Editorial

100 Jahre SANP

Von Monakows Lehre im heutigen Kontext

Andreas Steck

DOI: 10.4414/sanp.2017.00456
Publication Date: 15.02.2017
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(02):0

Von Monakow war stets bestrebt, die naturwissenschaftliche mit der seelischen Ebene in der Hirn­forschung zu verbinden; in diesem Sinne sind die ­beiden Artikel über Biologie und Psychiatrie zu ­interpretieren. Wie können wir als Neurologe oder Psych­iaterin seine Texte von 1919 [1, 2] im 21. Jahrhundert lesen und zu verstehen ­versuchen [3]?

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Abbildung 1: Constantin von Monakow.

Von Monakow führt den Begriff der Horme ein, die er als «Mutter der Urgefühle und Basis des seelischen Lebens» beschreibt. «In der Horme (altgriechisch ὁρμη') erblicke ich die Urgenesis, das sich fortgesetzt ent­zündende und latent glimmende Feuer jedes Lebens» ([1], S. 19). Es handelt sich für von Monakow um ­Ur­instinkte, die das individuelle und kollektive ­Leben bis in die entfernteste Zukunft sichern, d.h. um den ­Erhaltungstrieb, was Freuds Libido-Begriff teilweise ­entspricht. Die grosse Bedeutung der Gefühlswelt wurde in der modernen Hirnforschung wieder entdeckt und es wird heute argumentiert, dass Gehirnfunktionen nur verstanden werden können, wenn die Emotionen mit einbezogen werden.

Von Monakow braucht die Begriffe Klisis (griechisch κλίσις) und Ekklisis (ἔκκλισις) für die Übertragung von lust- oder unlustbetonten Gefühlsqualitäten in ­Bezug auf ein infolge der Instinkte gesuchtes und gefundenes Triebobjekt. Gefühlsregungen vom rein «Somatischen» bis zum «Somatisch-Psychischen» sind schon beim Kind in allen «Abstufungen vertreten: die Qual, die Pein, der Drang nach Befreiung und ­Erlösung von Schädlichkeiten» ([2], S. 237). Für von ­Monakow ist die Gefühlswelt des Erwachsenen nur eine «auserlesene Wiederholung (…) der in früher ­Kinderzeit erworbenen mannigfachsten Gefühle» ([1], S. 32). Dies entspricht Freuds Aussage: «das Kind ist der Vater des Mannes» ([4], S. 412). Mit diesem Satz hebt Freud hervor, «von welch ausserordentlichen ­Bedeutung für die ganz spätere Richtung eines Menschen die Eindrücke seiner Kindheit, ganz besonders aber seine ersten Kindheitsjahre sind» [4, S. 412], eine Darstellung, deren essentielle ­Bedeutung in der heu­tigen psychoanalytischen Psychotherapie weiterhin gültig ist und sich immer ­wieder neu bestätigt.

Die «individuellen Horme» werden durch die Wech­selbeziehungen des Individuums mit der Aussenwelt schrittweise differenziert. Erst von einer bestimmten Entwicklungsstufe an «(etwa vom vierten Monat des Kindes) überschreitet der Reizerfolg im statu nascen­di hin und wieder die Schwelle des Bewusstseins» ([1], S. 26). Der Säugling setzt sich «stürmisch, mit kräftigem Affekt mit der Aussenwelt in Verbindung (‹Eroberung› der Mutterbrust) und erzwingt sich die Aufmerksamkeit seiner Nächsten durch Schreien, durch mannigfache rhythmische Körper­bewegungen» ([1], S. 33). Für von Monakow sind Gefühle bzw. Instinkte «eine direkte Manifestation der Horme» ([1], S. 27) und sind bei jedem Lebewesen vor­handen. Auch heute sind wir der Meinung, dass ­Wahrnehmung und Bewusstwerden von Körperempfindungen und Emotionen sich in den frühesten Be­ziehungen mit primären Betreuungspersonen aufbauen und fundamentale Bausteine in der Entwicklung von Selbsterleben und Selbstbild sowie von kognitiven Prozessen und Kreativität darstellen [5].

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Abbildung 2: Erste Seite des Artikels von 1919. Beide Teile des Artkels können als PDF auf der Website www.sanp.ch heruntergeladen werden.

Von Monakow benutzt das Kakon (altgriechisch κακὸν), einen Begriff, der unzählige Male in der Bibel vorkommt und die Bedeutung des Bösen, des Übels und des ­Verbrechens innehat. Eine der häufigen Formen des Kakons sind nach von Monakow die «sogenannten hysterischen ‹Krisen› oder Angstattacken» ([2], S. 240). Die Hysterie erachtet von Monakow als eine «komplizierte Reaktionsform des Zentralnervensystems resp. der Horme bei ungelösten Konflikten zwischen den natür­lichen instinktiven Forderungen und den Forderungen der Gesittung und Kultur» ([1], S. 35).

