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Book review

Wulf Rössler (Hrsg.): Handlungsfelder der psychiatrischen Versorgung

Ambros Uchtenhagen

DOI: 10.4414/sanp.2017.00424
Publication Date: 29.03.2017
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(03):84-85

Wulf Rössler (Hrsg.):

Handlungsfelder der psychiatrischen Versorgung

Stuttgart: Kohlhammer; 2016.

1. Auflage.

140 Seiten, 8 Abb., 1 Tab.

Preis € 19,00.

ISBN 978-3-17-030075-0.

Zunächst ist Ausserordentliches zu ver­mel­den: Der Herausgeber, mit Leistungsaus­weis als erfahrener Versorgungsforscher zu meinem Nachfolger auf den Lehrstuhl für Sozial­psychiatrie in Zürich gewählt, entwirft ein Forschungsprogramm als Antwort auf ver­nach­lässigte Probleme der psychiatrischen Versorgung. Die Gesundheitsdirektion be­grüs­st und begleitet das Vorhaben, das hervor­ragend in die kantonalzürcherische «Visio­n Psychiatrie» passt, ein Sponsor spricht die Mittel zur Umsetzung, in deren Verlauf das Projekt zu beeindruckender Grös­se heranwächst. Der Sponsor und das Ausmass der zweifellos beträchtlichen Mittel bleiben im Dunkeln.

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Das «Zürcher Impulsprogramm zur nach­haltigen Entwicklung der Psychiatrie» (ZInEP) umfasste bis zum Ende neun Teilprojekte mit je eigenen Fragestellungen, Methodenentwicklungen und Forschungsteams (ins­gesamt 79 Personen). Jedem Teilprojekt ist eine gut dokumentierte Übersicht zum Forschungsstand vorangestellt. Es rechtfertigt sich, die einzelnen Projekte mit den wich­tigsten Stichworten vorzustellen:

1) Epidemiologie: Hauptziel waren umfassende Informationen zur psychischen Gesundheit und psychischen Störungen in der Zürcher Bevölkerung, anhand einer Ausgangsstichpro­­be von 10 000 Personen. In Teilstich­pro­ben wurden Einstellungen, Stigmatisierungen, ­Inanspruchnahme medizinischer Diens­te ­sowie biologische Stressparameter berücksichtigt. Im vorliegenden Band finden sich ­Ergebnisse am Beispiel von Persönlichkeitsstörungen, mit markanten, praxisrelevanten Befunden zu Risikofaktoren sowie metho­dische und methodologische Folgerungen für die weitere epidemiologische Forschung.

2) Früherkennung von Psychosen: In 5 Früh­erkennungszentren wurden poten­tielle Zuweiser und Selbstmelder in einer Öffentlichkeitskampagne auf das Projekt hingewiesen. In einem mehrstufigen Prozess wurde das indi­viduelle Risikoprofil der ­Betroffenen er­mit­telt. Die Untersuchungen wurden wiederholt, zuletzt nach 36 Monaten. Vorgelegt werden erste Ergebnisse zu Ver­änderungen der Hirnakti­vität sowie neuropsychologischer Be­fun­de im Vergleich zu ­gesunden Kontroll­­­personen. Die Erarbeitung geeigneter Präven­tions­strategien sowie deren Überprüfung bleiben noch zu leisten.

3) Prävention von Zwangseinweisungen: In den vier ­beteiligten Kliniken wurden Patienten mit mindestens einer Zwangseinweisung (für­sorgerische Unterbringung) im Verlauf der letzten zwei Jahre rekrutiert, in das Programm aufgenommen (sofern damit einverstanden) und randomisiert der Interventionsgruppe oder einer nach üblicher klinischer Praxis ­behandelten Kontrollgruppe zugewiesen. Die Intervention umfasste eine problem­spezi­fische Schulung, eine sog. Krisenkarte mit Kontaktadressen, individuellen Krisensymptomen und Behandlungswünschen sowie ein präventives Monitoring über 24 Monate hinweg von der Entlassung an. Die Daten befinden sich in Auswertung; über die Wirksamkeit der Intervention lässt sich noch nichts aussagen.

