Case report

Case report und Quiz

Wer hat das Sagen?

Daniele Zullino, Ariella Machado

DOI: https://doi.org/10.4414/sanp.2018.00581
Publication Date: 28.03.2018
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2018;169(03):91-92

Herr K, ein 33-jähriger Tiefbauzeichner, leidet seit ­seiner Adoleszenz an Asthma. Seit einigen Jahren stellt sein Hausarzt, Dr. A, einen übermässigen Gebrauch von Salbutamol fest. Nachdem der Hausarzt versucht hat, dem unmässigen Einsatz des Bronchospasmolytikums Einhalt zu gebieten, habe der Patient andere Kollegen aufgesucht, um an ausreichend Salbutamol zu gelangen. Sowohl Dr. A als auch die Pneumologen des nahen Unispitals haben ­zudem seit Jahren versucht, ihm eine Atem-Physio­therapie zu verschreiben. Der Patient selber sieht hierin allerdings keinerlei Nutzen.

Als er ein weiteres Mal auf die Möglichkeit einer Atemtherapie hingewiesen wird, antwortet Herr K: «Was soll ich Atemtechniken lernen, wenn meine Asthma-Anfälle durch Umwelteinflüsse ausgelöst werden. Ja glauben Sie denn, ich mache dies extra und löse meine Anfälle aus? Hören Sie bitte auf, mich zu plagen, und verschreiben Sie mir mein Medikament. Nur mein ­Medikament kann mir helfen.»

Frage 1

Wie lässt sich die Haltung Herrn K’s am besten bezeichnen?

A Negativismus

B Münchhausen Syndrom

C Externale Kontrollüberzeugung

D Projektive Identifizierung

E Überwertige Idee

Das Konstrukt der Kontrollüberzeugung bezieht sich auf das Ausmass, mit dem eine Person glaubt, dass das Auftreten eines Ereignisses abhängig vom eigenen Verhalten ist, ob also der Ort der Kontrolle innerhalb oder ausserhalb des Individuums liegt (englisch: internal vs. external locus of control). Eine internale Kon­trollüberzeugung liegt dann vor, wenn die Person ein Ereignis als Konsequenz eigenen Verhaltens wahrnimmt. Bei Vorliegen einer externalen Kontrollüberzeugung wird das Ereignis als unabhängig vom ­eigenen Verhalten wahrgenommen, als der eigenen Kontrolle entzogen. Es handelt sich bei der Kontrollüberzeugung um mentale Vorgänge, welche mit der Realität in keiner Weise übereinstimmen müssen, die das Handeln dennoch lenken.

Der Negativismus ist ein psychiatrisches Symptom aus der Kategorie der Parakinesen. Die Person handelt hierbei entgegengesetzt zum von ihr Verlangten bzw. Erwarteten, oder jede Handlung wird gar komplett ­verweigert. Es lässt sich hierbei ein aktiver Negativismus (zur äusseren Erwartung gegenteiliges Verhalten) und ein passiver Negativismus (Unterlassung einer ­erwarteten Handlung) unterscheiden.

Das Münchhausen-Syndrom (auch: artifizielle Störung oder Koryphäen-Killer-Syndrom) beinhaltet die Vortäuschung und/oder das künstliche Hervorrufen ­körperlicher und/oder psychischer Krankheitssymptome, sowie das suchtartige Verlangen nach ständig neuen Krankenhausaufenthalten (sogenanntes «Krankenhauswandern»).

Der psychoanalytische Begriff der projektiven Identi­fikation bzw. projektiven Identifizierung, wurde erstmals von Melanie Klein verwendet und später von Otto Kernberg weiterentwickelt. Er bezeichnet einen u­nbewussten Abwehrmechanismus von Konflikten, bei dem Teile des Selbst abgespalten und in einer Art und Weise auf eine andere Person projiziert werden, dass diese die Projektion zulässt und als Folge hiervon entsprechende Verhaltensweisen zeigt, ohne sich in der Regel dieses Mechanismus’ bewusst zu sein.

Der Begriff der überwertigen Idee bezeichnet eine ­dauerhafte Idee, welche den Antrieb und die Willensbildung beeinflusst, und besonders stark emotional gefärbt ist. Die Person ist subjektiv von diesem Leit­gedanken überzeugt und für Einwände nur schwer ­zugänglich. Somit ist die überwertige Idee dem Wahn nahestehend. Im Kontrast zum Wahn kann sich die Person mit einer überwertigen Idee jedoch noch mit der Möglichkeit einer fehlerhaften Vorstellung aus­einandersetzen. Der Verlauf zur Wahnidee kann aber fliessend sein. Das Handeln der Person kann stark durch diese Ideen beeinflusst werden, die Verwirk­lichung der eigenen Überzeugungen entgegen aller ­Widerstände kann eventuell zum eigentlichen Lebensziel werden, weswegen der Begriff auch dem ­Begriff des Fanatismus nahesteht.

Korrekte Antwort: C

Frage 2

Salbutamol ist auf der Dopingliste. Welche der folgenden in der Psychiatrie gebräuchlichen Substanzen ist nicht auf der Liste?

A Modafinil

B Buprenorphin

C Cannabidiol

D Pindolol

E Methylphenidat

Doping bezeichnet die Anwendung von leistungs­steigernden Wirkstoffen und Methoden, die auf der Dopingliste aufgeführt und damit verboten sind (Antidoping.ch).

Cannabidiol ist ausdrücklich nicht auf der Dopingliste 2018. Hingegen sind es Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) und andere Cannabimimetika.

Das Psychostimulanz Modafinil kann die Ausdauer und die Explosivität (z.B. im Fussball) erhöhen, und ist folglich in die Liste aufgenommen worden.

Sowohl Buprenorphin als auch andere Opiat-Analgetika (z.B. Methadon und Heroin) sind auf der Dopingliste.

Pindolol und andere Beta-Blocker sind nicht allgemein, aber in bestimmten Disziplinen verboten. So z.B. im Automobilsport, im Bogenschiessen und im Ski/Snowboard.

Methylphenidat unterdrückt Müdigkeit und Hemmungen und steigert die körperliche Leistungsfähigkeit.

Korrekte Antwort: C

– Rotter JB. Generalized expectancies for internal vs. external ­control of reinforcement 1966. Psychological Monographs 1966; 80(1):1–28

https://www.antidoping.ch/de/gesetze-und-richtlinien/
privatrecht/dopingliste

Daniele Zullino, Ariella Machado

Service d’addictologie, Hôpitaux Universitaires de Genève

No financial support and no other potential conflict of interest ­relevant to this article was reported.

Correspondence:
Prof. Dr. med. Daniele Zullino

Service d’Addictologie
Hôpitaux Universitaires
de Genève
CH-1205 Genève
Daniele.Zullino[at]hcuge.ch