiatrischen Klinik umgebautes Schloss) bei Dresden überwiesen, wo sie unter der Diagnose einer Paranoia 25 Jahres ihres Lebens bis zu ihrem Tod verbrachte.

Mit 51 Jahren hatte sie ihr Hauptwerkt, das aus der Anstaltskleidung genähte und mit farbigem Garn bestickte Jäckchen, kreiert, welches von Hans Prinzhorn in seine Sammlung aufgenommen wurde und sich seither in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg befindet.

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Abbildung 1

Selbstgenähtes, mit biografischen und anderen Texten besticktes Jäckchen, undatiert. Garn auf grauem und braunem Anstaltsleinen, Rückenlänge 36,5 cm. Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg, Inv. Nr. 743.

Die Schrift ist hier von Richter auf die selbstgenähte Kleidung gestickt, ihr eingenäht bzw. «eingeschrieben». Sie umhüllt gewissermassen die Hülle des Körpers. Mit den häufigen Verwendungen von „Ich“ und dem Possessivpronomen „mein“, also z.B. „Meine Jacke ist“, „mein Kleid“ oder „1894 Ich bin / Ich heute Fräulein“, die insbesondere auf den Ärmeln gut zu lesen sind, so deutet Viola Michely im Homepage-Text zur Abbildung [2], schreibt bzw. stickt Agnes Richter gegen die entmündigende Umgebung der Anstaltspsychiatrie an, in welcher sie ihrer Individualität, ihrer Privatheit und Intimsphäre beraubt zu werden droht. In solcher Lesart stehen das Schreiben und die Schrift im Dienst eines Erhalts von Individualität und Authentizität. Die in weiblicher Handarbeitstechnik gestickte Schrift zeugt von der Selbstvergewisserung der Herstellerin der Jacke, stützt die Trägerin in ihrer individuellen Identität bzw. schützt sie vor deren Verlust. Die Jackenteile sind allerdings mehrheitlich so zusammengenäht, dass nicht die Oberseite der gestickten Schriftzüge, sondern deren Unterseite nach aussen gekehrt ist. Michely deutet dies als Hinweis darauf, dass die Patientin ihr Schreiben nicht demonstrativ zur Schau stellen, sondern vielmehr als stille Selbstvergewisserung nah auf ihrem Körper tragen wolle. 

Gisela Steinlechner [3] macht dagegen in einer interessanten, von ihr nicht weiter ausgeführten Überlegung darauf aufmerksam, dass mit dieser Umkehrung am Rücken- und Brustteil der Jacke die normalerweise verdeckte Rückseite der Stickereien gezeigt wird, also gewissermassen das Negativ der repräsentativen Schauseite, der lesbaren Schrift, nämlich die Fadenenden und –verknotungen. Sichtbar wird damit „die Rückseite eines Zusammenhangs, den wir nur imaginieren, erahnen können“ (ebda.). Dies, so meint sie, könne vielleicht „als Modell für einen möglichen Zugang zu solchen verdichteten Text-Bild-Gestaltungen herangezogen werden“ (ebda.). Die Künstlerin zeigt also gewissermassen die Kehrseite des Sinn vermittelnden Mediums, der Schrift. So dass sich der Sinn oder das verstehbare Bild, die Schrift als Medium der Sinnvermittlung einer andern hieroglyphenähnlichen „Schrift“, Repräsentans des Nicht-Lesbaren, des nur vielleicht Entzifferbaren, des Hintersinns oder Un-Sinns verdankt. Genauer noch bezogen auf den Inhalt des Geschriebenen zeigt die Künstlerin uns die Kehrseite dessen, was es erlaubt, Ich zu sagen, etwas als meines zu empfinden und als meines zu behaupten, d.h. eine Meinigkeit und eine Agency, eine Identität zu haben und sich ihr zu vergewissern im Widerstand gegen eine ent-individualisierende psychiatrische Behandlung. Es sind Fadenenden, Fadenverknotungen, ornamentähnliche Muster, eine Schrift, die in ihrer nicht direkten Lesbarkeit als Negativ der Vorderseite für sich steht bzw. auf sich als Rückseite oder Kehrseite des Sinns verweist. Letztlich aber zeugt sie ebenso vom Leid, der hinter dem Versuch steht, eine individuelle, authentische Subjektivität in einer depersonalisierenden Psychiatrie aufrecht zu erhalten. 

So kann die selbst genähte Jacke mit der bestickten Schrift bei Agnes Richter wie bei Emma Hauck als Botschaft einer verletzlichen Subjektivität gedeutet werden, die sich bei Agnes Richter von der Kehrseite eines authentischen Ich berichtet, von dessen Fadenenden, Verknotungen, Unter- und Rückseite, welche sowohl auf die Realität eines Anstaltsalltags hinweist (z.B. mit der ihr zugeordneten, nicht nur gestempelten, sondern von Richter selbst auch mehrfach aufgestickten Anstaltsnummer 583) wie auch auf einen, einem offenbaren Sinn zugrundeliegenden Hinter-, Nicht- oder verborgenen und zu schützenden Sinn subjektiven Selbsterlebens.

Correspondence

Psychiatrie Baselland (PBL)

Bienentalstrasse 7

4410 Liestal

daniel.sollberger[at]pbl.ch

1. Sollberger DB. Psychiatrie und Art brut. Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2021;172:w03207.

2. http://prinzhorn.ukl-hd.de/index.php?id=63&L=de [11.05.22]

3. Sprachnotwendigkeiten SG. In: Fuchs Th. et al. WahnWeltBild. Die Sammlung Prinzhorn. Berlin: Springer, 2002, 174.

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