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Book review

Paul Ricoeur: Über Psychoanalyse

Joachim Küchenhoff

DOI: 10.4414/sanp.2017.00435
Publication Date: 15.02.2017
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(02):0

Paul Ricœur:

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Über Psychoanalyse, Psychosozial-Verlag 2016

Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

Giessen: Psychosozial-Verlag, 2016.

321 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm.

ISBN-13: 978-3-8379-2394-0.

Vor acht Jahren ist der erste Band der ­Schriften und Vorträge von Paul Ricœur in Frankreich erschienen. Er wurde aus den Archiven erstellt und nach dem Tod des grossen Reli­gionsphilo­sophen, Hermeneutikers und Erzähltheoretikers veröffentlicht. Der immer engagierte Psychosozial-Verlag hat nun eine Übersetzung ins Deutsche erwirkt, die Ellen Reinke souverän geleistet hat.

Alle Texte, die ausgewählt worden sind, widmen sich der Psychoanalyse. Wir erinnern uns, dass Ricœur mit seinem 1965 erschie­nenen grossen Werk «Die Interpretation. Ein Versuch über Freud» eine philosophische ­Rekonstruktion des Freud’schen Werkes vorgelegt hat, in dem er die Psychoanalyse als die Wissenschaft von der Kraft auf der Suche nach dem Sinn verstanden hat, sodass er die Psychoanalyse als Hermeneutik des Sinns menschlicher Erfahrungen mit der Ökonomik der Triebe verbunden hat. Einige Gedanken finden sich in den neu aufgelegten Aufsätzen wieder, etwa im Kapitel «Psychoanalyse und Hermeneutik». Dort heisst es (Seite 81): «Die (psychoanalytische) Theorie muss die Psyche zugleich als einen zu interpretie­renden Text wie als ein System von zu ­hand­habenden Kräften repräsentieren». Wer ­Interesse an der Verbindung zwischen Psychoanalyse und Philosophie hat, aber die lange Lektüre des grossen Werkes scheut, ist mit den griffigen einzelnen Artikeln dieses Bandes bestens bedient.

Aber der Lektüregewinn geht weit darüber ­hinaus. Ausgesprochen aktuell erscheint die Diskussion um die Bedeutung des Bildes in der psychoanalytischen Theorie. In einem 1978 erstveröffentlichten Beitrag beklagt Ricœur das Fehlen einer Bildtheorie. Er, der als Hermeneutiker und Erzähltheoretiker vor allem an der verbalen Sprache interessiert ist, will das Bild einbeziehen, nicht nur als ­Abbild, sondern als Sinnträger in einer er­weiterten Zeichenlehre (Semiotik). Ihm geht es um «eine Ausweitung der semiotischen Sphäre – bis in den dunklen vorsprachlichen Grenzbereich der stummen Wünsche hinein» (Seite 89). In der Zwischenzeit verfügen wir über differenzierte Bildtheorien, die zeigen, wie modern Ricœurs vor fast 40 Jahren ­niedergelegte Gedanken bleiben. Angesichts mancher Konzepte, die noch heute nur die ­Alternative zwischen sprachlichen Zeichen und Desymbolisierung kennen, bleibt die ­Integration bildhafter Vorstellungen in den Bereich des sinnhaften Ausdrucks unvermindert wichtig.

Als Religionsphilosoph ist Ricœur natürlich an Fragen von Religion und Moral interessiert. So wendet er sich in einem Aufsatz dem Verhältnis von «Psychoanalyse und ­Moral» zu und bestimmt es auf spannende Weise neu. Die Psychoanalyse hat keine ­eigene Ethik zu bieten. Sie hinterfragt Vorschriften, aber erlässt keine neu. Sie recht­fertigt sie auch nicht, aber überprüft und ­hinterfragt sie. Ihr ein­ziger ethischer Wert ist die Wahrhaftigkeit, die aus der Selbstverkennung heraus zur ­Anerkennung des eigenen Selbst und zur ­Festigung der eigenen Identität führt.

Wie sich menschliche Identität konstituiert, das ist ein zentrales Anliegen, das den Er­zähltheoretiker Ricœur umtreibt. Er sieht die Identität als narrativ gebildete an, in sie ­fliessen der Bezug auf Dokumente, also die Faktizität der Lebensereignisse, ebenso ein wie die Phantasien.

Psychoanalyse – das ist die wissenschafts­theoretische Kritik Ricœurs – bringt ihre ­eigene Praxis theoretisch nicht genügend auf den Begriff; sie geht in der Theorie viel zu ­wenig von narrativen Kompetenzen aus, die sie in der Praxis aber wiederherstellt. Therapie vervollständigt die Möglichkeiten der Selbsterzählung. Und sie ist nie solipsistisch: Jede Erzählung richtet sich an den anderen. Ricoeur wünscht sich eine psychoanalytische Theorie, die die narrative Identität als the­rapeutisches Ziel einschliesst. Was ihm weiterhin fehlt, das ist der Zukunftsbezug in der Psychoanalyse. Jede Erzählung hat einen Erwartungshorizont, in den hinein sie sich ­entwirft. Das gilt auch von der grossen ­Er­zählung, die das Leben jedes Menschen ­bestimmt.

Die Lektüre des Buches ist ein Genuss und der liegt begründet ebenso in der klaren ­Argumentationsweise des Philosophen wie auch der luziden Sprache der Übersetzerin. Allen, die sich für die philosophische Grundlegung der Psychoanalyse interessieren, aber auch denjenigen, die in griffiger Form einen Einblick ins Werk eines der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts erhalten möchten, sei das Buch wärmstens empfohlen.

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