4) Nachstationäre Netzwerk-Koordination: Eine­s von zwei Teilprojekten untersuchte das Case Mana­gement der Integrierten Psych­iatrie Winterthur – Zürcher Unterland, wobei eine ran­domisierte Studie zu deren Wirksamkeit mangels Bereitschaft von Betroffenen und Versorgern nicht zustande kam. Hingegen wurde die Wirksamkeit einer Kurzintervention nach Entlassung («poststationäre Netzwerk-Koordination») untersucht. 77 Pa­tienten (vorwiegend Substanzstörungen, Psychosen und affektive Störungen) bildeten die Interventionsgruppe, deren 75 die Kontrollgruppe. Mitgeteilt werden einzelne qualitativ-beschreibende Elemente, die Hauptergebnis­se liegen noch nicht vor.

5) Integration in den ­Arbeitsmarkt: Ein um ­individuelle Patientenmerkmale erweitertes Konzept von supported employment mit placement budget wurde anhand einer Ambulato­riumsstichrobe von 127 Personen untersucht, randomisiert nach unterschiedlichen Zeit­bud­­gets für die Stellensuche. Damit konnten einzelne Erfolgsfaktoren erkannt werden; nach Einschätzung der Forscher ­müssen weitere Studien folgen, um sicheres Wissen in die Praxis umsetzen zu können.

6) Bündelung neuro- und sozial-physiologischer Befunde: In einem eigenen Labor wurden Testbatterien aufgebaut; sie sind hier im Einzelnen beschrieben. Probanden aus den Teilprojekten 1, 2 und 5 wurden damit untersucht sowie die Fragestellungen zur vorge­sehenen Datenauswertung erörtert.

7) Probleme der Etikettierung und Stigmati­­sierung: In den Teilprojekten 1–5 und 8 wur­de­n projektspezifisch Fragestellungen zu ­Dis­kri­mi­­­­nierung, Selbststigmatisierung und Stig­ma­stress untersucht und zum Teil pra­xisrelevante Zusammenhänge gefunden. Für die Entwicklung wirksamer Antistigma-In­terventionen wird weitere Forschung unter aktiver Beteiligung von Betroffenen gefordert.

8) Psychische Gesundheit im hohen Alter: Eine explorative Längsschnittstudie an 40 über 85-Jährigen ohne Demenz soll Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Amyloid­pathologie und geistiger Leistungsfähigkeit ­erlauben. Ausserdem sollen Schutzfaktoren gegen Demenzentwicklung untersucht werden, in der Hoffnung auf mögliche präventive Interventionen.

9) Entwicklungspsychopathologie der Adoleszenz: Mit Mitteln aus dem ZInEP-Projekt wur­de 2014–2016 eine Anschlussstudie der Zürche­r Adoleszenten-Psychologie und -Psy­cho­­­­­pathologie-Studie (ZAPPS) finanziert. Die mit einer repräsentativen Stichprobe von 6–17-Jährigen durchgeführte Längsschnitt­studie ZAPPS wird anhand von drei diag­nostischen Subgruppen dargestellt (Depres­sionen, Essstörungen, Substanzmissbrauch) einschliess­lich der wichtigsten Befunde. Die Anschluss­studie soll ermöglichen, Indi­ka­toren und Prävalenz der Störungen bis ins ­Erwachsenenalter zu verfolgen, aber auch transgenerationale und epochale Faktoren zu untersuchen.

Das sechsjährige Gesamtprojekt endete 2014. Vorläufige Ergebnisse wurden 2015 in einem Symposium vorgestellt und finden sich nun im vorliegenden Band wieder. Dabei zeigt sich bei einigen Teilprojekten, was an Problemen bei der Durchführung auftrat, wie etwa ­zögerliche Akzeptanz randomisierter Designs bei Betroffenen und Versorgern sowie zum Teil beträchtliche Abbruchquoten der Stichproben.

In der Mehrzahl der für die Versorgungssituation relevanten Teilprojekte liegen zwar erste Ausrechnungen vor, doch die abschlies­sen­den Ergebnisse, die Wirksamkeit und die ­Umsetzbarkeit sind noch offen. Insofern muss sich der Leser gedulden und die Ankündigung eines «vollen Erfolgs» des Programms als das nehmen, was es ist: eine Ankün­digung. ­Jedenfalls wurden Grundlagen geschaffen für Ant­wor­ten auf die im jüngst publi­zierten Massnahmenkatalog des Bundes erwähnten Anliegen zur Förderung der psychischen ­Gesundheit: Entstigmatisierung, Früherkennung, Koordination und Vernetzung sowie Ansätze für die im Bericht des Bundesrates zur «Zukunft der Psychiatrie in der Schweiz» empfohlene Weiterentwicklung der Ange­bots­­­strukturen.

Ambros Uchtenhagen, Zürich

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