Die Ekklisis, von von Monakow als Ablehnung und ­Abwehr bezeichnet, bildet die Basis des Kakons, das von Patienten als Bedrohung erlebt und «in die Zukunft projiziert» wird ([2], S. 255). Dieser Gedanke ist teilweise vergleichbar mit dem Agonie-Begriff von Winnicott [6], der aussagt, dass der in der Zukunft ­liegende, gefürchtete Zusammenbruch sich bereits in der Kindheit er­eignet habe, die Angst des Patienten jedoch seinem Bedürf­nis entspreche, sich an den ursprüng­lichen ­Zusammenbruch zu «erinnern», was nur durch ein Wiedererleben zustande kommen kann. «Im Bereich der ­seelischen ­Erkrankung ist jede Abnormität die Folge einer Störung der emotionalen Entwicklung. In der Behandlung wird die ­Heilung dadurch erreicht, dass der Patient die ­Fähigkeit ­erlangt, seine emo­tionale Entwicklung an der Stelle fort­zusetzen, wo sie aufgehalten worden ist. Um an diesen Punkt zu kommen, muss der Patient immer in seine frühe Kindheit oder Säuglingszeit zurückkehren» ([7], S. 149).

Von Monakows Bestreben zielt dahin, psychische Erkrankungen in einem biologischen bzw. pathophysiologischen Konzept zu betrachten. Er schlägt vor, einen physiologischen Zusammenhang zwischen dem Organ der Seele, dem Gehirn, und der psychischen Symptome aufzubauen und so «das Gehirn mit der Seele ­näher bekannt [zu] machen» ([2], S. 268). Am Beispiel der Schizophrenie meint er, das patholo­gische Substrat in Form einer «schweren strukturellen Störung der Plexus choroidei» entdeckt zu haben ([2], S. 273). Wir sind jedoch auch heute von einem Er­klärungsmodell der schizophrenen Psychosen weit entfernt.

Von Monakow ist bemüht, eine «gangbare Brücke ­zwischen dem Gehirn, dem Organ der Seele, und den Symptomen der Geistesstörung» zu schlagen ([2], S. 275). Ein Begriff, der heute immer noch gültig ist und von von Monakow geprägt wurde, ist die Schisis oder Diaschisis; im neurophysiologischen Sinn handelt es sich um einen sekundären Funktionsverlust in einer Region, die mit dem primär geschädigten Areal in ­einem synaptischen Kontakt steht. Dieser Effekt wird auf eine transsynaptische Schädigung zurückgeführt.

Ein weiterer Begriff von von Monakow, den er von ­Semon1 [8] übernahm, ist die Mneme, (griechisch Μνήμη, Erinnerung] eine Bezeichnung, die als Mem von Dawkins [9], der die Darwin’sche Evolutionstheorie auf sozio-kulturelle Phänomene anwendet, neulich beschrieben wurde. Es handelt sich um Elemente, die nicht genetisch, sondern durch Imitation übertragen werden. Von Monakow vertritt die Ansicht, dass die Mneme von einer Generation zur andern übermittelt werden können. Dass Gehirn und Umfeld einen wechselseitigen Einfluss aufeinander haben, ist heute gut belegt. Umweltfaktoren können die Genexpression durch epigenetische Mechanismen beeinflussen. Genetische und epigenetische Faktoren stehen in einer anhaltenden und komplexen Wechselwirkung.

Von Monakow erkennt die wichtige Rolle der Affekte und der Triebe in der Entwicklung der menschlichen Psyche, wobei er sich kritisch von den «sogenannten Psychoanalytikern» , unter anderen Freud, distanziert, mit dem Vorwurf, sie hätten den Zusammenhang mit der Morphologie verloren ([2], S. 268).

Für von Monakow haben «psychische Symptome» letztlich eine gemeinsame physiologische und morphologische Basis.

1 Nach Semon werden erworbene Eigenschaften ebenfalls vererbt.

1 Von Monakow C. Psychologie und Biologie. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 1919; Band IV, Heft 1, S. 13–44.

2 Von Monakow C. Biologie und Psychologie. Schweiz Arch Neurol Psychiatr. 1919; Band IV, Heft 2, S. 235–76.

3 Steck A, Steck B. Brain and Mind. Subjective Experience and Scientific Objectivity. New York: Springer; 2015.

4 Freud S. Das entwicklungsgeschichtliche Interesse an der Psychoanalyse. Gesammelte Werke. Werke aus den Jahren 1909–1913. Frankfurt a.M.: S. Fischer; 1973.

5 Damasio A. The Feeling of What Happens: Body, Emotion and the Making of Consciousness., London: Heinemann; 1999.

6 Winnicott DW: Fear of breakdown. Int Rev Psycho-Anal. 1974;1:103–7.

7 Winnicott DW. Das Baby und seine Mutter. Stuttgart: Klett-Cotta; 1990.

8 Semon R. Die Mneme als erhaltendes Prinzip im Wechsel des ­organischen Geschehens., Leipzig: Engelmann; 1904.

9 Dawkins R. The Selfish Gene. Oxford University Press; 1976.

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Abbildung 1: Constantin von Monakow.
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Abbildung 2: Erste Seite des Artikels von 1919. Beide Teile des Artkels können als PDF auf der Website www.sanp.ch heruntergeladen werden.

Andreas Stecka, Barbara Steckb

a Prof. Emeritus, Neurologie, Universität Basel

b Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie, Universität Basel

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Korrespondenz:
Prof. Dr.med. Andreas Steck
University of Basel
CH-4031 Basel
andreas.steck[at]unibas.ch