Editorial

Die vorliegende Ausgabe des SANP ist ein Beweis für die Vita­lität des Faches Psychiatrie.

Lebendige Psychiatrie

Daniele Zullino

DOI: 10.4414/sanp.2017.00486
Publication Date: 15.02.2017
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(02):0

Wissenschaftliche Disziplinen basieren nach Ansicht des Wissenschaftsphilosophen Thomas Kuhn auf ­Paradigmata [1], d.h. grundsätzlichen Denkweisen, die sich in spezifischen Weltanschauungen und Lehr­meinungen niederschlagen. In diesem Sinne sind sie kulturelle Phänomene, umfassen so auch das tradi­tionelle und soziale Erbe eines Gemeinschaft, seine ­Sitten und ­Gebräuche, das übermittelte Wissen sowie ein Zusammengehörigkeitsgefühl [2]. Kultur bietet ein Welt­verständnis und Anleitungen, um sich den An­forderungen der Welt zu stellen [3]. Die Vitalität einer ­Kultur, so auch einer wissenschaftlichen Disziplin (z.B. der Psychiatrie), zeigt sich in der Fähigkeit, sich im wahrsten Sinne seiner grundlegenden Werte (seiner Geschichte) bewusst und gleichzeitig fähig zu sein, sich neuen Paradigmata, anderen Disziplinen zu öffnen.

Eine vitale Disziplin gewinnt so ihre Antriebs­­kraft aus der Spannung zwischen Tradition und Er­neuerung. Disziplinäre Grenzen müssen hierbei aufgebrochen oder überbrückt werden («boundary breaking» oder «boundary bridging»). «Boundary breaking» bedeutet, sich einer ­anderen Disziplin zuzuwenden, um die ­eigene Disziplin auszubauen. «Boundary bridging» ­findet dann statt, wenn eine Disziplin auf Erkenntnisse einer Nachbardisziplin baut, um eigene Pro­bleme angehen zu können. So entstehen hybride ­Zonen, die durch die Not­wendigkeit des Austausches unter den ­jeweiligen Fachleuten die entsprechenden Fachgebiete beleben, deren Kreativität erwecken. Neue Ideen bestehen eben häufig im einem Neu-Durch­denken alter Probleme.

Die vorliegende Ausgabe der «Swiss Archives of Neurology, Psychiatry and Psychotherapy» ist in ­diesem Sinne ein offenkundiger Beweis für die Vita­lität des ­Faches Psychiatrie. Im Gespräch, das Karl Studer mit Gregor Hasler geführt hat, wird das für eine ständige Erneuerung des Faches notwendige Überk­reuzen von Paradigmata aus verschiedensten Gebieten diskutiert [4]. Der im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums der Zeitschrift erscheinende Artikel von Andreas Steck und Barbara Steck zeigt andererseits anhand zweier im Jahre 1919 im Archiv publizierter Artikel auf, dass der heutige Dialog zwischen Neurobiologie und Psycho­pathologie alles andere als neu ist [5].

Eine zeitgemässe Psychiatrie muss sich aktuellen und künftigen Herausforderungen stellen, wie z.B. der ­Alterung der Bevölkerung. Armin von Gunten und Dan Georgescu präsentieren eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Schweizer Alterspsychiatrie und zeigen deren wichtigsten zukünftigen Aufgaben auf [6]. Die von Gamma et al. [7] publizierte goss angelegte Studie wendet sich eher dem anderen Ende des Altersspektrums zu und hebt den Bedarf an besseren ADHD-Filterunter­suchungen in der Schweiz hervor.

Eine vitale wissenschaftliche Disziplin produziert ­allerdings nicht nur Wissen, sie verbreitet dieses Wissen unter ihren Mitgliedern ... und sie frischt es auf. Mit der vorliegenden Nummer beginnt eine neue ­Weiterbildungsreihe im SANP: Case reports mit Quizfragen [8]. Anhand kurzer Fallbeschriebe werden wesent­liche Aspekte der psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxis aufgegriffen und in Multiple-choice-Fragen getestet. Der Schweregrad der Fragen entspricht in etwa jenem der Fachprüfung I Psychiatrie und Psychotherapie. Und dies ist ein weiterer Aspekt einer lebhaften Disziplin: Sie soll auch Spass machen.

1 Kuhn TS. The Structure of Scientific Revolutions. Chicago:
University of Chicago Press; 1962.

2 Becher T. The significance of disciplinary differences. Studies in Higher Education. 1994;19:151.

3 Bailey FG. Anthropology. In: Clark BR, Neave G, eds. The Encylopedia of Higher Education. Oxford: Pergamont Press; 1992.

4 Hasler G, Studer K. Wozu braucht die Schweizer Psychiatrie angewandte Forschung? Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(2):50–1.

5 Steck A, Steck B. Von Monakows Lehre im heutigen Kontext. Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(2):30–2.

6 von Gunten A, Georgescu D. Pyschiatrie de la personne âgée en Suisse. Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(2):33–40.

7 Gamma A, Müller A, Canrdian G, Eich D. Attention deficit/hyperactivity disorder in Swiss primary care. Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(2):41–7.

8 Zullino D, Penzenstadler L. Zwangsgedanken. Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(2):48.

Daniele Zullino