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Book review

Bertrand Cramer und Francisco Palacio-Espasa: Psychotherapie mit Müttern und ihren Babys.

Thomas von Salis

DOI: 10.4414/sanp.2017.00444
Publication Date: 29.03.2017
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(03):85

Bertrand Cramer und Francisco Palacio-­Espasa:

Psychotherapie mit Müttern und ihren Babys.

Kurzzeitbehandlungen in Theorie und Praxis.

Marie-Jeanne Augustin-Forster (Hrsg.)

Buchreihe: edition psychosozial

Giessen: Psychosozial-Verlag, 2009.

393 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm.

Euro: 39.90.

ISBN 978-2-13-058429-2.

Dieses sorgfältig übersetzte und edierte Buch erschien in französischer Sprache bereits 1993. Da es inzwischen den Status eines «Klassikers» errungen hat, soll es an dieser Stelle angezeigt werden. Die inzwischen Mode gewordenen kurzen Psychotherapien, die unter diversen Bezeichnungen angepriesen werden, aber jeweils nur einen Bruchteil des Gehalts aufweisen, der der Arbeit der beiden Genfer Autoren zugesprochen werden muss, können ihrerseits in ihrer Wirksamkeit besser verstanden werden, wenn man die tiefgründigen Studien, die in Genf Tradition haben, kennt und sich methodisch aneignet.

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Die besondere Stärke des Buches liegt in der Verbindung der psychoanalytischen Methode mit objektivierender experimenteller Forschung. Beide Dimensionen werden dem Leser zugänglich gemacht, indem sie einerseits an konkreten Beispielen sehr ausführlich und gut verständlich dargestellt und ­anderseits in abstrakt-konzeptueller Form diskutiert werden, aber immer nahe an der Klinik und im Lichte einer grossen psycho­therapeutischen Erfahrung.

Das Thema der Babyjahre und der Elternschaft bekommt durch diese Forschung, an der neben den Buchautoren auch weitere Genfer und USA-Forscher wie Robert-Tissot, Daniel Stern, Terry Brazelton, Juan Manzano, Dora Knauer und viele andere beteiligt waren und noch sind, ein Gewicht, das manche ­Erwachsenen-Psychiater überraschen mag. (Dora Knauers Buch über die langfristigen Erfolge frühkind­licher psychotherapeutischer Behandlungen wurde im SANP Heft 6/2011 bereits besprochen.) Ein spezieller Grund für die Erfolge dieser ­Behandlungen ist die Tatsache der schon von Winnicott entdeckten besonderen psychischen Verfassung der Eltern in der Zeit um die Geburt des Kindes herum, die in einer Plastizität und Empfänglichkeit besteht, die zu anderen Zeiten nicht gegeben ist. Die Autoren heben zwei Faktoren besonders hervor, nämlich dass die Schnelligkeit der Verän­derung durch die Therapie nur einen Sektor der elterlichen Persönlichkeit betrifft, und dass es sich bei der psychischen Situation der Eltern nach der Geburt des Kindes um eine Neo-Formation handelt. Das heisst, es gab im Leben bis dahin keine vergleichbare Situation. Wenn die Eltern also in dieser Zeit be­sondere Auffälligkeiten zeigen, muss es sich nicht um eine vorbestehende Persönlichkeitsstörung oder sonst eine Psychopathologie handeln. Die Tatsache allein, dass ihnen ein Kind geboren wurde, führt zu Auffälligkeiten, die mit psychopathologischen Termini beschrieben werden können, aber auch zu ­dieser Plastizität, die eine rasche Heilung gestattet. Man kann ermessen, welche schlimmen ­Folgen eine Schwierigkeit in der Interaktion ­zwischen den Eltern und dem Kleinkind ­haben können, wenn sie nicht therapeutisch aufgefangen werden. Einmal mehr mag man sich hier die präventive Wirkung kinder­psychiatrischer Interventionen, besonders in den ersten Lebensjahren, vor Augen halten.

Das therapeutische Geschick der Autoren zeigt sich bei den Fallbeschreibungen immer wieder. Das trägt zum zeitlosen Wert des ­Buches nicht unerheblich bei. Die Leser/-innen können an den beschriebenen therapeutischen Vorgängen gewissermassen partizipieren und die Genugtuung mitempfinden, die sich bei allen Betroffenen einstellt, wenn eine klinische Situation adäquat verstanden und interpretiert wird.

Die therapeutischen Bemühungen im Mutter-Baby-Setting stossen allerdings bei starken narzisstischen Abwehren an eine Grenze. Da erweist sich die Einzelbehandlung als besonders wichtig.

Die Bedeutung des Vaters wird eingehend ­erörtert. Und im Zusammenhang mit dem Narzissmus führen die Autoren aus, wie ­wichtig die für die psychische Gesundheit frühe Triangulierung und das Erreichen des ödipalen Niveaus sind.

Die Unterschiede gegenüber den psychoanalytischen Einzelpsychotherapien und Psychoanalysen werden sorgfältig herausgearbeitet.

Das Buch liest sich – mehr oder weniger schnell – in einem Zug. In den theoretischen Kapiteln wird auf die Fallbeispiele verwiesen. Somit verstehen es die Autoren, aus dem Theore­tischen und Praktischen eine Einheit in der Darstellung zu schaffen.

Thomas von Salis, Zollikon

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