Book review

Wolfgang Söllner (Hrsg) „Kranker Körper - kranke Seele. Psychotherapie mit körperlich Kranken"

Friedrich Stiefel

DOI : https://doi.org/10.4414/sanp.2018.00560
Publication Date : 28.03.2018
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2018;169(03):96-97

Wolfgang Söllner (Hrsg)

Kranker Körper – kranke Seele

Psychotherapie mit körperlich Kranken

Heidelberg/Berlin: Springer Verlag, 2018.

149 Seiten.

Preis: € 34,99.

ISBN: 978-3-662-54657-4.

auch als eBook erhältlich:

https://doi.org/10.1007/978-3-662-54658-1

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Wolfgang Söllners Buch «Kranker Körper – kranke Seele» handelt von der Psychotherapie körperlich Kranker. Ein Kapitel ist mit ­Elisabeth Wentzlaff und Susanne Gutberlet als Koautorinnen, gezeichnet, das Kapitel zum unheilbaren und sterbenden Patienten wurde durch Kurt Fritzsche und Ines Cam­pagnolo verfasst. Das Buch ist sehr vielschichtig aufgebaut, umfassend in der Darstellung der behandelten Themen, didaktisch vielfältig konzipiert und an der täglichen Praxis ­orientiert.

Vielschichtig, weil einerseits die psychodynamisch-orientierte Psychotherapie körperlich Kranker eingehend besprochen wird – deren Eigenheiten, Bedeutung, Möglichkeiten und Grenzen – und gleichzeitig auch die syste­mischen und kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätze sowie auch die grundlegenden unspezifischen Wirkfaktoren der Psychotherapie und Grundlagen der therapeutischen Gesprächsführung behandelt werden. Auch wenn viele psychiatrische Konsile im Spital von begrenzter Dauer sind und aus unterschiedlichen Gründen nur wenige Pa­tienten von längerfristigen psychotherapeutischen Interventionen profitieren können, zeigt dieses Buch sehr schön, dass die psychoanaly­tische Perspektive eine therapeutische Haltung ist, die auch in kurzen Interventionen von Bedeutung ist und ein Menschbild vermittelt, in dem das psychische Symptom nicht «wegbehandelt» werden muss, sondern einfach Quelle für neue Einsichten und Entwicklungen ist. Die Darstellung der psychotherapeutischen Praxis mit körperlich Kranken wird somit disziplinär ver­ankert und gleichzeitig mit vielen Hinweisen auf anthropologische oder existentielle und philoso­phische Sichtweisen ergänzt, ­welche für die Arbeit des Psychosomatikers und ­Konsiliar- und Liaison-Psychotherapeuten von Bedeutung sind. Diese Vielschich­tigkeit ist auch ein Appell an die in der Kon­siliar- und Liai­son­psychiatrie tätigen Kliniker, ihre Sicht­weise zu erweitern und die gesell­schaftlichen und existentiellen Ele­mente, welche das Krank­sein beeinflussen, in ihre Überlegungen einzubeziehen. Erkenntnisse aus den ­Sozialwissenschaften können dies­bezüglich von gros­sem Gewinn sein.

Das Buch ist umfassend aufgrund der be­handelten Themen – Kranksein und Herausforderungen des Krankseins, Leitaffekte der Patienten, Indikationen zur Psychotherapie körperlich Kranker, das somatische Setting und die Herausforderungen der triadischen Beziehungen in der Konsiliar- und Liaisonpsychiatrie, die Gestaltung der therapeu­tischen Beziehung im Krankheitsverlauf, Technik der Kurztherapien – und weil auch Themen diskutiert werden, die nach wie vor vernachlässigt werden, wie beispielsweise das Beenden der Therapie, Gegenübertragung (welcher in einem von schwerem, die Existenz bedrohendem Leiden geprägten Setting eine spezifische Bedeutung zukommt) oder die Frage der Kompetenzen und Bedürfnisse der Psychotherapeuten. Umfassend ist es ausserdem aufgrund der soliden theoretischen und wissenschaftlichen Einbettung dieser Themen, wobei immer ­wieder die historische ­Perspektive aufgezeigt wird und somit die konzeptuellen Ansätze in einen grösseren ­Zusammenhang gestellt werden.

Didaktisch lebt das Buch von den vielen ­Fallbeispielen, die kommentiert und in nachfolgenden Kapiteln wieder aufgenommen werden, sodass sie den Leser bis ans Ende des Buches begleiten. Definitionen werden ­separat aufgeführt und erleichtern die Lektüre, ebenso die in Tabellen oder Abbildungen dargestellten Zusammenfassungen klinischer Informationen oder wissenschaftlicher Untersuchungen. Die wichtigsten Elemente eines Kapitels sind hervorgehoben und mit ­Zitaten aus verschiedensten Quellen ergänzt.

Trotz der Vielschichtigkeit und der umfassenden Darstellung der Themen bleibt der Leser auf die klinische Arbeit des Psychotherapeuten konzentriert. Und dies ist das ganz Spe­zielle an diesem Buch und das Verdienst von Wolfgang Söllner und seinen Mitautoren: Sie erscheinen zwischen den Zeilen als erfahrener Kliniker, die sich kritisch mit dem Thema der Psychotherapie körperlich Kranker aus­einandersetzen, als Psychotherapeuten, die solide in der psychoanalytischen Theorie ­verankert sind und deren Bedeutung für die alltägliche Klinik darzustellen wissen. Gerade weil sie theoretisch verankert sind, ist es ­ihnen auch möglich, in gewissen Situationen eher unkonventionelle Interventionen anzuwenden, wie beispielsweise die Integration gestalterischer Elemente (in Form einer Aufforderungen an den Patienten, Zeichnungen zu seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in die Therapiestunden mitzubringen und dort zu besprechen). Mit anderen Worten: Weil sie wissen, wo sie als Therapeuten stehen, haben Söllner und seine Mitautoren keine Berührungsängste mit anderen Therapieansätzen und verschiedenen kreativen, nicht-verbalen psychotherapeutischen Zugängen, erkennen die Grenzen des psycho­logischen Verständnisses des Krankseins und sind offen für den Einbezug der Sozialwissenschaften und der Kunst, um Kranksein und den kranken Menschen zu verstehen.

Wolfgang Söllner zeigt sich in seinen Kapiteln als Kliniker und Psychotherapeut, der auch klar Stellung bezieht, beispielsweise in Bezug auf seines Erachtens unhaltbare therapeu­tische Haltungen gegenüber körperlich Leidenden, und der sich nicht davor scheut, ­eigene Grenzen, Ängste und selbst eigene ­biographische Elemente mitzuteilen, wenn es dem Verständnis des geschilderten Fall­beispiels dient. Dies ist wohltuend, ist doch in vielen Arbeiten zum Thema Psychotherapie immer nur von den Patienten die Rede, als ob man den Patienten ohne den Thera­peuten und somit ohne die intersubjektiven Prozesse in der Psychotherapie verstehen könnte. Dieses Buch beruht auf der 40-jäh­rigen Erfahrung eines Psychotherapeuten, der sich im ­somatischen Universum bewegt, eines passionierten Psychosomatikers und Akademikers der sich den wissenschaftlichen Anforderungen dieser Disziplin stellt, eines systemisch denkenden Klinikleiters, der die verschiedensten kontextuellen Einflüsse auf Patient und Therapeut kennt, und vor allem eines Menschen der mit Respekt und Behutsamkeit sich dem kranken Mitmenschen zuwendet.

Friedrich Stiefel, Lausanne

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