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Book review

Stefan Gutwinski, Thorsten Kienast, Johannes Lindenmeyer, Martin Löb, Sabine Löber, Andreas Heinz: Alkoholabhängigkeit – Ein Leitfaden zur Gruppentherapie

Daniele Zullino

DOI: 10.4414/sanp.2017.00475
Publication Date: 17.05.2017
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2017;168(04):125-126

Stefan Gutwinski, Thorsten Kienast, Johannes Lindenmeyer, Martin Löb, 
Sabine Löber, Andreas Heinz

Alkoholabhängigkeit – 
Ein Leitfaden zur Gruppentherapie

Stuttgart: Kohlhammer. Verlag; 2016.

2. überarbeitete Auflage.

Reihe: Störungsspezifische Psychotherapie.

222 Seiten, 17 Abb., 1 Tab.

Preis Euro 49,00.

ISBN: 978-3-17-030090-3.

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Noch ein Suchttherapiemanual. Braucht es das wirklich? Man könnte meinen, die Gestelle der spezialisierten Buchhandlungen seien bereits ausreichend bestückt mit dieser Art von Büchern … – könnte man meinen. Falls da nicht einige Besonderheiten der ­vorliegenden Publikation von Gutwinski et al. wären. Innovativ ist sicherlich nicht der ­modulare Aufbau der Behandlung, vielleicht gar unzeitgemäss deren Abstinenzorien­tierung. Was das Buch modern, und auch ­deshalb lesenswert und schlussendlich besitzenswert macht, sind die im ersten Teil des Buches diskutierten Grundannahmen, welche sowohl das Buch, als auch den ganzen Therapieablauf gliedern. Eine dieser Grund­annahmen ist, dass Suchtverhalten grösstenteils nicht willensgesteuertes Handeln ist. ­Rigide schriftliche Therapievereinbarungen, welche eine rationale Willenssteuerung als Grundlage menschlichen Handelns voraussetzen, sind folglich unzweckmässig. Ausserdem wird dem Craving, wie auch in anderen ­Therapiemodellen, eine zentrale Rolle zugesprochen. Die Autoren gehen hierbei allerdings von der von Stephen Tiffany bereits in den 90er Jahren vorgeschlagenen Theorie aus, wonach Suchverhalten automatisiertes Verhalten sei, und Craving der ins Bewusstsein tretende Ausdruck einer Unterbrechung eines Verhaltensautomatismus’. Nicht dem Craving gilt es folglich in der Therapie gegenzusteuern, sondern den Verhaltensauto­ma­tismen. Craving ist somit nicht primär ein zu behandelndes Symptom, sondern kann zum therapeutisches Instrument werden. Wo Craving ist, ist auch Bewusstsein. Und mit ­Bewusstsein lässt sich psychotherapeutisch arbeiten. Daraus leiten sich auch viele der in diesem Buch vorgeschlagenen Techniken ab, insbesondere das Reizexpositionstraining.

Ein weiterer zentraler Aspekt des Programms ist die Erarbeitung eines gemeinsamen Krankheitskonzepts mit dem Patienten. Erst nach Festlegung des gemeinsamen Krankheitskonzepts kann ein darauf abgestützter Therapieplan entworfen werden.

Das Buch mag sich mit Bedacht auf die ­ausführliche, neurobiologisch abgestützte Einleitung als Einstieg in die Suchttherapie eignen, als weiterführende Literatur für fortgeschrittene Kollegen und als kompaktes Nachschlagewerk für suchtspezifische gruppentherapeutische Interventionstechniken. Interessant ist schliesslich die Möglichkeit, Arbeitsmaterialien direkt mit einem mit­gelieferten Passwort von einer Internetseite des Verlags herunterzuladen.

Daniele Zullino, Genf

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